„Ich habe den Herrn gesehen“

Biblische Motive stehen im Mittelpunkt: Der Schriftsteller Patrick Roth schreibt wie in der Todesstunde, in der er Form und Maß erwartet. Von Ilka Scheidgen

Patrick Roth
Die entscheidende Frage ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Patrick Roth stellt sich dieser Frage in seinem Werk. Foto: Wolfgang Schmidt

Patrick Roth gehört zu den interessantesten Autoren seiner Generation. Er bewegt sich von Beginn an jenseits gängiger Literaturtrends. Seine Sprache ist archaisierend, dem Unbewussten nachspürend. Das Besondere aber ist seine Thematik, die biblische Themen aufgreift, diese sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart spielen lässt und die er völlig eigenständig gestaltet.

In seinen Frankfurter Poetikvorlesungen im Jahre 2002 berief sich Patrick Roth an einer Stelle auf Ignatius von Loyola und seine „Geistlichen Übungen“, in denen er davon spricht, wie eine „heile und gute Wahl zu treffen sei“, nämlich von einer Warte aus, „gleich als wäre ich in der Todesstunde, erwäge ich die Form und das Maß“.

Roth hat sich dies wohl in seinem Schreiben zur Maxime gemacht. Nicht dass dadurch seine Arbeiten übersättigt sind mit Sinnfälligem. Und dennoch ist es da, ist es hinter den Worten, den Zeilen spürbar, dieser Blick des Dichters vom Ende her, in dem auch das scheinbar Unwichtigste und Nichtigste, das bloß Alltägliche in einem großen Zusammenhang steht. In Frankfurt und 2004 in Heidelberg klärt Patrick Roth über Hintergründe und Beweggründe zu seiner Arbeit auf. Das sind seine Begeisterung für den Film, sein Interesse am Unbewussten – manifestiert vor allem in den Träumen –, wobei er sich besonders auf die Tiefenpsychologie C.G. Jungs beruft. Vor allem aber treibt ihn das Kreisen um große existenzielle Fragen um: Schuld und Vergebung, Heilung und Erlösung, Tod und Auferstehung. Es kann daher nicht verwundern, wenn Patrick Roth einem filmischen Stilmittel, der Suspense, transzendentale Bedeutung zumisst.

Was durch das Chaos Richtung weist, ist Sinn

Suspense bedeutet Spannung, heißt Gegensätzliches, das nach Auflösung drängt. Bei Roth bedeutet Auflösung Erlösung. Er spricht von der coniunctio oppositorum und meint: „Denn nur da wandelt sich etwas, verwandeln sich beide: die Feinde, befeindeten Gegensätze, oder Natürlich-Gegensätzliches (Männliches, Weibliches) in ein Drittes, entsteht also wirklich Neues.“ In dieser Verpflichtung zur Wandlung sieht Roth sich selbst als Künstler: „Das uns Gegebene muss vermehrt, muss gewagt, muss gewandelt werden.“

Der Schriftsteller und Filmer Patrick Roth wurde am 25. Juni 1953 in Freiburg im Breisgau als Sohn eines Arztes geboren und wuchs in Karlsruhe auf. Er besuchte dort ein humanistisches Gymnasium. Nach dem Abitur 1971 ging er zunächst für ein Jahr nach Paris zum Sprachstudium, das er in Freiburg mit Germanistik, Anglistik und Romanistik fortsetzte. In München begann er mit Drehbuch- und kleineren Filmarbeiten. 1975 erhielt Roth ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für die USA. In Los Angeles schrieb er sich am Cinema Department der University of Southern California zum Film- und Regiestudium ein. Die Filmmetropole sollte für viele Jahre seine neue Heimat werden. 2012 kehrte er ganz nach Deutschland zurück und lebt seitdem in Mannheim. Patrick Roth drehte zwei Kurzfilme, 1978 „The Boxer“ und 1981 „The Killers“ nach einer Vorlage von Charles Bukowski. Er war auch als Filmjournalist tätig und porträtierte bekannte Regisseure und Schauspieler wie Harrison Ford, Tom Cruise und Anthony Hopkins.

