Im Kampf gegen großdeutschen Wahn

Ein Existenzialist, der politisch wurde: Der Schriftsteller Albert Camus als Leitartikler in der französischen Widerstandszeitung „Combat“. Von Alexander Riebel

Albert Camus
Albert Camus nach der Nobelpreisverleihung für seinen Roman „Die Pest“ (1957). Foto: dpa
Albert Camus
Albert Camus nach der Nobelpreisverleihung für seinen Roman „Die Pest“ (1957). Foto: dpa

Der Existenzialist Albert Camus (1913–1960) ist eher als Autor von Romanen und Dramen bekannt. Dass er auch im französischen Widerstand während des zweiten Weltkriegs eine wichtige Rolle gespielt hat, zeigt nun ein Doppelband über „Albert Camus – Journalist der Résistance“. Der junge Camus war Chefredakteur und Leitartikler der Untergrund- und Tageszeitung „Combat“, die in Paris gedruckt wurde und in ganz Frankreich erschien; zwischen dem August 1944 und Juni 1947 arbeitete Camus in der Redaktion. Sein Engagement, überhaupt in den Widerstand zu gehen, hat er gegenüber seiner Frau Francine in einem Brief vom September 1944 zusammengefasst: „Nachdem ich zunächst nach Spanien wollte, dann aber darauf verzichtete, weil ich mehrere Monate ins Lager oder Gefängnis musst hätte, wozu ich gesundheitlich nicht in der Lage war, habe ich mich hier den Widerstandsbewegungen angeschlossen. Ich habe es nach reiflicher Überlegung und bewusst getan, weil es meine Pflicht war. Ich habe im Departement Haute-Loire gearbeitet und gleich danach mit Pascal Pia in Paris.“ Pia war der Herausgeber der Zeitung; der Name „Combat“ (Kampf) war bewusst an Hitlers „Mein Kampf“ angelehnt, zunächst wollte man die Zeitung sogar „Notre Combat“ (Unser Kampf) nennen.

Das Leben der Herausgeberin der zwei Bände, Jacqueline Lévi-Valensi, ist von der Shoa geprägt. Ihre Eltern und auch ihr Bruder sind in Auschwitz-Birkenau ermordet worden. Sie konnte fliehen und studierte später in Paris an der Sourbonne. Sie wurde Autorin mehrerer Werke über Camus und gründete 1982 die Pariser Albert-Camus-Gesellschaft. Über die Intention Camus' in den Leitartikeln fasst sie in ihrem Vorwort zusammen: „Die Einführung der Moral in die Politik; die Notwendigkeit einer klaren Sprache und einer wahren Konzeption von Gerechtigkeit für Einzelmenschen und ganze Bevölkerungsgruppen; die Weigerung, zu lügen und Kompromisse zu machen; der Respekt für die Demokratie; der Aufbau einer neuen internationalen Ordnung, welche den kleineren Nationen einen Platz einräumt.“

„Im Krieg wie im Frieden haben diejenigen das letzte Wort, die sich nie ergeben“ – diesen Satz des früheren französischen Ministerpräsidenten George Clemenceau führte „Combat“ in einem Balken seit der ersten Ausgabe. Noch im November 1943 wurde Camus Lektor beim Verlag Gallimard, der im Jahr zuvor die Bücher „Der Fremde“ und „Der Mythos von Sisyphus“ von ihm veröffentlicht hatte. Und im Juli zeigte der „Erste Brief an einen deutschen Freund“, den Camus in „Le Revue libre“ (Die freie Zeitschrift), wie Camus über den Krieg dachte: „Es bedeutet im Gegenteil viel, der Folter und dem Tod entgegenzugehen, wenn man zutiefst und unverzichtbar weiß, dass der Hass und die Gewalt an sich sinnlos sind. Es bedeutet viel, sich zu schlagen, wenn man den Krieg verachtet, hinzunehmen, dass man alles verliert, wenn man das verlangen nach Glück bewahrt; zu zerstören, wenn man an eine höhere Kultur glaubt... Wir kämpfen für die Nuance, die das Opfer von der Mystik, die Energie von der Gewalt, die Kraft von der Grausamkeit unterscheidet; für jene noch feinere Nuance, die das Falsche vom Wahren und den von uns erhofften Menschen von den von euch verehrten feigen Göttern unterscheidet.“ Für Camus war die Geschichte nicht alles, aber er sah sich durch Deutschland genötigt, in die Geschichte einzutreten. „Ihr habt das Nötige getan“, schreibt Camus in einem seiner weiteren Briefe an einen Freund, „und wir sind in die Geschichte eingetreten“. Künftig wird Camus 133 Leitartikel für 117 000 Leser schreiben 92 davon unter seinem Namen; sie sind in den beiden Bänden abgedruckt. Dabei schreibt Camus nicht olympisch über eine Metasphäre der Politik, sondern ganz handfest über das, was die Franzosen bewegte. So etwa am 30. August 1944 unter dem Eindruck bekannt gewordener Foltern an Franzosen in Vincennes: „Sechs Jahre lang drehte sich uns jedes Mal der Magen um und wir fragten uns, wie das nur möglich sei, dass nackte und unbewaffnete Wesen langsam von Menschen verstümmelt wurden, deren Gesicht ähnlich dem unseren geschaffen wurde.“ Und es werde nicht Hass sein, der morgen spreche, sondern Gerechtigkeit, die sich auf Erinnerung gründe.

