„Immunschwäche der Seele“

In seinem neuen Roman „Die Inszenierung“ verwandelt Martin Walser das Krankenzimmer zur Weltbühne. Von Stefan Meetschen

Auch im Spätwerk wird Martin Walser anlehnungsbedürftig – im neuesten Roman an eine Krankenschwester. Foto: dpa
Auch im Spätwerk wird Martin Walser anlehnungsbedürftig – im neuesten Roman an eine Krankenschwester. Foto: dpa

„Verheiratetsein: einerseits Nähe, andererseits Schweigen, Verschweigen, Verheimlichung, Geheimhaltung.“ Es ist kein schönes Bild, das der Schriftsteller Martin Walser in seinem neuen Roman „Die Inszenierung“ von der Ehe und der Beziehung zwischen Mann und Frau zeichnet, vielmehr ein beklemmend-komisches, zumal der ganze 174-Seiten-Roman in einem Krankenzimmer spielt und vorwiegend um eine Person kreist: Den egomanisch-erotisch-fixierten Theater-Regisseur Augustus Baum, der eigentlich Tschechows „Möwe“ inszenieren sollte, doch nach einem Schwächeanfall reichlich lang im Krankenhaus liegt. Dort versorgt den Mitte Fünfzigjährigen eine Nachtschwester namens Ute-Marie, der Baum derart verfallen ist, dass er ihr glatt die Hauptrolle in der Aufführung anbietet. Doch daraus wird nichts.

Trotz all seiner sexuellen und verbalen Verführungskünste, die auf die junge Frau durchaus Wirkung machen. All seine künstlerisch-libidinösen Projektionen und Hoffnungen scheitern. Am Ende spielt er – dramaturgisch geschickt von Walser (oder von Baum?) orientiert an Tschechows Stück, in dem eine junge Frau sich in einen älteren Schriftsteller verliebt, während ein junger Mann sich aus enttäuschter Liebe erschießt – seinen Selbstmord. „Augustus hat sich umgebracht. Dann legt er sich auf den Boden, die Pistole neben sich, die Augen geschlossen.“ Alles nur Theater. All the world’s a stage, wie es bei Shakespeare und am Ende des Romans lautet. Auch die Rolle des Regisseurs, davon ist Baum überzeugt, ist letztendlich nur etwas, das man spielt. Vor anderen, vor sich selbst.

Nur die Liebe, die großen Gefühle, daran glaubt Augustus Baum mit forschem Pathos und verbalakrobatischer Beschwörungsfähigkeit. Zumal ihm seine Frau Gerda, eine Nervenärztin, die er vor 29 Jahren geheiratet hat, jeden Morgen brav sein Kornfrühstück serviert. Sie kennt ihren Mann gut genug und weiß, dass all seine Affären und Frauengeschichten nur ein Ziel hatten. Nicht Liebe. „Du hast diese Frauen nur gebraucht als Spenderinnen von Energie.“

Es dauert lang bis Baum sich dies eingesteht, wenn überhaupt, denn dazu besitzt er ein viel zu ausgeprägtes Selbstmitleid und Selbstbeweihräucherungspotenzial. Seine schnell entflammbare Verliebtheit bucht er als „Immunschwäche der Seele“ ab, was ihn nicht davon abhält, seiner Frau einen großen Vortrag über die Lieblosigkeit und Unpersönlichkeit des Geschlechtsverkehrs zu halten. „Die Sprache, die der GV produziert, ist nicht die Sprache der Liebe. Sondern? Sondern, sagen wir einmal, die des Konsums. Also der Leistung. Im GV zelebrieren die Partner einträchtig einen optimalen Verlauf. Je mehr sie einander als Erlebende erlebbar machen, um so mehr haben sie selber davon.“ Gerdas romantischen, auf Shakespeare fußenden Einwand wischt Augustus bedingungslos weg, was ihn jedoch nicht davon abhält, am Ende des Romans den Frauen generell eine zu große Nüchternheit und Herrschsucht vorzuwerfen und für sich selbst den Standpunkt des unbescholtenen Romantikers zu proklamieren. „Ich klage an vor dem Gerichtshof der Liebe. Erster und einziger Anklagepunkt: Herrschsucht. Ihr, Dr. Gerda und Ute-Marie, ihr seid, so verschieden ihr sein mögt, ein Herz und eine Seele. Wenn es um den Mann geht. Ihr verlangt seine Unterwerfung. Immer nur dir, Gerda, immer nur dir, Ute-Marie, soll er dienen. Ich, Gerda, ich, Ute-Marie, bin deine Herrin, deine Göttin, du sollst außer mir keine Herrin, keine Göttin haben. Das ist euer Ein und Alles. Herrschen. Und dieses Herrschen nennt ihr Liebe.“

Wenn Augustus Baum dann noch hinzufügt, dass nur „eine nicht glücken könnende Liebe“ wirklich Liebe ist, und „keine Chance zu haben“ aus der Liebe „die innigste Krankheit, die es geben kann“ macht, spätestens dann weiß man, wieso das Krankenzimmer der ideale Raum für dieses Walsersche Welttheater ist. Wahn und Wirklichkeit, Anhänglichkeit und Abhängigkeit bedingen einander.

Doch so verkehrt und hohl viele Aussagen des Romans auch sein mögen, technisch gesehen ist „Die Inszenierung“ der vielleicht beste Walser-Roman seit langem. Wie bei einem gut gebauten Stück stimmen die Dialoge und Wendungen, die Pointen sitzen. Alle Angaben sind frei von unnötigem Ballast, wie Regieanweisungen bei einem Theaterstück, eben wie bei einer richtigen Inszenierung.

Immerhin: Eine Hoffnung bleibt Augustus Baum jenseits des „Moral-Milieus“, wie er es nennt. „Die Leidenden sind die wahre Internationale.“ Dass Frauen in dieser Rolle von der „Moral-Industrie“ zu „besseren Menschen“, zu „Opfern“ verklärt werden, dagegen bleibt Baum trotz seiner Erklärungs-Ekstasen machtlos. Nur sein „Unglücksstolz“ vermag ihn etwas zu trösten. Doch bei diesem handelt es sich vermutlich auch um eine weitere männliche Inszenierung. Bleibt zu hoffen, dass der Schriftsteller Martin Walser mit seinen 86 Lebensjahren genug Humor besitzt, um über eine derartige männliche Wehleidigkeit zu lachen. So wie Tschechow, dem nachgesagt wird, das überraschende Lachen gepflegt zu haben.

Martin Walser: Die Inszenierung. Roman. Rowohlt Verlag, 2013, 174 Seiten, ISBN 978-3-498-07384-8, EUR 18,95