In den Schulen sind noch erhebliche Anstrengungen für Flüchtlingskinder nötig

Wie die Schulsituation erleichtert werden kann – Ein Gespräch mit Max Schmidt, Vorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes. Von Alexander Riebel

Nicht nur kommen täglich neue Flüchtlingskinder an die Schulen – erwachsene Asylbewerber können als Schülerlotsen tätig werden, wie hier an einer Schule im Raum München. Foto: dpa
Nicht nur kommen täglich neue Flüchtlingskinder an die Schulen – erwachsene Asylbewerber können als Schülerlotsen tätig ... Foto: dpa
Das neue Schuljahr hat gerade begonnen – wie können die Schulen in München und generell in Bayern die hohe Zahl der Flüchtlinge bewältigen?

Diese Frage lässt sich nur schwer beantworten. Derzeit sind in erster Linie Grund- und Mittelschulen sowie Berufsschulen von einer großen Zahl dieser Schüler und Schülerinnen betroffen. Besonders an den Berufsschulen gibt es eine sehr viel größere Zahl an Bewerberinnen und Bewerbern, als diese derzeit aufnehmen können.

Realschulen und Gymnasien verzeichnen dagegen eine sehr viel geringere Schülerzahl aus dem Bereich der Flüchtlinge und Asylbewerber, da wegen der dort notwendigen Fremdsprachenkenntnisse zusätzlich zum Deutschen eine Eingliederung seltener nachgefragt wird. Das ist sehr schade, da unter ihnen sicherlich eine ganze Reihe von Kindern und Jugendlichen zu finden ist, die für die weiterführenden Schulen durchaus geeignet wären. Aber auch die Nachfrage nach diesen Schulen wird in den nächsten Monaten und Jahren deutlich steigen. Das wird mit einem sehr viel höheren Betreuungsaufwand verbunden sein, da die höheren Anforderungen an diesen Schularten auch eine intensivere und umfangreichere individuelle Betreuung erfordern werden. Beispielsweise gilt es, die deutsche Sprache nicht nur als Umgangssprache, sondern als Bildungs- und Fachsprache zu beherrschen.

Wie können die ständig nachkommenden Flüchtlinge bewältigt werden?

Eine weitere besondere Schwierigkeit besteht darin, dass neue Schülerinnen und Schüler eben nicht nur zu Beginn des Schuljahres oder zum Halbjahr erscheinen, sondern im Wochen-, teilweise sogar im Tagesrhythmus einzugliedern sind. Dies führt dazu, dass die ursprüngliche Klassenbildung ständig umstrukturiert werden muss. Das geht nur mit mehr Personal und häufig benötigt man auch mehr Räume. In München zum Beispiel ist der Raummangel ganz enorm. – Bei allem Respekt vor dem Engagement und der Flexibilität der Behörden und der vielen ehrenamtlichen Helfer – aus schulischer Sicht muss ich sagen, dass die veränderte Situation, deren wahres Ausmaß und Ende ja immer noch nicht absehbar sind, von allen Beteiligten auf Jahre hinweg ganz enorme Anstrengungen abverlangen wird.

Können überhaupt die vielen Neuankömmlinge, von 50 000 Flüchtlingskindern in Bayern war die Rede, in den Schulen aufgenommen werden?

Eine Beschulung aller ist unter den bestehenden Möglichkeiten derzeit sicher nicht möglich. Eine große Unsicherheit besteht zudem in der Unterscheidung von Ankömmlingen aus Krisengebieten, denen vermutlich Asyl gewährt werden wird, und solchen, die aus sogenannten „sicheren“ Ländern kommen und eigentlich zeitnah wieder zurückgeführt werden sollen. Für mich ist daher völlig unklar, von welchen Zahlen wir derzeit eigentlich ausgehen müssen. Dabei ist es für alle Kinder und Jugendlichen wichtig, eine kontinuierliche und gute Schulausbildung sowie Vorbereitung auf einen Beruf zu erhalten.

Ist das Lehrerpersonal auf die neue Situation vorbereitet?

Die Lehrkräfte sind natürlich motiviert und willens, die Neuankömmlinge so gut es geht zu fördern und zu integrieren. Die eigentlich benötigte Zusatzausbildung in Deutsch als Fremdsprache haben allerdings nur wenige. Kultusminister Ludwig Spaenle hat daher angekündigt, dass zumindest den bayerischen Grundschullehrkräften in einer Art „Crashkurs“ die speziell benötigten Qualifikationen im Laufe des Schuljahres vermittelt werden sollen.

Von 886 Bewerbern für den Deutschunterricht will das Bayerische Kultusministerium nur 65 Deutschlehrer tatsächlich einstellen. Halten Sie das für tragfähig, hoch ausgebildete Lehrer in dieser Situation gehen zu lassen?

Ich bin der Meinung, dass wir es uns nicht leisten können, bestens ausgebildete Lehrkräfte, die wir dringend benötigen und die relativ leicht für den Unterricht der Flüchtlingskinder nachqualifiziert werden könnten, in dieser Situation nicht einzusetzen.

Was könnte unternommen werden, um die Bildungskrise an den Schulen zu lösen?