In den 80er Jahren begann Roth mit dem Schreiben, und zwar in deutscher Sprache, zuerst Hörspiele und Theaterstücke, bevor er 1991 mit der Christusnovelle „Riverside“ debütierte. Mit „Riverside“ wurde er schlagartig bekannt. Die Besonderheit, ja Einmaligkeit Rothscher Sprache und Thematik wurde früh erkannt und blieb doch nicht ohne Widerspruch. Wie bei kaum einem anderen Autor changierten die Urteile zwischen Begeisterung, Unverständnis und völliger Ablehnung. „Riverside“ war der erste Band einer Christus-Trilogie, die mit den Bänden „Johnny Shines oder Die Wiedererweckung der Toten“ (1993) und „Corpus Christi“ (1996) zur Vollendung kam und als Gesamtausgabe 2003 unter dem Titel „Resurrection“ erschien. Eine kommentierte Gesamtausgabe dieser „Christus-Trilogie“, herausgegeben von Michaela Kopp-Marx, erschien 2017.

Seine Erzählungen und Romane, besonders die der Christustrilogie, sind überwiegend dialogisch angelegt. Roth arbeitet mit Vor- und Rückblenden und dem „Dissolve“. Dieses filmische Mittel der Überblendung kommt dem, was für Roth als Erkenntnis so bedeutend ist, nämlich dass sich zwei Realitäten überlagern, am weitesten entgegen. Im Gebrauch der Sprache ist diese Überlagerung ungleich schwieriger darzustellen.

Das aber macht die hohe Kunst der Rothschen Werke aus, dass man sie vordergründig, wie es vielfach geschehen ist, als „Bibelkrimis“ lesen kann. Und doch bleibt auch dem nur oberflächlich, das heißt an der Oberfläche bleibenden Leser nicht verborgen, dass hinter der spannenden Story beispielsweise von Johnny Shines, der über die Dörfer zieht, um Tote zum Leben zu erwecken, mehr steckt als ein „Seelenwestern“. Genial hat Patrick Roth diesen Dissolve, die Vergegenwärtigung zweier Wirklichkeitsebenen, in der Erzählung „Magdalena am Grab“ (2003) praktiziert. Erzählt wird von der Probe zu einer Theaterszene nach dem Johannesevangelium. Der junge Regisseur will mit drei Darstellern die Szene am leeren Grab des Jesus inszenieren. Doch zur Probe erscheint außer ihm nur Monica, die die Maria Magdalena spielen soll. Also konzentriert er sich ausschließlich auf die Szene der Magdalena am Grab.

Da die weiteren Mitspieler fehlen, übernimmt er die Rolle des Gärtners = auferstandenen Jesus. „Magdalena: sie kommt ans Grab, es ist leer. Sie wendet sich, geht zurück zu den Jüngern. Wendet sich wieder, geht zurück zum Grab. Die Engel sprechen zu ihr: Was weinst du. Sie wendet sich um. Das ist die dritte Wendung: Sie sieht jemanden, den sie nicht erkennt, obwohl er sie anspricht. Jesus.“ Und hier nun im Nachspielen der biblischen Szene entdeckt Patrick Roth etwas ganz Entscheidendes: Jesus und Magdalena, Gott und Mensch, stehen einen Moment lang voneinander abgewandt, einander nicht ansehend. Im Nachspielen dieser Szene bemerkt der Erzähler den „ausgelassenen Satz“ des Evangeliums, den Gang Magdalenas an dem noch unerkannten Jesus vorbei und nach seinem Anruf ihre Rückwendung zu ihm und ihre Verwandlung in eine Erkennende.

Und die ganze Probe findet statt unter einem „sehenden Auge“, einer Person, die sich auf der Empore verbirgt und zu größter Wachsamkeit zwingt. Hier spürt man hinter der realen Szene fast körperlich die einer anderen Wirklichkeit. „Die entscheidende Frage für den Menschen ist: Bist du auf Unendliches bezogen oder nicht? Das ist das Kriterium des Lebens.“ Diese Sätze von C.G. Jung stellt Patrick Roth seiner Erzählung „Magdalena am Grab“ als Motto voran. „Gott und Individuum, beide brauchen einander. Das ist das, was ich versucht habe, in der Magdalena zu dramatisieren“, erklärte mir Patrick Roth im Gespräch. „Dieser eine Satz, der da gefunden wird. Der besagt, dass es auch ganz anders sein könnte, dass sie auseinander gestellt werden können. Aber dieses Auseinanderstehen, wenn es durch ein suchend-fühlendes Gehen bedingt ist, kann zur Wende werden, zur Wandlung. Und das besagt: Du kannst fehlgehen, du darfst fehlgehen. Aber wenn du nach Gott suchst, auch wenn du an ihm vorbeigehst, wendet er sich nach dir um, ruft dich. Und das ist die Sekunde des Erkennens.“

