Im Zeitalter der Kreuzzüge: Zusammenprall und Annäherung der Kulturen

Akademietagung in Schwerte beleuchtete historische und gegenwärtige Aspekte des Kreuzzugsgedankens. Von Anja Kordik

Seit dem 11. September 2001 ist sie in die öffentliche Debatte zurückgekehrt – die Rede vom „Kreuzzug“. Der Begriff ist seit den blutigen Kreuzzügen des Mittelalters zumindest aus europäischer Sicht historisch vorbelastet – Amerikaner gehen damit unbefangener um. „Kreuzzug“ umschreibt einerseits den religiös begründeten und legitimierten Kampf gegen Andersgläubige – im Mittelalter gegen die aufstrebenden muslimischen Mächte. Kreuzzug meint jedoch auch den Zusammenstoß der Kulturen, zwischen Ost und West, christlich-abendländischer und islamisch-morgenländischer Welt.

Das Thema stand jetzt im Vordergrund einer kulturhistorischen Tagung in der katholischen Akademie Schwerte: „Im Zeitalter der Kreuzzüge – ,clash of civilizations‘ im Mittelalter?“ Tagungsleiter Markus Leniger, stellvertretender Akademiedirektor und promovierter Historiker, nahm zu Beginn eine thematische Einordnung vor: „Die Tagung reiht sich ein in eine Reihe von kulturhistorischen Seminaren, in denen wir uns, ausgehend von konkreten Zeugnissen der Kunstgeschichte, Grundthemen menschlicher Kultur nähern.“ Tatsächlich ist das Zeitalter der Kreuzzüge als geschichtliche Folie geeignet, um heute virulente Fragen der Beziehungen von Kulturen näher zu beleuchten.

Die Referentin, die Kunsthistorikerin Hildegard Erlemann, umschrieb einführend den großen Bogen, der vom Zeitalter der Kreuzzüge bis in die Gegenwart reicht. Denn die Folgen der historischen Ereignisse wirken bis heute nach: Sie zeigen sich beim Blick auf den Nahostkonflikt; sie spiegeln sich auch wider in den Konflikten in der Türkei, Syrien und anderen arabischen Staaten. „Die kulturellen Risse und Gräben, die bereits im Mittelalter in der Region entstanden“, so die Kunsthistorikerin, „sind bis heute nicht überwunden“.

Besondere Aktualität gewann die Thematik durch den Umstand, dass im Sommer 1993, vor genau zwanzig Jahren, der US-Politologe Samuel Huntington in der außen- und sicherheitspolitischen Zeitschrift „Foreign Affairs“ seine kontrovers diskutierten Thesen zum „Zusammenstoß der Kulturen“ veröffentlichte. Aus diesen ersten Thesen schuf Huntington sein 1996 erschienenes berühmtes Hauptwerk „Clash of civilizationes“. Er formulierte darin sein damals neues Paradigma, demzufolge die nationalstaatlichen Kämpfe des 19. und 20. Jahrhunderts abgelöst werden durch eine globale Auseinandersetzung zwischen unterschiedlichen Kulturräumen. Auch die Kreuzzüge waren ein Kampf auf globaler Ebene, denn der Konflikt umfasste die gesamte damals bekannte Welt: Er reichte über Spanien und Kleinasien bis nach Indien.

Die Ausbreitung des Islam brachte das Byzantinische Reich – als verbliebenen Teil des einstigen Römischen Weltreiches – zunehmend in Bedrängnis. So wandte sich der damalige oströmische Kaiser Alexios I. Komnenos im Jahr 1095 an Papst Urban II. mit der Bitte um Hilfe und der Idee, die heilige Stadt Jerusalem aus muslimischer Hand zu befreien. Nur wenige Jahrzehnte also nach dem Schisma von 1054, dem Bruch zwischen lateinischer Westkirche und griechisch geprägter Ostkirche, suchte der Kaiser von Byzanz ein Bündnis zwischen östlicher und westlicher Christenheit, um sich der Bedrohung der christlichen Kultur durch den Islam zu erwehren. Auffällig auch, dass sich der Kaiser mit seiner Bitte unmittelbar an den Papst wandte und nicht an eine der im Westen führenden weltlichen Mächte – eine indirekte Anerkennung des universalen päpstlichen Anspruchs. Für Papst Urban II., der wie sein Vorgänger Gregor VII. eine Stärkung der geistlichen Macht des Papsttums anstrebte, war dies eine Bestätigung seiner Position.

