Im Lebensschutz gibt es Lücken

Das Vorkernstadium ist ein sich selbst organisierendes Lebewesen: Menschen sind bereits vor der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle schutzwürdig

Das Ende 1990 erlassene und Anfang 1991 in Kraft getretene deutsche Embryonenschutzgesetz (ESchG) gilt als das strengste weltweit. Deshalb ist es manchen – allen voran den Reproduktionsmedizinern – ein Dorn im Auge. Das ESchG verfolgt das Ziel, menschliches Leben vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle an schützen und gebietet daher zum Beispiel, dass bei einer künstlichen Befruchtung jeweils nur so viele menschliche Embryonen im Labor erzeugt werden dürfen, wie anschließend zur Herbeiführung einer Schwangerschaft auch in den Mutterleib transferiert werden; pro Zyklus maximal drei.

Eine überzeugende Dissertation

Auch für die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) steht das ESchG längst zur Disposition. So stellt die DFG in ihrer Stellungnahme zur Stammzellforschung im Herbst 2006 klar, eine Änderung des ESchG sei für sie nur „momentan (...) kein prioritäres Anliegen“. Kein Wunder, denn die Abschaffung der Stichtagsregelung im Stammzellgesetz nimmt die DFG derzeit ganz in Beschlag.

In diese Gemengelage hinein trifft nun ein Buch, dessen Autorin die These vertritt, der Embryonenschutz, der durch das ESchG gewährleistet werden soll, weise gravierende Lücken auf. In ihrer von der Universität Osnabrück im Sommersemester 2006 angenommenen Dissertation weist Mareike Klekamp nach, dass Selektion im Labor in Deutschland trotz ESchG praktiziert wird, nämlich in Form der sogenannten Polkörperdiagnostik. Ziel der Polkörperdiagnostik ist es, Vorkernstadien auf genetische Abweichungen zu untersuchen und zu selektieren.

Als Vorkernstadien werden weibliche Eizellen bezeichnet, in welche die sie befruchtenden männlichen Samenzellen zwar bereits eingedrungen sind, die aber – weil die Befruchtung noch nicht abgeschlossen ist – noch nicht als Embryo gelten. Zwischen dem Eindringen der Samen- in die Eizelle und dem Abschluss der Verschmelzung ihrer Kerne vergehen im Regelfall 18 bis 20 Stunden. Die in Deutschland seit dem Jahr 2004 praktizierte Polkörperdiagnostik wird eingesetzt, um nach monogenetischen Erbkrankheiten zu fanden. Sie ist rechtlich möglich, weil das ESchG keine Vorkernstadien schützt. Wie Klekamp schreibt: „Humane Vorkernstadien werden in Deutschland zu Tausenden biopsiert, diagnostiziert, kryokonserviert oder verworfen.“ Mit der Polkörperdiagnostik können „nur“ die Eigenschaften des von der Mutter stammenden Erbmaterials untersucht werden. „Krankheiten wie Muskeldystrophie vom Typ Duchenne oder die Bluterkrankheit (Hämophilie A), die durch das väterliche X-Chromosom übertragen werden, bleiben verborgen.“ Darüber hinaus können laut der Autorin mittels dieser Form des Screenings auch Veränderungen übersehen werden, „die in manchen Fällen erst nach der ersten und zweiten Zellteilung des Embryos entstehen“.

Klekamp plädiert dafür, bereits die Vorkernstadien unter den Schutz des ESchG zu stellen und weiß dafür gute Gründe anzuführen. So ließen sich die sogenannten SKIP-Argumente (Spezies-, Kontinuitäts-, Identitäts- und Potentalitätsargument), mit denen gewöhnlich der moralische Status des Embryos begründet wird, auch auf die Vorkernstadien anwenden. Die Autorin begründet das wie folgt: Vorkernstadien gehörten zur Menschengattung (Speziesargument). Der erwachsene Mensch lasse sich hinsichtlich der Kontinuität und Identität seiner Entwicklung auf das Vorkernstadium zurückverfolgen. Auch das vierte, das sogenannte Potenzialitätsargument, spreche dafür, den moralischen Status, den der Embryo besitze, bereits bei Vorkernstadien anzuerkennen, da nicht erst der Embryo, sondern auch Vorkernstadien die reale Potenzialität eines neuen Lebenwesen besäßen. Die SKIP-Argumente zusammenfassend hält die Autorin fest: „Aus einer entwicklungsfähigen Eizelle, in die ein befruchtungsfähiges Spermium eingedrungen ist, kann sich nur ein Mensch entwickeln. Das Vorkernstadium ist ein sich selbst organisierendes Lebewesen. Vor dem Eindringen des Spermiums ist nichts, danach alles Menschliche möglich.“

„Lücken im Lebensschutz“ beschränkt sich jedoch keinesfalls auf die Untersuchung und Einordnung der Laien nur wenig bekannten Polkörperdiagnostik. Ausführlich behandelt die Autorin – eine Schülerin des Osnabrücker Sozialethikers Manfred Spieker, der auch das Geleitwort zu diesem Buch geschrieben hat – in ihrer Arbeit den ganzen Komplex der Zeugung im Labor. Ein erster Teil legt dabei die naturwissenschaftlichen Fakten offen. Beschrieben werden hier unter anderem die verschiedenen Methoden der künstlichen Befruchtung sowie die dazu erforderliche Eizellspende.

Keine künstliche Befruchtung

Im zweiten Teil des Buches erörtert die Autorin die mit der künstlichen Befruchtung und der Selektion von Embryonen und Vorkernstadien gegebenen sozialethischen Probleme. Besonders in den Blick geraten dabei die Haltung der Katholischen Kirche, die Rolle des Arztes, die Funktion des Vaters sowie die hohen Hürden, welche von Mutter und Kind bei einer Zeugung im Labor überwunden werden müssen, damit diese auch in eine Geburt münden kann.

Ab Ende ihrer umfang- und faktenreichen Studie kommt Klekamp zu dem zwingenden Schluss, künstliche Zeugung degradiere den Menschen zu einem Objekt. Weil zudem jede Präimplantationsdiagnostik, ganz gleich ob sie nun an Embryonen oder – wie im Falle der Polkörperdiagnostik – an Vorkernstadien vorgenommen wird, mit „der Tötung von Menschen“ verbunden sei, „deren Entstehung mit dem Zusammentreffen von Ei- und Samenzelle ihrer Eltern beginnt“, sei sie durch nichts zu rechtfertigen: „In einer Kultur des Lebens hat die Präimplantationsdiagnostik keinen Platz!“

Fazit: Mit „Lücken im Lebensschutz“ hat die Autorin Mareike Klekamp ein scharfsinniges Buch vorlegt, das begründet dafür plädiert, Menschen bereits vor der Verschmelzung von Ei- und Samenzelle als solche zu identifizieren. Dass ein solcher Ansatz derzeit reichlich unzeitgemäß wirkt, sagt nichts über das vorliegende Werk aus, verrät aber viel über den Stand und die beklagenswerte Qualität der gegenwärtigen Debatte.