„In Dichtung fehlt oft das Mysterium“

Beim Eucharistischen Kongress ein Gespräch mit der Büchnerpreisträgerin Felicitas Hoppe und ihrem Bruder Pfarrer Ulrich Hoppe. Von Katrin Krips-Schmidt

Talkrunde in Köln mit dem Sylter Inselpfarrer Ulrich Hoppe und seiner Schwester Felicitas, in der Mitte Domradio-Moderator Johannes Schröer. Foto: Krips-Schmidt
Talkrunde in Köln mit dem Sylter Inselpfarrer Ulrich Hoppe und seiner Schwester Felicitas, in der Mitte Domradio-Moderat... Foto: Krips-Schmidt

In der Reihe „Lesungen und Gespräche mit zeitgenössischen Autoren“ erfuhren die über 120 Anwesenden am Mittwoch zu Beginn des Eucharistischen Kongresses 2013 im Kölner DOMFORUM unter dem Titel „Unser täglich Brot – Hoppes Sehnsucht nach Runden Tischen“ über Felicitas Hoppes Elternhaus und ihre eigene katholische Prägung so einiges, was ihnen vorher vielleicht verborgen geblieben war. Dennoch ist vieles von dem in Hoppes Werke eingeflossen.

Bei der vom Katholischen Bildungswerk Köln, domradio, der Köselschen Buchhandlung und dem Literaturhaus Köln organisierten Veranstaltung ging es um ihre als „Befreiung“ erlebte erste Beichte, um das von ihr poetisch als „aufgespanntes Ohr Gottes“ bezeichnete Zuhören der Macht von oben sowie um Gemeinsamkeiten zwischen Priestern und Dichtern. Denn Moderator Johannes Schröer vom Domradio befragte die Büchnerpreisträgerin des vergangenen Jahres zusammen mit ihrem jüngeren Bruder Ulrich Hoppe, der seit 2006 auf der Insel Sylt als katholischer Pfarrer tätig ist.

Hoppe erhielt 2012 von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung die höchste deutsche Literaturauszeichnung für ihr Oeuvre, das so vielfältige Prosaformen wie Essays, Romane und Erzählungen umfasst. Ihre Werke „…unterlaufen virtuos die Grenzen von Wahrheit und Fiktion, Selbsterkenntnis und Rollenspiel. Felicitas Hoppe fragt nach Möglichkeiten der Ich-Werdung, nach den Wundern und Verstrickungen der Sehnsucht, und lässt unaufdringlich metaphysische Horizonte aufscheinen“, hieß es damals in der Begründung der Jury.

Im Wechselgespräch plauderten nun Bruder und Schwester im Schatten des Kölner Doms über ihre gemeinsam erlebte Kindheit, über die Hausbibliothek der Familie, die erst Stück für Stück angewachsen war, denn die Eltern waren Heimatvertriebene. Ein Fernsehgerät gab es nicht im Hause Hoppe. Sie sprachen über Schreibwettbewerbe in der Familie – fünfminütige Aufsätze über ein Thema, die sogar zensiert wurden und somit die Ausdrucksfähigkeit der Kinder schulten. So hätten Schriftstellerin wie Prediger Gemeinsamkeiten, die ihnen nicht nur in die Wiege gelegt, sondern auch durch ihre familiäre Umgebung unterstützt und gefördert wurden.

Die in Berlin lebende Schriftstellerin vertauscht in ihrem jüngsten Roman, ihrer 2012 erschienenen Autobiographiefiktion „Hoppe“, Reales mit Fiktivem. Sie hat darin ihr faktisch wirkliches Leben zu ihrem Wunschleben und ihre erträumte Existenz zu ihrer tatsächlichen gemacht. So wird ihre Geburtsstadt Hameln zu ihrem Sehnsuchtsort, und das in Wirklichkeit mittlere von fünf Kindern präsentiert sich darin als Einzelkind.

