„Ich sehe einen großen Horizont“

Direktorenwechsel im Kolumba Museum in Köln

Der Wechsel in der Museumsleitung von „Kolumba – Kunstmuseum des Erzbistums Köln“ vollzog sich in der Art und Weise, wie sie für das Konzept des Hauses kennzeichnend ist: in aufregender Unaufgeregtheit. Joachim Plotzek, der renommierte, gerade 65 Jahre alt gewordene Kunsthistoriker, tritt nach 17 Jahren an der Spitze von einem der ältesten Kunstmuseen in kirchlicher Trägerschaft bestimmt nicht in den Ruhestand. „Ich sehe einen großen Horizont vor mir, aber ich weiß noch nicht, in welche Richtung ich gehen werde“, lautete Plotzeks philosophisch anmutende Antwort im kleinen Kreis auf die Frage, wohin er sich denn nach der Verabschiedung als Direktor nach dem 1. Mai wenden werde.

Natürlich gab es einen Festakt, und Kölns Generalvikar Dominik Schwaderlapp würdigte dabei auch in beredter Form die Verdienste des ehemaligen Museumschefs, „dem wir so viel zu verdanken haben“, überbrachte auch brav Dankesworte von Erzbischof Joachim Kardinal Meisner. Auch Schwaderlapps Vorgänger, der heutige Dompropst Norbert Feldhoff, erinnerte in einer launigen Rede an die wichtigsten Etappen der Museumsgeschichte unter Joachim Plotzek, die ja auch Etappen seiner eigenen Geschichte sind.

„Wir brauchen Nachhaltigkeit“

Dem renommierten Kunsthistoriker Plotzek, der sich mit seiner stets so wohlüberlegten, sensiblen und authentischen Art ein höchstes Maß an Anerkennung und Respekt verschafft hat, kommt das Verdienst zu, unter seiner Leitung in den vielen Jahren am alten Standort Nahe des Domes die entscheidenden Weichen für das nach über zehn Jahren Planung und Bauzeit im vergangenen Jahr endlich eröffnete neue Kunstmuseum gestellt zu haben. Kontinuität, Qualität und Identität – das sind die drei entscheidenden Bausteine für das Museumskonzept, wie es in dem Bau des Schweizer Architekten Peter Zumthor praktiziert wird und zu erleben ist.

Mit diesem entschleunigten Profil, in dem die Langsamkeit schon fast als Stilmittel gepflegt wird, hebt sich Kolumba wohltuend vom landläufig bekannten, mitunter so oberflächlichen Museumsbetrieb ab. Im Kolumba soll es eben nicht, meist unter Umgehung des spezifischen Werks, zum vorschnellen Einordnen von Kunst kommen. „Uns geht es nicht primär um den Informationscharakter der Kunst, sondern um ihre Aura und damit um den Andachtswert der einzelnen Werke“, sagt Plotzeks Nachfolger Stefan Kraus. Fast so etwas wie ein Eigengewächs ist der 47-jährige gebürtige Kölner, der bereits während des Studiums einen Werkvertrag beim Diözesanmuseum innehatte und seit 17 Jahren zum Team um Joachim Plotzek gehörte. In dieser Zeit habe sich das „Kind Kolumba“ entwickeln dürfen, „ein Kind, das viel spielen durfte“, wie Kraus rückblickend die Laborbedingungen im ehemaligen Domizil erinnert.

In diesem Zusammenhang denkt und dankt er den vielen Mäzenen, die das kirchliche Kunstmuseum mit Spielsachen bedacht haben. Auch Plotzek, der in dieser Zeit zahlreiche bewegende Erfahrungen machen und Freundschaften aufbauen konnte, betont: „Ohne Mäzene wäre Kolumba ein wenig glanzlos.“ Wie wichtig Vertrauen und Transparenz in der Museumsarbeit sind, erfuhr Kraus bereits vor seiner Zeit beim Diözesanmuseum. Er arbeitete fünf Jahre beim Kölnischen Kunstverein, zeichnete in dieser Zeit für die viel beachteten Ausstellungen „bauhaus-utopien“ sowie „Der westdeutsche Impuls“ – eine Reminiszenz an die Werkbund-Ausstellung von 1914 – verantwortlich und promovierte über den Expressionisten Walter Ophey. „Ich bin in der klassischen Moderne beheimatet“, sagt Kraus und legt Wert auf die Ergänzung: „Mit großem Interesse am Mittelalter.“

