In Moskau an Stalins Opfer erinnern

Die Historikerin Irina Scherbakowa über die Angst der russischen Regierung und das Gedenken an den Gulag. Von Christiane Bauermeister

Das Bild von Michail Nesterow, „Philosophen, 1917.“, zeigt zwei der wichtigsten russischen Theologen ihrer Zeit: Sergei Bulgakow (r.) und Pawel Florenski. Foto: Stiftung Schloss Neuhardenberg
Das Bild von Michail Nesterow, „Philosophen, 1917.“, zeigt zwei der wichtigsten russischen Theologen ihrer Zeit: Sergei ... Foto: Stiftung Schloss Neuhardenberg

Die 1949 in Moskau geborene Professorin Irina Scherbakowa ist Historikerin, Journalistin sowie leitende wissenschaftliche Mitarbeiterin der „internationalen Gesellschaft für Historische Aufklärung, Menschenrechte und Soziale Fürsorge: MEMORIAL“ in Russland. Die Preisträgerin des Deutschen Katholischen Journalistenpreises (1994) ist jetzt auch Wissenschaftliche Leiterin der Ausstellung „Gulag, Spuren und Zeugnisse 1929–1956“ im Schloss Neuhardenberg in Brandenburg, die bis zum 24. Juni gezeigt wird.

Es ist still geworden an der russischen Demonstrationsfront, nach unseren Informationen. Wie sehen Sie das?

Nein, das kann man so nicht sagen. Es gab ja schon einige große Demonstrationen nach Putins Amtsübernahme am 7. Mai. Und es gibt Bewegung in der Gesellschaft. Nehmen wir etwa Astrachan am Kaspischen Meer. Außer vom Sterben des Störs und vom illegalen Kaviarhandel hat man von dieser Stadt selten gehört. Jetzt aber haben mitten in der russischen Steppe, weit weg von Moskau, Tausende gegen Wahlfälschungen demonstriert, sind auf die Straße gegangen. Auch wird jetzt viel über die Formen des Protestes nachgedacht, dem Internet kommt da eine bedeutende Rolle zu, jeden Tag werden da neue Informationen in Windeseile verbreitet, in Internetforen öffentlich diskutiert.

Und wer protestiert?

Der junge gebildete Teil geht jetzt auf die Straße. Irgendwie wollen die Menschen aktiv sein, wollen aktiv ihren Unwillen zeigen. Wohlgemerkt, es handelt sich hier nicht um gelenkte Demonstrationen und Massenkundgebungen wie etwa bei Gewerkschaften, auch gehen nicht die auf die Straße, denen es wirtschaftlich ganz schlecht geht. Umfragen haben gezeigt, dass qualifizierte, gut ausgebildete Menschen gegen die Macht demonstrieren. Sogar Mitglieder der glamourösen High Society, wie etwa Xenja Sobtschak, Tochter des ehemaligen Petersburger Bürgermeisters Anatoli Sobtschak. Eine nicht unkluge Fernsehdiva, die spürt, dass es so nicht weitergehen kann. Wenn dieser Teil der Bevölkerung nicht einverstanden ist, dann kann das verheerende Folgen für die Regierung haben. Immerhin sind dies die Träger der Innovationen, der Bildung, des Business. Kurzum, es sind dies die Träger der Zukunft Russlands.

Wird diese Schicht von Putin zur Kenntnis genommen?

Er beschimpft sie als „satte“ Bürgerschicht. Er diskriminiert sie, wo er nur kann. Er nimmt sie nicht ernst, er weicht der Konfrontation aus. So verschärft er die Situation. Das ist kurzsichtig von ihm und kann ungeahnte Folgen haben.

Ist es denn gefährlich, heute auf die Straße zu gehen?

Man weiß ja, dass unsere Polizei nicht gerade zimperlich gegen die Demonstranten vorgeht. Manchmal habe ich Angst um die jungen Teilnehmer. Sie sind natürlich unerfahren. Ihnen können bei der Festnahme strenge Strafen drohen, wie etwa Relegierung von der Universität, sofortige Einberufung in den Wehrdienst, der ja auch recht berüchtigt ist.

Wie bringt sich „Memorial“ da ein?

„Memorial“ ist natürlich überall dabei, berichtet über Menschenrechtsverletzungen und steht festgenommenen Demonstranten bei.

Welche Ziele hat sich Memorial gesetzt, was tut „Memorial“, um die Vergangenheit zu bewältigen?