Beim Konzil zu Clermont im November 1095 rief der Papst zu einer „bewaffneten Wallfahrt“ nach Jerusalem auf, ein Ruf, dem insbesondere Söhne aus niederem Adel, aber auch Vertreter der armen Landbevölkerung gern folgten. Doch soziale Motive allein reichen als Erklärung für die enorme Resonanz nicht aus. „Was geht in einer Gesellschaft vor, die sich so umfassend einem geistlichen Ziel – der Befreiung Jerusalems – verschreibt?“ – fragte daher die Referentin. „In den Jahren vor dem Aufruf Urbans II. und dem Beginn der Kreuzzüge hatte sich bereits ein Prozess der Spiritualisierung nicht nur der monastischen Lebensform, sondern auch im Leben der christlichen Laien vollzogen – Ausgangspunkt war die klösterliche Reformbewegung von Cluny. Und es ist bezeichnend, dass Urban II. wie schon Gregor VII. Cluniazenser war.“ In der europäischen Gesellschaft fanden also schon im Vorfeld der Kreuzzüge große geistige und kulturelle Veränderungen statt – es entstand eine neue Schicht, die christliche Ritterschaft, die auf einem eigenen, auch geistlich begründeten Tugendkodex beruhte.

Jerusalem war für Christen damals die geistig-geistliche Mitte der Welt. Die Kunsthistorikerin belegte dies anhand verschiedener – idealisierter – Darstellungen der Heiligen Stadt aus dem Mittelalter, welche Jerusalem als vollkommenen, in sich homogenen Kosmos und zugleich als zentrale Größe im Weltgeschehen zeigen. Eine Buchmalerei aus dem 12. Jahrhundert illustrierte die Eroberung Jerusalems 1099 durch die Kreuzfahrer – im Jahr 1187 wurde die Stadt durch Sultan Saladin zurückerobert, ein Trauma für das damalige Europa. Kaiser Friedrich II. gelang es mit diplomatischer Ausdauer, im Jahre 1229 mit Sultan Malik al-Kamil einen Friedensvertrag auf immerhin zehn Jahre auszuhandeln, der den Christen große Teile Jerusalems, Nazareth und Bethlehem zurückbrachte.

Das Zeitalter der Kreuzzüge, das bis ins 14. Jahrhundert andauerte, war also nicht nur eine Zeit der Kämpfe, sondern auch eine Epoche der geistig-kulturellen Annäherung zwischen Orient und Okzident. Die meisten Kreuzfahrer kehrten nach Ende ihrer Mission heim nach Europa. Zurück blieb eine kleine Elite katholischer Adeliger, welche die sogenannten „Kreuzfahrerstaaten“ – unter ihnen das Königreich Jerusalem und die Grafschaften Edessa und Tripolis – gründeten, die sich sogar über längere Zeit gegen die rivalisierenden muslimischen Mächte behaupten konnten. Innenpolitisch vermochte es die katholische Oberschicht, ein friedliches Miteinander nicht nur mit anderen christlichen Konfessionen, armenischen und syrischen Christen, sondern auch mit den Muslimen zu schaffen. So beließen die katholischen Führer der Kreuzfahrerstaaten muslimische Beamte in leitenden Positionen in Justiz und Verwaltung.

Die verbliebenen Kreuzfahrer empfanden im Laufe der Zeit die anfangs noch fremde Umgebung zunehmend als Heimat. Die Kunsthistorikerin Hildegard Erlemann veranschaulichte die veränderte Wahrnehmung mit einem berühmt gewordenen Zitat von Fulcher von Chartres, Chronist des Ersten Kreuzzuges: „Denn wir, die wir Abendländer waren, sind nun Orientalen geworden. Einer, der Römer oder ein Franke war, wurde in diesem Land zu einem Galiläer oder Palästinenser. Einer, der aus Reims oder Chartres stammte, ist nun ein Bürger von Tyrus oder Antiochien geworden. Wir haben unseren Geburtsort bereits vergessen; schon kennen ihn viele von uns nicht mehr oder er wird nicht mehr erwähnt.“ Kulturelle Abgrenzung und Annäherung bis hin zu einer dynamischen Verschmelzung des ursprünglich Fremden mit dem Eigenen, – im Zeitalter der Kreuzzüge lagen beide Dimensionen nahe beisammen – hier treten die Verbindungslinien zur Gegenwart besonders hervor.