Nun muss Kraus mit verkleinertem Team die Kontinuität des Hauses wahren und behutsam fortentwickeln. „Eine bittere Pille“ sei die Tatsache, dass seine Kuratorenstelle nicht wiederbesetzt wird – Schwaderlapp erinnert dabei an das laufende Sparprogramm des Erzbistums. Gleichwohl lässt sich die Pille leichter schlucken, weil im organisatorischen und adminisitrativen Teil personell aufgestockt wird. Außerdem kann Kraus weiter auf die Kompetenz der Kustodinnen Ulrike Surmann und Katharina Winnekes setzen. „Ich hatte eine günstige Hand im Finden von Mitarbeitern“, sagt Plotzek über sein Team, mit dem er jahrelang „Kolumba einüben konnte“. „Wir haben gemeinsam um Kolumba gerungen, um ein Haus zu schaffen, in dem man Schönheit erfahren kann“, ergänzt Kraus. Dabei war es für ihn und das Team eigentlich – entgegen der vorherrschenden Überzeugung – nie klar, dass er Nachfolger von Joachim Plotzek werden würde. „Ein neues Logo oder Marketingkonzept wird es mit mir ohnehin nicht geben“, stellt der neue Direktor sogleich klar, denn: „Was wir brauchen, ist Nachhaltigkeit.“

Was das heißt, zeigt der Rundgang im Haus: Die ausgewählten Exponate aus der außerordentlichen Sammlung christlicher Kunst pendeln zwischen Glaube und Welt, Vergangenheit und Gegenwart, Glaube und Vernunft, mehr noch: Die Präsentation der Exponate in den einzelnen Räumen inszenieren Bilder, die von den Besuchern erinnert werden. „Die Besucher sollen gestärkt mit visuellen Eindrücken das Haus verlassen“, sagt Kraus. „Gelassen und vielleicht ein wenig nachdenklich erheitert.“ Nachhaltigkeit ist aber auch der entscheidende Faktor für die eigentliche Botschaft, die das Museum als vornehmsten Auftrag hat: „Im Dialog mit der Welt Zeuge des Glaubens zu sein“, so Generalvikar Schwaderlapp. Der Dialog ist es denn auch, der ein wesentliches Merkmal des Museumskonzepts ist. Die Kuratoren führen nicht durch das Haus, sondern sie suchen das Gespräch. Ihre Fachkompetenz, ihr Wissen, auch ihr Glaubenswissen und ihre Überzeugung halten sie bewusst zurück, „weil die Besucher das selbst erfragen und erspüren sollen“, so Plotzek. Bereits über 100 000 Besucher haben sich darauf seit der Eröffnung im September 2007 eingelassen.

Kein Wunder, dass die Neuordnung der bestehenden Sammlung mit Objekten aus 2000 Jahren christlicher Kunstgeschichte sich in diesem Sinne demnächst denn auch im ruhigen Takt eines Jahres vollziehen soll. Kraus kündigte bei seiner Einführung an, das Museum jeweils am 14. September eines Jahres – dem Fest Kreuzerhöhung sowie Jahrestag der Eröffnung – mit neu positionierter Dauerausstellung zu eröffnen. Was nicht heißen soll, das es auch aus aktuellen Gegebenheiten mal zu einem wirkungsvollen, spontanem Wechselspiel in der Präsentation und Hängung kommen kann. Prägende Werke indes, etwa die „Madonna mit den Veilchen“ von Stefan Lochner oder die „Tragedia Civile“ von Jannis Kounellis, bleiben an ihrem Platz. „Werke sind das, die ihren Raum und Kontext gefunden haben“, so Kraus.