„Memorial“ war die erste Bürgerrechtsbewegung in der Sowjetunion, die vor 20 Jahren, bei der Gründung von „Memorial“, noch existierte. Damals war der erste Vorsitzende der Atomphysiker und Menschenrechtler Andrej Sacharow, der über Jahrzehnte in Nishny Novgorod, damals hieß es noch Gorki, an der Wolga verbannt war. Memorial hat sich zum Ziel gesetzt, aktive Aufarbeitung der Gewaltherrschaft während des kommunistischen Herrschaftssystems zu betreiben. So suchen uns Angehörige von Opfern des stalinistischen Terrors auf, übergeben uns Materialien oder Erinnerungsgegenstände. Wir helfen bei der Suche nach den Vermissten, Verbannten, Namenlosen. Alle Informationen werden von uns archiviert und veröffentlicht. Wir sammeln Unterlagen über politisch Verfolgte und haben uns schon in der Vergangenheit Zugang zu Archiven verschafft. Das ist nicht immer leicht, man muss einen ungeheuren bürokratischen Aufwand betreiben. In den vergangenen Jahren war das leichter. Unter Jelzin wurden wir in keiner Weise behindert, aber auch nicht unterstützt. Heutzutage muss mehr Geduld aufgebracht werden, mehr Hartnäckigkeit, alles dauert länger. Die Archive der Geheimpolizei und des heutigen FSB, des Föderalen Sicherheitsdiensts, sind nach wie vor für uns verschlossen.

Das ist sicher schwer für die Opfer.

Es geht uns auch darum, der Opfer des stalinschen Terrors mit einer gewissen Würde zu gedenken, sie nicht dem Vergessen oder der Anonymität preiszugeben. Wir setzen uns da für das Errichten von Denkmälern ein, und zwar nicht nur an den Stadträndern. Hier gibt es noch viel zu wenig Unterstützung von offizieller staatlicher Seite. Wichtig ist für uns natürlich die Arbeit mit Jugendlichen; jetzt im Mai fand wieder unter meiner Leitung der allrussische Schülerwettbewerb „Der Mensch in der Geschichte Russlands im 20. Jahrhunderts“ statt. Am Wettbewerb haben an die 1 500 Schüler aus 68 Regionen teilgenommen, 40 Arbeiten werden prämiert.

Die Aufarbeitung, Ihre Arbeit, wird also nicht behindert?

Das wird sie nicht, aber sie wird auch nicht stimuliert. Es ist ganz anders als bei Ihnen in Deutschland, da haben Sie Forschungsstipendien, staatliche Programme, staatliche Förderung. Bei uns gibt es das nicht. Allerdings muss ich sagen, dass viele Doktoranden sich in den letzten Jahren mit Stalinismus befassen, es werden auch viele wissenschaftliche Bücher und Aufsätze verfasst, vieles, was im Ausland zum Stalinismus erschienen ist, wurde bei uns übersetzt. Trotzdem glaube ich manchmal, dass da zwei Welten parallel nebeneinander herlaufen. In den Buchläden liegen viele Bücher aus, die sich mit Stalin beschäftigen, ob in Romanform oder in Form von Memoiren, oder einfach Populärliteratur. In den Büchern wird häufig ein positives Bild Stalins vermittelt. Es wird auch über neue Stalin-Denkmäler diskutiert, selbst an öffentlichen Bussen finden sich manchmal Stalin-Bilder. Vor ein paar Jahren gab es im Fernsehen die Umfrage nach dem bekanntesten Menschen, der berühmtesten historischen Persönlichkeit. Alle Zuschauer konnten sich beteiligen. Da nahm Stalin Platz Nr. 1 ein, offiziell hat man dann aber wohl Alexander Newski nominiert. Der ist aber wohl mehr ein Mythos, vor allem bekannt durch den Film von Sergej Eisenstein. Sie sehen, unsere Gesellschaft ist da gespalten. Aber unsere Aktivitäten, die von Memorial, werden zur Kenntnis genommen. Noch vor etwa sieben Jahren hatten wir das Gefühl, nur so eine kleine Gruppe zu sein, wie zu sowjetischen Zeiten, als es die Dissidenten oder die Helsinki-Gruppe gab. Das hat sich ja nun doch in den letzten Monaten geändert. Tausende waren auf den Straßen, unerwartet. Das ist für unsere ganze Gesellschaft ein positives Zeichen. Wir sind zwar nicht gerade euphorisch, uns ist natürlich bewusst, dass wir das System in diesem Riesenreich nicht so schnell ändern können. Aber die Machthaber haben jetzt Angst.

„Memorial“ hat die Ausstellung „Gulag“ für Neuhardenberg und Weimar konzipiert. Werden Sie diese Ausstellung auch in Russland zeigen?

Es gibt ja auch in Russland schon einige kleine Gulag-Museen, wie etwa in Perm. Unser Wunsch wäre allerdings, die Ausstellung eines Tages nach Moskau zu bringen. Sie müsste natürlich erweitert werden und neben den Opfern des Terrors auch die Täter zeigen. Wichtig ist, dass die Ausstellung besonders zeitgenössisch und modern gestaltet wird, damit sie junge Leute anspricht, hervorragende Werbung in den Medien. Natürlich fehlt es an Geld. „Memorial“ wird aber weiter am Ziel arbeiten, ein großes Gulag-Museum in Moskau zu errichten. Und eines Tages wird uns das gelingen, davon bin ich überzeugt.