Im Strudel neuer Techniken

Die Kommunikations-Technologien bestimmen immer stärker die Wunschlisten zu den Festtagen. Von Stefan Meetschen

In diesem Jahr besonders gefragt: Elektronisches auf dem Gabentisch. Foto: dpa
In diesem Jahr besonders gefragt: Elektronisches auf dem Gabentisch. Foto: dpa

„Lasset die Kindlein zu mir kommen und wehret ihnen nicht, denn solcher ist das Reich Gottes“ – So freundlich und milde die Worte Jesu auch Anfang des 21. Jahrhunderts noch klingen, eine große Wirkung auf die Kinderseelen scheinen sie nicht mehr zu haben. Wie anders soll man sich die Weihnachts-Wunschlisten der Kleinen von heute erklären. Besonders die Jüngsten geben sich aus Anlass der Geburtstagsfeierlichkeiten des Messias nicht mehr mit biederen Geschenken wie Skateboards, Fußballschuhen oder Ritterburgen ab, es ist das Reich der Technik, das auf die Generation der sogenannten „iBabys“, auch zu Weihnachten, die größte Faszination ausübt. Jedenfalls in den Vereinigten Staaten von Amerika, aber immer stärker auch in Europa, in Deutschland.

So werden die kindlichen Weihnachts-Wunschlisten 2011 angeführt von modernsten technologischen Kommunikationsmitteln wie iPad, iPod und iPhone, dass man sich fast fragen kann, ob Weihnachten nicht mittlerweile zu einer globalen Apple-Verkaufsshow mutiert ist. Eine Verkaufsshow, die nicht nur durch ihre extrem breite Flächenwirkung besticht, sondern auch durch ihre steile Preis-Dimension. Kostet das von 44 Prozent der amerikanischen Kinder im Alter von sechs bis 14 Jahren favorisierte iPad doch immerhin 500 Dollar, also gut und gerne 370 Euro.

Viel Geld, doch wenn man den Verkaufszahlen trauen kann, kein ernstzunehmender Hinderungsgrund für die Verwirklichung der Kinderwünsche. 40 Prozent der US-Amerikaner haben am Eröffnungstag der Weihnachtssaison laut dem Magazin „PC“ (Online) elektronische Geräte gekauft. Für sich und die jüngste Generation. Die Strategie des seligen Apple-Gründers Steve Jobs, dessen Tod in diesem Jahr die Menschen berührte wie wahrscheinlich kein anderer öffentlicher Todesfall, scheint damit auch posthum weiter aufzugehen: Ein cooles Image ermöglicht hohe Preise.

Doch nicht alle Amerikaner (und Europäer) sind von dieser kulturellen Entwicklung, die ohne Generationsgrenzen verläuft, unkritisch begeistert. So hat der Schriftsteller Douglas Coupland („Generation X“, „JPod“) erst vor kurzem die übertriebene Glorifizierung der neuen Kommunikationsmittel und den damit einhergehenden technologischen Determinismus kritisiert. „Alles zu wissen, wird langweilig werden“, prognostiziert Coupland, der in diesem Jahr eine unkonventionelle Biographie über den katholischen Medientheoretiker Marshall McLuhan veröffentlicht hat, im Interview mit der „Zeit“: „Man sitzt zusammen und stellt sich eine interessante Frage, und statt gemeinsam zu überlegen, holt inzwischen fast immer jemand sein Telefon raus und googelt schnell die Antwort.“ Aufhalten lässt sich diese Entwicklung aus Sicht von Coupland aber wohl nicht. „Nach einer Weile haben sich alle daran gewöhnt und keiner kann sich mehr daran erinnern, wie das Leben vorher war. Das war beim Buchdruck so, beim Fernsehen und beim Internet – und es wird bei allen weiteren Entwicklungen auch so sein.“

Andere Beobachter, wie der Netzaktivist Jeff Jarvis, der Ende September bei einem Kongress der Konrad-Adenauer-Stiftung mit dem Motto „Digitale (Un-)Kultur und Demokratie“ in Berlin auftrat, sehen derartige Entwicklungen euphorischer. „Wir werden alle digital“, schwärmt Jarvis und glaubt, dass die Menschheit sich am Anfang einer radikalen Revolution befindet. Mit völlig offenem Ausgang. „1472 hätte Gutenberg und die Menschen in Mainz auch nicht gedacht, was das alles auslösen würde – bis hin zur Spaltung der Kirche.“ Ausgerechnet die Kirche ist es aber, die sich, beispielhaft dokumentiert an den Veröffentlichungen des Päpstlichen Rates für die Sozialen Kommunikationsmittel, seit Jahrzehnten für einen angemessenen und klugen Umgang von Kindern und Jugendlichen mit den neuen Kommunikations-Technologien einsetzt und vor einer „kommerziellen Ausbeutung“ (Ethik in der sozialen Kommunikation, 2002) warnt.

Vielleicht liegt die relative Wirkungslosigkeit derartiger differenziert-hellsichtiger Appelle darin, dass viele Eltern selbst sich schon viel zu sehr im Strudel der neuen Medien befinden und das Reich der Technik dem Reich Gottes vorziehen. Die Liste der populärsten Suchbegriffe 2011 bei Google, die von diversen Handys und Tablets angeführt wird, scheint diesen Verdacht jedenfalls zu bestärken. So kommen die Kinder schon früh mit diesen Produkten in Berührung, weil auch die Erwachsenen gern damit spielen. iWeihnachten eignen sich nicht für eine christliche Medienerziehung.