Im bunten Reich der Toten

Farbenfroher und einfallsreicher Animationsfilm mit einer schönen Botschaft: „Manolo und das Buch des Lebens“. Von José García

Joaquin (links) und Manolo sind seit ihrer Kindheit beste Freunde. Als junge Erwachsene rivalisieren sie um die Liebe der hübschen Maria. Sucht Joaquin ihr mit seiner Tapferkeit zu imponieren, so gewinnt Manolo ihre Liebe durch die Musik. Foto: Fox
Joaquin (links) und Manolo sind seit ihrer Kindheit beste Freunde. Als junge Erwachsene rivalisieren sie um die Liebe de... Foto: Fox

Eine kleine Gruppe Kinder besucht ein Naturkundemuseum in den Vereinigten Staaten. In der Mexiko-Abteilung des Museums erklärt ihnen eine geheimnisvolle Führerin eine alte Legende aus dem Nachbarland. Dieser Besuch bildet im Animationsfilm „Manolo und das Buch des Lebens“ von Jorge Gutiérrez die Rahmenhandlung. Im Gegensatz zu den sehr plastischen Figuren mit großen Augen der Kinderschar sind die Zeichnungen aus dem Buch, aus dem sie liest, zweidimensional. Die Holzfiguren, anhand derer die Museumsführerin die Geschichte erläutert, werden zum Leben erweckt. Sie behalten aber entfernt diese puppenhafte Struktur.

Zwei Jungen und ein Mädchen wachsen in der mexikanischen Stadt San Angel gemeinsam auf. Schon als Kinder waren die besten Freunde Manolo und Joaquín in Maria verliebt. Die drei werden aber getrennt, weil Marias Vater das burschikose Mädchen nach Spanien schickt, damit sie eine richtige Erziehung genießt. Jahre später, als sie nach Mexiko zurückkehrt, ist Maria zu einer schönen Senorita gereift. Macho Joaquin möchte sich seiner Stadt dadurch verdient machen, dass er San Angel vor dem furchterregenden Banditen „Schakal“ und seiner Desperado-Bande beschützt. Manolo soll nach dem Willen seiner Familie in die Fußstapfen seiner Vorfahren treten, die samt und sonders Stierkämpfer waren. Als er vor Marias Augen seinen ersten Stier töten soll, weigert er sich jedoch. Kein Wunder, interessiert er sich doch eher für die Dichtung und insbesondere auch für die Musik. Sein Vater fühlt sich von ihm zutiefst enttäuscht. Manolo ist hin- und hergerissen: Auf der einen Seite möchte er seine Familie nicht enttäuschen. Auf der anderen Seite empfindet er, seine Bestimmung liege in der Kunst. Zwar befürchtet er, dass Maria ihn als Feigling ansieht. Zu Joaquins Verwunderung gelingt es Manolo freilich, die hübsche junge Frau mit seinen Gesangskünsten zu gewinnen.

Ehe Manolo diese wichtige Lebensentscheidung treffen kann, muss er sich auf eine abenteuerliche Reise durch drei verschiedene Welten aufmachen. Dabei wird er sich seinen größten Ängsten stellen. Allerdings erkennt er auch, dass seine größte Angst darin besteht, er selbst zu sein. Mit Marias, Manolos und Joaquins Schicksal hängt auch eine Wette des Götterehepaars „La Muerte“ und „Xibalba“ zusammen: Sie haben eine Wette darüber abgeschlossen, wen von den beiden jungen Männern Maria heiraten wird. Xibalba setzt auf Joaquin, seine Frau auf Manolo. Wenn Xibalba gewinnt, werden sie ihre Reiche tauschen. So wird Xibalba nicht mehr im grauschwarzen „Land der Vergessenen“, sondern im von La Muerte geführten, überaus farbenfrohen „Land der Erinnerten“ herrschen. Xibalba spielt selbstverständlich falsch: Er führt Manolo in die Irre, indem er ihn glauben lässt, Maria sei an einem Schlangenbiss gestorben. Er könne sie erst im Reich der Toten wiedertreffen. Als Manolo dort ankommt, erkennt er aber den Betrug. Durch seine Vorfahren und den Kerzenmann, der das Buch des Lebens hütet, erhält Manolo eine zweite Chance.

Der bekannte mexikanische Regisseur und Produzent Guillermo del Toro, der „Manolo und das Buch des Lebens“ produzierte, führt zu dem Film aus: „Die Ideen für ?Manolo und das Buch des Lebens’ haben ihren Ursprung in Gutiérrez’ Verbindung zu seinem Heimatland Mexiko. Er wollte das Land, seine Bewohner und seine Traditionen in einer Art und Weise zeigen, wie es sie noch nie gegeben hatte – und so die Zuschauer auf der ganzen Welt daran teilhaben lassen.“ Die farbenfrohe Ausstattung des Films und insbesondere die überschäumende Lebendigkeit in dem einen Teil des Reiches der Toten, der „Land der Erinnerten“ genannt wird, kontrastieren ausgeprägt mit der Düsternis im „Land der Vergessenen“. Sie stimmen aber mit dem Reich der Lebenden überein, was mit dem mexikanischen Brauchtum zu tun hat: Am „Tag der Toten“ feiern die Mexikaner ihre Verstorbenen. Sie tanzen als Skelette verkleidet auf den Straßen, verzieren Zuckertotenköpfe und kochen auf den Friedhöfen. Denn an diesem Tag kehren die Toten für einen Besuch zurück. Deshalb gestaltet Regisseur Jorge Gutiérrez das Land der Erinnerung als gewaltiges Volksfest. Zwar erinnert die Farbenpracht in der Welt der Toten an Tim Burtons Animationsfilm „Hochzeit mit einer Leiche“ (2005). Gutiérrez schlägt allerdings manchmal in Sachen Buntheit über die Stränge, wenigstens für europäische Sehgewohnheiten.

Auch wenn die Explosion an Farben manchmal den Erzählfluss hemmt, auch wenn die Aneinanderreihung von Einfällen die Handlung und die Figurenentwicklung etwas in den Hintergrund geraten lässt, erzählt „Manolo und das Buch des Lebens“ trotz seiner Verankerung in der mexikanischen Kulturwelt auch eine universelle Geschichte, die überall auf der Welt verstanden werden kann. Dazu trägt ebenfalls die Filmmusik von Gustavo Santaolalla bei, der neben klassischen Stücken auch Pop-Songs in mexikanischer Bearbeitung einbezieht.

An der Figur des jungen Mannes Manolo verdeutlicht Gutiérrez’ Film außerdem, wie jeder für sein eigenes Leben Entscheidungen treffen kann, denn im „Buch des Lebens“ ist die eigene Geschichte nicht vorgezeichnet. Bemerkenswert ist es auch, dass „Manolo und das Buch des Lebens“ ausdrücklich nicht nur für den Zusammenhalt der Familien, sondern auch dafür eintritt, die Verstorbenen nicht zu vergessen.