Derart phantasiebegabt war die kleine Felicitas bereits bei ihrer ersten Beichte, die sie als Frühkommunionkind schon mit fünf Jahren abgelegt hat. Mangels selbst begangener Sünden habe sie, wie sie nun erzählte, nacheinander in den drei Kategorien „Gedanken, Worte und Werken“ eben etwas „erfunden“. Eine „Lüge“ sei das aber nicht gewesen, so Hoppe, denn Lügen seien „vorsätzliche Täuschungen“. Ihre Mutter musste sie sogar aus dem Beichtstuhl her-ausholen, weil sie nicht aufhören wollte zu beichten. Noch immer spricht sie davon, was für eine „eine wunderbare Erfahrung“ es gewesen sei, nach der Beichte „befreit“ nach Hause gehen zu können. Die Frage des Moderators, ob sich die aus Kindertagen erhaltene Erinnerung an das „erhebende“ Gefühl von Erleichterung und Erlösung ins Erwachsenenalter hat hineinretten können, verneinte die Schriftstellerin jedoch. „Ich selber praktiziere die Beichte nicht mehr.“ Eine lapidare Feststellung, die sie zu der selbstkritischen Anmerkung führte, ob sie nicht ein „romantisches Verhältnis zur Kirche“ hege und diese idealisiere, und ob sie gar eine „Idyllenautorin“ sei.

Wo Felicitas Hoppe in der Frage der Beichte keinen Verlust sieht, bedauert ihr Bruder, der Inselpfarrer, hingegen die Preisgabe der Beichtstühle: „Wenn ich Erstkommunionvorbereitungen mache, merke ich oft, dass die Kinder eigentlich keine Angst vor der Beichte haben.“ Die Probleme tauchten erst beim Elternabend auf. Die Eltern projizierten ihre Negativerfahrungen oftmals in das Kind hinein. Auch die Erstkommunion spielte für Felicitas Hoppe eine große Rolle. Und noch immer sei es Heimat für sie, eine tröstliche Vorstellung von Gemeinschaft, dass man stets und überall kommunizieren könne. In ihrem Roman „Hoppe“ ist es ihre Mutter, die zu ihr sagt: „Wer am Tisch des Herrn essen kann, ist für immer in Sicherheit und geht niemals hungrig zu Bett.“

Hoppe bindet ihre Sehnsucht nach Gemeinschaft stark an einen „runden“ Tisch – ein Motiv, das immer wieder in ihren Ritterromanen wie dem „Iwein Löwenritter“ auftaucht. Dabei steht dieser Runde Tisch nicht nur für die Mahlgemeinschaft selbst, wie die Dichterin an diesem Nachmittag auf dem Podium des DOMFORUM sagte, sondern auch für die Aufhebung aller Hierarchien. Eine Forderung, die für sie im Runden Tisch der – christlich fundierten – Artusgemeinschaft verwirklicht sei.

Lässt sich das Geheimnis der Eucharistie überhaupt in Worte fassen? Pfarrer Hoppe, der über den Dichter Werner Bergengruen promovierte, machte deutlich, dass ein Mysterium – im Gegensatz zum „secretum“ – zwar weitererzählt werden müsse, aber dennoch immer „Mysterium“ bliebe. Trotzdem fürchteten sich die Dichter heutzutage oft, die Dimension des Metaphysischen aufzugreifen, um nicht als Erbauungsliteraten zu gelten.

Dennoch braucht, um deutlich sichtbar zu werden, das Unfassbare eine „Fassung“, eine Form, wie sie durch Riten und Bräuche gegeben ist, betonte auch Felicitas Hoppe: „Ihre Bedeutung wird dann offenbar, wenn sie fehlen.“ Als simples Beispiel dafür nannte sie die Beerdigung. „Wenn es hier keine Form gibt, dann ist die Trostlosigkeit so offenkundig, dass man merkt, es ist eben nicht egal, ob man es weglässt oder nicht. Es ist nicht beliebig, sondern es stellt eine Realität her. Es macht etwas verkraftbar, und in diesem Sinn ist die Form – und das betrifft dann die Kunst wie auch jedes Sakrament – das, was die Dinge überhaupt erst spürbar macht: Es setzt sie in ihre Existenz.“