„Ich will nicht, aber ich muss“

Der polnische Star-Regisseur Andrzej Wajda dreht einen Film über Lech Walêsa. Von Stefan Meetschen

Andrzej Wajda während einer Pressekonferenz zu seinem Film „Wa³êsa“, der im Herbst 2012 in die polnischen Kinos kommen soll. Foto: dpa
Andrzej Wajda während einer Pressekonferenz zu seinem Film „Wa³êsa“, der im Herbst 2012 in die polnischen Kinos kommen s... Foto: dpa

Egal, wo es brennt oder knallt: In Smolensk, Syrien oder Stettin – der polnische Nationalheld und frühere Anführer der unabhängigen Gewerkschaft „Solidarnoœæ“, Lech Wa³êsa, wird von den Journalisten seines Landes stets um eine Stellungnahme, einen Kommentar gebeten. So oft, dass mittlerweile offenbar der Haussegen schief hängt. Wa³êsas langjährige Frau Danuta, die für ihren Mann 1983 in Stockholm den Nobelpreis in Empfang nahm, rechnet in ihrer jüngst veröffentlichten, 550 Seiten-starken Autobiographie schonungslos mit Wa³êsa ab, der aus ihrer Sicht aufgrund seines revolutionären Engagements seine Familie in den 1980er Jahren vernachlässigt habe. Heute, so die Ehefrau, wäre es besser, wenn er „nicht jede Bagatelle kommentieren“ würde.

Öffentliche Angriffe, die den gelernten Elektriker und späteren Präsidenten Polens vielleicht auf eine noch empfindlichere Weise treffen als die seit Jahren anhaltende politische Debatte über seine Kooperation mit dem kommunistischen Geheimdienst in den 1970er und 1980er Jahren, die der selbstbewusste Nationalheld nach einer Zeit des vehementen Abstreitens Anfang 2011 in einem Fernsehinterview auf TVN beiläufig eingestand: „Alle haben unterschrieben, also auch ich. Ich würde es immer wieder tun! Nur so konnte man mit den Kommunisten kämpfen.“ Ohne dass dies damals große mediale Wellen schlug. Ein Denkmal zerstört man schließlich nicht so schnell.

Im Gegenteil: Man pflegt es. Diese Einsicht war es wohl auch, die den bekannten polnischen Film-Regisseur Andrzej Wajda („Der Mann aus Marmor“, „Das Massaker von Katyn“) dazu bewegt hat, einen Spielfilm über Lech Wa³êsa zu drehen. Bereits in dem Film „Der Mann aus Eisen“ (1981) hatte der 85-jährige Wajda sich mit der Gewerkschaft „Solidarnoœæ“ beschäftigt und Wa³êsa darin einen Gastauftritt beschert.

In dem aktuellen Filmprojekt will Wajda den Weg Wa³êsas vom einfachen Arbeiter zur National-Ikone auf der Leinwand nachzeichnen. Im Mittelpunkt soll Wa³êsas Leben und die politische Arbeit von den Streiks auf der Danziger Leninwerft bis zum Fall des Kommunismus im Jahr 1989 stehen. Bei der öffentlichen Präsentation des Film-Projekts, zusammen mit den Hauptdarstellern Robert Wiêckiewicz und Agnieszka Grochowska, die das Ehepaar Wa³êsa spielen werden, sprach Wajda von seinem bisher „schwierigsten Film“, den er – und hier zitierte er einen bekannten Ausspruch des früheren Danziger Streikführers – nicht machen wolle, aber machen müsse. („Ich will nicht, aber ich muss“ – „Nie chcê, ale muszê“).

Wajda sagte weiterhin: „Polen besitzt mit Wa³êsa einen Helden, der für das Land einen wirklichen Vorteil herausgeholt hat, nicht nur einen spirituellen.“ Was von vielen Katholiken des Landes als ein unnötiger und ungerechtfertigter Seitenhieb auf das Lebenswerk des 2011 seliggesprochenen polnischen Papstes Johannes Paul II. verstanden wurde. Dessen umfassender Beitrag zur Befreiung Polens vom Kommunismus wird durch Wajdas Worte „nicht nur spirituell“, also praktisch unsichtbar, geschmälert.

Dass Wajda mit seinem Film über Wa³êsa, der im Herbst 2012 in die polnischen Kinos kommen soll, auch zwischen die Fronten der Politik geraten wird, dürfte ihm klar sein. Ebenso aber auch die nationale und internationale Aufmerksamkeit für den Film. Handelt es sich beim Thema doch erneut, wie bei anderen Vorgängerfilmen Wajdas, um ein geschichtsträchtiges Sujet, das unabhängig von der filmischen Qualität als Selbstläufer kommerziellen Erfolg verspricht. Noch dazu, wo im Jahre 2013 Lech Wa³êsas 70. Geburtstag ansteht.

Möglich aber auch, dass die national-konservative Opposition um Jaros³aw Kaczyñski den Film über Lech Wa³êsa nicht nur als Anlass nimmt, um erneut die Integrität des früheren Streikführers lautstark in Zweifel zu ziehen, sondern auch, um die Integrität des Star-Regisseurs zu hinterfragen. Seit Jahren kommen immer wieder Vorwürfe gegen Wajda hoch, er sei während der Zeit des kommunistischen Regimes in Polen bei der Kollaboration mit der Staatsmacht zu weit gegangen. Etwa in dem Buch „Pan Andrzej“ von Piotr W³odarski. Wajda hat, auf diese Vorwürfe angesprochen, einmal geantwortet: „Ich war die Stimme der Nation, die nicht frei sprechen konnte.“ Und: „Ohne meine Filme hätte es 1980 die Freiheitsbewegung ,Solidarnoœæ‘ nicht gegeben.“

Bei so viel Selbstbewusstsein und Heldentum wäre es vielleicht gut, wenn auch die ein oder andere noch lebende Ehefrau Wajdas, der Regisseur ist zum vierten Mal verheiratet, die Initiative ergreifen würde und zur autobiographischen Feder griffe. Im Dienste der Wahrheit. Für das Filmprojekt „Wa³êsa“ jedenfalls hat, wie in den polnischen Medien zu lesen war, Danuta Wa³êsa wohl nur zu Beginn als Ratgeberin zur Seite gestanden. Mit Agnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“) als Drehbuchautorin. Inzwischen heißt der Drehbuchautor Janusz G³owacki. Bei der Präsentation des Projekts lobte dieser Lech Wa³êsa als „katholischen Moses“ in den Himmel. Der Rest sind Bagatellen. Ob man will oder muss.