Ein von mir zu Beginn dieses Jahres gemachter Vorschlag, angesichts der großen Herausforderungen und des kontinuierlichen Bedarfs an Lehrkräften eine Task Force einzurichten, wurde vor wenigen Wochen von allen Lehrerverbänden in Bayern aufgegriffen. Es geht darum, dass die Ankommenden neben Hilfen beim Erlernen der deutschen Sprache auch besondere Bedürfnisse haben, die im normalen sozialen Bereich oder Schulbetrieb nicht berücksichtigt werden. Es geht darum, sich mit dem öffentlichen Nahverkehr zurechtzufinden, einkaufen zu gehen, einen Arztbesuch zu organisieren und sich generell in einem anderen, häufig noch unbekannten Kulturkreis zurechtzufinden. In diesem Umfeld eingesetzte Personen müssen auf diese Aufgaben vorbereitet werden, damit sie dann flexibel und zeitnah dem regionalen Bedarf entsprechend eingesetzt werden können. Dies ist eine Aufgabe, die weit über die normalen Aufgaben des Kultusministeriums hinausgeht und daher über den Landeshaushalt beziehungsweise Bundesmittel gesondert finanziert werden muss. Gerade dafür sind Lehrkräfte, die eine sprachliche Ausbildung an der Universität und später an den Seminarschulen genossen haben, sicher bestens geeignet.

Wäre das neunjährige Gymnasium jetzt nicht eine Hilfe gegenüber dem bestehenden achtjährigen, so dass durch mehr Zeit der Druck auf Lehrer und Schüler entspannt werden könnte?

Für Schülerinnen und Schüler aus dem Ausland, die für das Gymnasium geeignet sind, ist ein Mehr an Zeit und Förderung sicherlich unabdingbar. Ein erfolgreicher Besuch dieser Schulart wird durch eine neunjährige Schulzeit – nicht nur für diese Schülerinnen und Schüler – sicherlich besser möglich und mit weniger Druck verbunden sein. Die Zahl der Schüler, die diesen Weg in Zukunft gehen werden, wird in den nächsten Monaten und Jahren sicherlich steigen. Viele von ihnen sind derzeit noch in den Grundschulen in der dritten und vierten Jahrgangsstufe, andere werden die Möglichkeit dieses Bildungsgangs aus den Mittelschulen und Realschulen heraus in Zukunft stärker in Anspruch nehmen.

Gibt es schon Pläne für den Religionsunterricht für die Flüchtlinge? In der Willkommenskultur müssten sie ja auch geistlich versorgt werden.

Für Angehörige christlicher Religionsgemeinschaften erfolgt eine Beschulung im normalen Religionsunterricht. Andere werden im Ethikunterricht beschult, der islamische Religionsunterricht befindet sich derzeit in Bayern in einer Aufbauphase und ist eher die Ausnahme.

Wie wird die Betreuung in den Schulen für die vielen Kinder aussehen, die ohne Eltern gekommen sind. Stehen sie zum Beispiel unter der Obhut von Elternvertretern, die bei Problemen auch ansprechbar sind?

Natürlich werden für diese Kinder und Jugendlichen Betreuungspersonen bestimmt. Hier liegt eine riesige Aufgabe vor uns, genügend qualifizierte und engagierte Menschen zu finden und zu finanzieren, die diese Aufgabe verantwortungsbewusst wahrnehmen. Häufig findet dieses Engagement derzeit individuell vor Ort statt und meist sind Heime dafür zuständig. Detaillierte und Bayern insgesamt betreffende Informationen habe ich dazu allerdings nicht.

Viele Flüchtlingskinder sind von den Kriegserlebnissen und der Flucht traumatisiert – wird es Aufgabe der Schulpsychologie sein, hier zu helfen?

Der Bayerische Philologenverband fordert eine Aufstockung der Zahl der Schulpsychologen und zudem eine Umverteilung ihrer Arbeitszeit, die bisher nur zu einem geringen Teil der psychologischen Betreuung dient. Dies soll zum einen der Betreuung der von Ihnen angesprochenen Personengruppe dienen, zum anderen aber auch den Kindern und Jugendlichen zugute kommen, die von Anfang an bei uns aufgewachsen sind, aber ebenfalls Probleme haben.

Was wird in der Schulpolitik noch dringend benötigt?

In dieser Situation, wo jeden Tag, jede Woche neue Gruppen von Flüchtlingen und Asylsuchenden bei uns ankommen, müssen wir uns von starren Einstellungsterminen für Lehrkräfte nur zu Beginn des Schuljahres und das Halbjahres verabschieden. Wir brauchen zusätzliche Lehrkräfte und besonderes Fachpersonal auch während des Schuljahres. Es wäre an der Zeit, die vorgeschlagenen Lehrgänge für eine Task Force bald zu beginnen, damit wenigstens in einigen Monaten mehr Personal zur Verfügung steht.

Bildung und Finanzierungsmöglichkeiten dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden und eine Unterscheidung zwischen Kindern, die zu uns kommen, weil ihnen in ihrem Heimatland aufgrund eines Krieges der Tod droht und solchen, die zu uns kommen, weil sie in ihrem Herkunftsland sonst verhungern würden, ist nicht humanitär!