Im Optimismus lauert der Atheismus

Der Philosoph Odo Marquard sieht in der Geschichtsphilosophie die Verdrängung der Theodizee

Was liegt näher, als kurz vor seinem achtzigsten Geburtstag im Februar noch eine Studie über den Optimismus zu veröffentlichen? Der Philosoph Odo Marquard hat es getan mit seiner Textsammlung „Skepsis in der Moderne – Philosophische Studien“ (Reclam Verlag 2007, 128 Seiten). Doch bei der Lektüre seines Aufsatzes „Die Krise des Optimismus und die Geburt der Geschichtsphilosophie“ vergeht dem Leser schnell die Lust am Optimismus, merkt er doch, in welchen Wellness-Sumpf von Weltanschauung er eigentlich geraten ist. Denn die Wohlfühlstrategen sind nicht nur die Alles-wird-gut-Gurus von heute, sondern ebenso auch führende Wissenschaftler der Neuzeit, was auf den ersten Blick gar nicht so deutlich ist. Optimismus, und das ist die Erkenntnis Marquards, ist nur ein anderes Gesicht des Atheismus.

Der Mensch wird zum Täter

Alles begann mit dem Erdbeben in Lissabon vor 250 Jahren, am 1. November 1755. Es gab zwischen dreißig- und sechzigtausend Tote, die Zahlen schwanken. Die Reaktion Voltaires ist bekannt, er bekam Zweifel an der Theodizee und schrieb ein Jahr später sein Gedicht über die Zerstörung Lissabons mit dem Untertitel: „Prüfung des Axioms Alles ist gut“. Was Voltaire beabsichtigte, war die Kritik an der Auffassung von der Besten aller Welten. Das Wort Lissabon hat das 18. Jahrhundert benutzt wie heute das Wort Auschwitz gebraucht wird, als Einbruch des absolut Bösen, zitiert Marquard die Amerikanerin Susan Neiman.

Mit seiner „Theodizee“ ist Leibniz schon ganz ein Denker der Neuzeit. Zwar will er die Übel in der Welt rechtfertigen, doch für Marquard ist dieser Optimismus bereits brüchig, soll doch die Welt als die Beste aller Welten bewiesen werden. Denn der Optimismus zwinge zur Positivierung der Welt und des Schöpfers, ganz wie heute der laxe Gläubige und Gleichgültige gleichermaßen Gott einen guten Mann sein lässt. In Leibniz' „System des Optimismus“ ist das vorbereitet. Marquard sieht in der „Theodizee“ bereits eine „juristisch zu nehmende Verteidungsschrift in einem Anklageprozess: Sie verteidigt den angeklagten Gott gegen den Ankläger Mensch. Dabei ist wichtig, dass „später auch die Geschichtsphilosophie solch eine Prozessphilosophie sein wird“, in der dann der Mensch der Angeklagte ist. Der „Prozess“ mündet bei Leibniz in der radikalen Frage des Menschen an Gott: „Warum ist überhaupt Seiendes und nicht vielmehr nichts“. Die „Krise“ der Metaphysik wird so zur Geburt des säkularen Optimismus, in dem der Mensch das Geschick der Welt zu übernehmen sucht. Die verlorengegangene Einsicht in die Metaphysik mit der Frage „warum ... ist vielmehr nichts?“ heißt für Marquard: „Wenn die bestmögliche Welt unvermeidlich Übel einschließt, warum hat Gott das Schaffen dann nicht bleibenlassen?“ Diese typisch neuzeitliche Frage ist dann auch der Grund für die neu entstehende Geschichtsphilosophie. Die Weltgeschichte wird zur Erdgeschichte und der Mensch macht sich zum Herrn seiner eigenen Geschichte. Was natürlich bedeutet, dass er sie „verbessern“ will – von der Aufklärung bis zur Genforschung wird eine gerade Linie dieses säkularen Optimismus atheistischer Prägung deutlich.

Für die Begriffsgeschichte des Optimismus nennt Marquard eine Fülle von Belegen. Den Ausdruck „optimisme“ hätten französische Jesuiten bereits 1737 im „Journal de Trévoux“ leibnizkritisch geprägt. Leibniz selbst habe den Begriff Optimismus noch nicht zur Verfügung gehabt. Seine „Theodizee“ ist aber nach Marquard wesentlich auch eine Auseinandersetzung mit dem französischen Skeptiker Pierre Bayle und dessen Schrift „Dictionnaire historique et critique“ von 1695/97. Nach Bayle überwiegen die Übel in der Welt, seine Vorliebe für gnostische Positionen ist unverkennbar. Der „Optimismus“ tauchte dann im 1759 veröffentlichten Roman „Candide on l'Optimisme“ von Voltaire auf. Und drei Jahre zuvor, 1756, wurde zum ersten Mal der Ausdruck „Geschichtsphilosophie“ benutzt. Sie ist nicht mehr Vorsehungsgeschichte, sondern Fortschrittsgeschichte mit dem Menschen als Täter.