Kunst, Literatur – so sieht es Patrick Roth – ist Erfahrung, nicht Erfindung. „Mit dem Wissen vom Bösen leben, sich am Guten bescheiden. No fiction“, so lässt er seine Frankfurter Gedanken zur Poetik ausklingen. Am Ende der Heidelberger Vorlesungen heißt es: „It?s all true.“

Patrick Roth ist sich der hohen Verantwortung bewusst, die er als Schöpfer von Geschichten, die über sich selbst hinausweisen, seinen Lesern gegenüber besitzt. Er versteht deshalb den Schritt vom Schaffensprozess hinein in den öffentlichen Raum als eine Konsequenz ethischer Dimension. Es ist die fünfte Wendung, die Quintessenz, die in der „Magdalena“ nicht mehr miterzählt wird. In der fünften Wendung kehrt sie zurück zu den anderen Jüngern und berichtet von dem, was sie erlebt hat: „Ich habe den Herrn gesehen.“

Was Roth beschreibt, hat immer einen doppelten Boden. Mit den Stilmitteln und Methoden, die für sein Schreiben kennzeichnend sind, schafft er das Kunststück, die Zeit anzuhalten beziehungsweise aufzuheben: durch das Ineinander-Fließen-Lassen verschiedener Zeitebenen; die Verbindung von Traumgeschehen und Realität, von Unbewusstem mit Bewusstem; der Einbruch des Numinosen in den Alltag und die Öffnung zu einer transzendenten Wirklichkeit. In der Schlussszene seines Films „In My life – 12 Places I Remember“ (seiner Arbeit innerhalb des Mainzer Stadtschreiber-Preises 2006) strömt durch die Domfenster des Mainzer Doms ein Licht, das gesamte Kirchenschiff überstrahlend. Sunrise. Was durch das Chaos Richtung weist, ist Sinn.

Joseph hält Gegensätze aus, die uns zerreißen

Diesem dort ins Bild gesetzten „Sunrise“ – Sonnenaufgang – widmet Patrick Roth einen ganzen Roman „Sunrise. Das Buch Joseph“. Der Roman erschien 2012 erstmals im Wallstein Verlag (die vorherigen Bücher waren im Suhrkamp Verlag erschienen) und wurde im selben Jahr für den Deutschen Buchpreis nominiert.

Es geht einerseits um die Figur Josephs, des Ziehvaters Jesu. Aber der fünfhundert Seiten starke Roman zielt auf das Heilsgeschehen auf Golgotha hin. Der gekreuzigte und auferstandene Christus ist für Roth letztlich die Figur, die auch in der Geschichte des Joseph von Anfang an mitgelesen wird. „Er hält die Gegensätze aus, die uns zerreißen – denn das ist das Kreuz –, ist zwischen ihnen aufgehängt, hängt über seinem-unserem Abgrund, um in seinem Innersten das unerhörte, ungesehene ,Schwarze‘, in seiner Dunkelheit am Kreuz unser aller Dunkel auszuhalten, zu durchstehen, zu ertragen und im Gewandeltwerden, dem Prozess einer ungeheuerlichen Qual, höchster Verzweiflung, höchster Not, Erleidens solcher Gegensätze: uns zu verwandeln“, so hatte Roth seine Gedanken während der Heidelberger Poetikvorlesungen formuliert.

So werden bei Roth auch immer Ganzheits- und Heilssehnsucht in seinen Figuren sichtbar. In seiner Dichtung arbeitet er autonom und ohne Rückendeckung, wenn er biblische Geschichten umerzählt, weitererzählt und gegenerzählt. Und die Art und Weise, wie er es tut, beunruhigt, denn er selbst liefert sich den Extremen des Denkens und der Imagination aus. Damit setzt er auch beim Leser eine ungeheure Dynamik frei. Fünf Jahre hat er an diesem opus magnum gearbeitet. Es ist nicht unbedingt leicht zu verdauen, aber es illustriert Roths Auffassung von seinem Schreiben: Gefäß zu sein für das Wirken Gottes. Um es in seinen eigenen Worten zu verdeutlichen: „Wenn ich den Akzent dieser Aussage – die den Menschen als Gefäß Gottes begreift, in dem Gott sich wandelt – nur ein wenig verschiebe, zum Ich hin nämlich, in Hiobs Richtung, die ungeheure Bedeutung des individuellen Bewusstseins betonend, welches die Aufgabe, das opus, nicht nur erleidet, ohne ihm auszuweichen, sondern ihm assistiert, sich und die Welt in solcher Arbeit versteht, sein Ziel darin sieht, dann müsste ich sagen: Der gewandelte Mensch wandelt Gott.“

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