„Ich sehe den Abschied als natürliche Zäsur“

Der Chef des Händel-Hauses in Halle, Philipp Adlung, wird Direktor des Bonner Beethoven-Hauses

Von Halle an der Saale nach Bonn an den Rhein: Für Philipp Adlung, derzeit Chef des Händel-Hauses in Halle und designierter Direktor des Bonner Beethoven-Hauses, geht es von einem Fluss zum nächsten. Man ist versucht zu glauben, dass derartige Landschaften eine Vorliebe des promovierten Juristen und Musikwissenschaftlers sind, denn von 2001 bis 2006 war er neben seinen anderen Aufgaben gleichzeitig Geschäftsführer des Bucerius Kunstforums in der Elbstadt Hamburg, in der er übrigens auch geboren wurde.

Sowohl in Halle als auch in Bonn sorgte die Ernennung des 41-jährigen Adlung für eine Überraschung, ist er doch erst seit dem 1. Januar 2007 in der Händel-Stadt tätig. Für den Musikwissenschaftler ist der rasche Wechsel jedoch kein Problem, im Gegenteil, er sieht darin eine „natürliche Zäsur“, wie er vor Journalisten erklärte. Er freue sich auf die Stadt am Rhein, auf die neue Aufgabe und darauf, „ein sehr gut bestelltes Haus vorzufinden“.

Dafür hat in den vergangenen elf Jahren der bisherige Direktor des Beethoven-Hauses, in dem der Komponist geboren wurde, Andreas Eckhardt, gesorgt. Er geht am 1. Juli 2009 in den wohlverdienten Ruhestand und soll dem Verein Beethoven-Haus den Vorsitz von Kurt Masur Adlung vorgeschlagen haben.

Der Hamburger ist als Macher bekannt, und so stellte er denn bereits seine Pläne für Bonn vor. So freue er sich besonders auf den im Beethoven-Haus befindlichen Kammermusiksaal. Hier will Adlung nach eigenen Worten „neue Akzente setzen“. Er stelle sich deutlichere inhaltliche Bezüge zu Beethoven vor, erläuterte er seine Vorstellungen. Einen Themenvorschlag hat er auch bereits: „Vor zweihundert Jahren“. Da könne man neben der Musik der Zeit auch interdisziplinär die historische Epoche aufzeigen.

Neben dem Beethoven-Museum und dem dortigen akustisch phantastischen Kammermusiksaal verfügt das Haus über ein umfangreiches Beethoven-Archiv, dessen Ausbau immer wieder durch Konzerte hochkarätiger Künstler, wie etwa in Kürze die Violonistin Ann-Sophie Mutter, gefördert wird. Technisch einzigartig ist das „Digitale Beethoven-Haus“, eine in sich geschlossene virtuelle Welt für Besucher und Wissenschaftler gleichermaßen.

Nicht nur ein virtueller Rundgang wird geboten, sondern die Webseite präsentiert die einzigartigen Sammlungen des Beethoven-Hauses: Musikhandschriften, Erstausgaben, Briefe und Bilder. Die inhaltliche Vernetzung von über 5 000 Dokumenten auf 26 000 hochwertigen Farbscans, 1 600 Audiodateien (Musikbeispiele und Hörbriefe) und 7 600 Textdateien lässt Beethovens Denken, Leben und Arbeiten auf vielfältige Weise sichtbar und hörbar werden; Porträts und topographische Darstellungen zeigen den Künstler und seine Welt.

„Ich finde diese Gesamtheit sehr stark“, lobt denn auch Philipp Adlung seinen zukünftigen Arbeitsplatz. Bis zu seinem Amtsantritt hat er jedoch in Halle noch sehr viel zu tun. Derzeit ist das Händel-Haus, in dem der Komponist geboren wurde, wegen umfangreicher Renovierungs- und Umbaumaßnahmen für mehrere Monate geschlossen. Zum 250. Todestag Händels soll das Haus in neuem Glanz erstrahlen, knapp 1,8 Millionen Euro werden dafür aufgewendet.

Auch die Ausstellung wird unter dem Titel „Händel – der Europäer“ gänzlich neu geordnet. Nicht zuletzt stehen noch die Händel-Festspiele an, für die Adlung gleichfalls zuständig ist. Einen schweren Brocken hat er bereits gestemmt, das Händel-Haus ist in eine Stiftung umgewandelt worden, was den Boden für weitere Aktivitäten bereitet hat.

Die Stiftungs-Funktion findet Adlung in Bonn bereits vor, die dadurch gegebenen Möglichkeiten möchte er „voll ausreizen“. Einer seiner Herzenswünsche ist es, dass Beethoven-Haus noch internationaler auszurichten, der Komponist sei „schließlich das Alleinstellungsmerkmal für Bonn“. Als Musikwissenschaftler liegt ihm natürlich auch das Beethoven-Fest am Herzen, die Zusammenarbeit mit den Verantwortlichen möchte er intensivieren.

Von der Brahmsstadt Hamburg über die Händelstadt Halle nach Bonn in die Beethovenstadt – Philipp Adlung, der übrigens selbst Klavier und Klarinette spielt, wandert gerne auf musikhistorischen Spuren. Wohin ihn seine Wege noch führen werden, kann derzeit niemand sagen. Vielleicht in die Mozartstadt Wien?