Im Zeiten des Terrors ist jeder gleich weit vom Tod entfernt

Wie Kolumnistin Sibylle Berg im „Spiegel“ verzweifelt gegen die über 40-Jährigen kämpft und doch selbst dazu gehört. Von Alexander Riebel

Was will Sibylle Berg? In einem beispiellosen Vorstoß von Altersdiskriminierung greift die Buchautorin und „Spiegel“-Kolumnistin (Ausgabe diese Woche) Menschen über 40 an und macht sie für das verantwortlich, was in der Gesellschaft nicht läuft. Jedenfalls in dem Weltbild von Berg. In dem Beitrag „Jugend an die Macht“ fragt sie: „Warum haben die meisten ziemlich jungen Menschen in der Schweiz und Deutschland und Österreich eigentlich keine Angst vor allem? Nicht vor dem Sterben, nicht vor Flüchtlingen und dem Weltuntergang.“ Welch eine Behauptung! Dabei haben die Jugendlichen längst verstanden, dass jeder gleich weit vom Tod entfernt ist, der einen beim nächsten Terroranschlag ereilen kann. Berg, die sich offenbar am Kampf des Magazins um die junge Leserschaft beteiligt, hat aber auch noch ein ganz anderes Ziel, als Ängste anzusprechen.

Da taucht in ihrem anschwellenden Wutausbruch plötzlich das Thema Gender und Sexualisierung auf. Da ist von den „rosa-blau gegenderten Mistprodukten“ die Rede, mit denen die Alten die Jugend zuballern. Ebenso von „Frauenhass und Geschlechterstereotypen in Fernsehen und Medien“. Es gefällt ihr nicht, dass die „Alten“ an den Geschlechtern festhalten, und dass per Gesetz und Sexualkundeunterricht die Gleichberechtigung verhindert werde. Dabei hat das mit den „Alten“ nichts zu tun, sondern damit, wie wir mit Kindern umgehen wollen. Für die Verkündung der Genderideologie zahlt Berg den Preis der Diskriminierung der Alten. Dabei versuchen die doch gerade, Ängste durch das immer wieder von Berg thematisierte Fernsehen zu nehmen, indem sie die Zuschauer besonders in den öffentlich-rechtlichen Sendungen permanent mit Spielfilmen berieseln, die der Integration dienen. An machen Abenden gibt es kaum noch etwas anders zu sehen als Spielfilme, in denen Flüchtlinge zum Alltagsleben gehören sollen. Und wozu muss Berg ständig von Ängsten reden? Es geht nicht mehr um Ängste – es geht um Realitäten, um den täglichen realen Horror, mit dem Bürger in Deutschland und Europa seit kurzem ständig konfrontiert sind. Warum schreibt sie nicht darüber? Stattdessen ermüdet Berg den Leser damit, dass die Alten Wut darüber hätten, nicht unsterblich zu sein oder nicht mit dem Daumen auf dem Handy tippen zu können.

Die Verteidigung des Jugendwahns wirkt grotesk, Berg ist ja selbst über 40. Grotesk in diesem Sinne ist auch die Filmrezension von „Tiger Girl“ per Video in FAZ-Online durch den Schriftsteller Dietmar Dath. In dem Streifen über junge Mädchen in Berlin biedert er sich einer Jugendsprache des Alles-egal und Nichts-wirklich-wissen-wollens an: „Die Dialoge sind geprobt, die Kampfszenen nicht, es könnte auch umgekehrt sein, auch das weiß ich nicht. Dass ich das nicht weiß, hat mir sehr gut gefallen an dem Film.“

Wie Dath, über 40, haben einige Intellektuelle offenbar das berechtigte Gefühl, nicht mehr zur Jugend zu gehören. Würden Jugendliche deren Spiel ernst nehmen? Ganz sicher nicht, denn sie merken sofort, wenn sich Ältere ihnen anbiedern wollen.