In diesem Zusammenhang ist die Diskussion Camus, der über „Der Neuplatonismus und das christliche Denken“ promoviert hatte, mit dem katholischen Schriftsteller François Mauriac interessant, der im „Figaro“ seine Beiträge veröffentlichte. Es ging darum, zwischen den Positionen der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit zu unterscheiden. Camus nimmt dazu in einem Leitartikel vom 25. Oktober 1944 ausführlich Stellung. Camus spricht hier ein erstes französisches Todesurteil gegenüber einem Franzosen an. Er verteidigt die menschliche Gerechtigkeit mit ihren „schrecklichen Unvollkommenheiten“ und verabscheut die „Willkür und die kriminelle Unvernunft“. Im Leitartikel schreibt Camus, er vertrete „die Sprache derjenigen Herzen, die alle ihre Verantwortlichkeiten auf sich nehmen, die mit der Tragödie ihres Jahrhunderts leben und der Größe des Menschen inmitten einer unvernünftigen und verbrecherischen Welt dienen.“ Mauriac wandte sich gegen die „Säuberungen“ unter den Franzosen und plädierte für Nachsicht gegenüber denen, die sich geirrt hätten. Für Camus gab es Situationen, in denen der „Irrtum nichts als ein Verbrechen“ sei. Er forderte eine Gerechtigkeit, die Hass und Pardon ausschließt.

Dass die „Säuberungen“ gescheitert und sinnlos waren, darin kamen beide 1945 überein. Auch wenn Camus Barmherzigkeit zunächst als „sinnlose Versöhnung“ bezeichnet hatte, kam er doch 1948 zu einem anderen Ergebnis, das er in einem Exposé für den Dominikaner-Konvent von Latour-Maubourg verfasst hatte, in dem er auf die Diskussion mit Mauriac zurückkam: „Ich bin in meinem Innern und vor der Öffentlichkeit zu dem Schluss gekommen, dass Herr François Mauriac gegen mich im Grundsatz und was den genauen Punkt unserer Kontroverse anbetraf, recht hatte.“ „Es war Mauriac“, resümiert Jacqueline Lévi-Valensi, „der die Auseinandersetzung gewonnen hatte und er war sich darin mit den Wünschen der Franzosen und Französinnen sowie mit General de Gaulle einig.“ Allerdings sollte es noch ein halbes Jahrhundert dauern, bis man der Kollaboration und dem Vichy-Regime restlos kritisch ins Auge blickte.

Für den im heutigen Algerien geborenen Camus spielte auch die „Krise in Algerien“ eine Rolle für seine Artikel in „Combat“. In Frankreich fühlte sich Camus wie im „Exil“; im April 1945 reiste er nach Algerien, um die „unglaubliche Unwissenheit in der Metropole“ Paris über Nordafrika zu mindern. Im September 1945 beendete Camus erschöpft seine regelmäßige Arbeit bei „Combat“, die Geburt seiner Zwillinge Catherine und Jean bestärkte ihn darin – der Kampf gegen den großdeutschen Wahn war ohnehin vorbei. Er selbst gibt Überdruss als Hauptgrund seiner Trennung von der Zeitung an, „den ich bei allen öffentlichen Ausdrucksformen zunehmend empfunden habe. Ich hatte die Neigung, mich zurückzunehmen“.

Jacqueline Lévi-Valensi: Albert Camus – Journalist in der Résistance, 2 Bände: Leitartikel und Artikel in der Untergrund- und Tageszeitung Combat von 1944 bis 1947. Laika Verlag, Hamburg, 340 und 264 Seiten, ISBN-13: 978-394423- 324-6, ISBN-13: 978-394423-325-3, jeweils

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