Der Höhepunkt der heilsgeschichtlichen Geschichtsschreibung war noch die „Chronik oder die Geschichte der zwei Staaten“ von Otto Bischof von Freising, entstanden zwischen 1143–46. Mit dem figuralen und typologischen Denken ist hier der Zusammenhang der irdischen und himmlischen Welt als reales Geschehen erzählt. In der Einleitung der Ausgabe der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft heißt es: „Die katastrophalen Stürze in der Geschichte des Weltstaates sind vorausdeutende Figuren des letzten Absturzes der Historie, der Vernichtung des Antichrist. Der Antichrist aber ist, das wird in Einzelzügen dargetan, das Gegenbild, die Gegenfigur Christi.“ Von solchem Aufstieg zur civitas Dei will aber die moderne Geschichtsphilosophie nichts mehr wissen. Zwar ist der Gegenentwurf zur „Chronik“ bereits die völlig säkular konzipierte „Geschichte von Florenz“ (1521) von Machiavelli, allerdings ist hier noch keine Geschichtsphilosophie entwickelt.

Rousseau hat diesen Bruch mit der heilsgeschichtlichen Geschichtsschreibung aus der Sicht der Moderne dargestellt und schrieb im Anfangssatz seines Emile: (1762): „Alles ist“ – war – „gut, soweit es aus den Händen des Schöpfers hervorgeht, alles wird schlecht (degeneriert sich) unter den Händen des Menschen“ – nur der Rückgang aus der Kultur zur Natur könne hier weiterhelfen. Diesen Rückzug soll nun der auf sich gestellte Mensch übernehmen.

Im optimistischen Geschichtsdenken seit Leibniz ist nicht mehr Gott wegen der Übel in Frage gestellt, sondern der Mensch. Er ist oder hält sich dazu verurteilt, sich und die Welt zu ändern, um Übel fernzuhalten. Das Ergebnis war oft nur ein Regime brutaler Macht. Das Böse, so schreibt Marquard, wird von jetzt an vom Menschen selbst erzeugt, der in seinem Optimismus das Böse als Realität nicht mehr versteht. Marquard: „Wenn es übel steht um die Welt als Geschichte, ist es für die Menschen – nunmehr an Stelle Gottes, entlastend, wenn zwar die Menschen sie gemacht haben, aber stets nur die anderen Menschen. So vermeidet der Mensch, ein schlechtes Gewissen zu ,haben‘“. Fortschritt wird so zur „Flucht aus dem Menschen“, weil er seine sittlichen Grundlagen verlässt. So entstand mit der Geschichtsphilosophie auch die Anthropologie mit ihrer „Entdeckung der Zerbrechlichkeit des Menschen“. Aber der Optimismus blieb, wenn auch als tröstender. Nicht nur in Wilhelm Buschs „wer Sorgen hat, hat auch Likör“, sondern zuvor schon in Hölderlins „wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“, oder in Herders Wort vom „Mängelwesen“ Mensch, als „Schadloshaltung“, also als Kompensation des eigenen Unvermögens. „Mängelwesen“ und „Kompensation“ – der Ausgleich der „Glücks-Unglücks-Bilanz“ des Menschen – sind dann auch zentrale Begriffe im 20. Jahrhundert geworden. Einer der Vordenker war schon Ralph Waldo Emerson mit seinem Essay „Compensation“, ausdrücklich wurde die Kompensationstheorie dann in der Psychoanalyse bei Jung und Adler zum Thema. Der Anthropologe Arnold Gehlen sah den Menschen durch Entlastung kompensiert und Helmuth Plessner, ebenfalls Anthropologe, formulierte in „Die Stufen des Organischen und der Mensch“: „Der Mensch sucht Kompensation seiner Halbheit, Gleichgewichtslosigkeit, Nacktheit“. Und das alles in Abwehr eines metaphysischen Begriffs des Übels zugunsten des gottlosen rein menschlichen Geschichtsbildes. Welch trauriger Optimismus. Und schon in Jakob Burckhardts „Weltgeschichtlichen Betrachtungen“ meldete sich „als Trost das geheimnisvolle Gesetz der Kompensation“, und er fand es ratsam, „mit diesem ... Troste sparsam umzugehen, da wir doch kein bündiges Urteil über diese Verluste und Gewinste haben“.

Am Ende seiner Abhandlung fragt Marquard, ob denn auch nach den jüngsten Erfahrungen mit Tsunamis und Hurrikans noch Optimismus angebracht sei. Von der am Beginn der Geschichtsphilosophie versprochenen Positivierung der Welt ist im abschließenden Urteil des Autors nichts mehr zu spüren – die atheistische Welt ist platt und leer geworden: „Vielleicht ist unsere Welt trotz allem mehr Nichtkrise als Krise; dann ist sie zwar nicht der Himmel auf Erden, aber zugleich doch auch nicht die Hölle auf Erden, sondern eben: die Erde auf Erden.“