Homo-Paare in Schulbüchern

Pläne in den Niederlanden – Wird das ein Signal auch für deutsche Schulbücher? Von Carl-H. Pierk

Nach der Vertreibung der Mutter vom Herd und der Einführung von Scheidungskindern und Patchworkfamilien steht jetzt offenbar die nächste Modernisierungswelle in den Schulbuchfamilien an. Der größte holländische Schulbuchverlag hat angekündigt, schwule und lesbische Paare künftig in allen Fächern zu berücksichtigen, etwa auch in Mathematik oder Fremdsprachen.

„Wenn es in Lesebüchern zum Beispiel um den Familienurlaub geht, sieht man auf Zeichnungen Kinder mit Vater und Mutter. Das geht doch auch anders“, meinte dazu Frans Grijzenhout, der Direktor des Verlages. Da Lehrbücher immer mit dem Alltag verbunden seien, müssten sie auch die „gesellschaftliche Realität von Papa-Papa- sowie Mama-Mama-Familien angemessen widerspiegeln“, erklärte Grijzenhout nach Angaben der Deutschen Presseagentur. Längst seien doch auch „muslimische Mädchen mit Kopftüchern oder andere Repräsentanten fremder Kulturkreise Lehrbuchgestalten“, ergänzte der Verlagsdirektor. Auf ähnliche Weise solle nun auch Homosexualität für Schulkinder „erkennbar“ gemacht werden. Es sei „sehr wichtig“, alle Aspekte der niederländischen Gesellschaft in den Büchern zu berücksichtigen. So seien dort bereits muslimische Mädchen mit Kopftüchern oder andere Minderheiten zu sehen. „Auf ähnliche Weise machen wir für Kinder auch Homosexualität erkennbar“, verspricht Grijzenhout. In einem Mathematik-Lehrbuch könnte etwa die Frage auftauchen: „Zwei Väter kaufen ein Sofa für 1 399 Euro mit 25 Prozent Rabatt. Wieviel müssen sie bezahlen?“. Bislang sei das Thema Homosexualität nur in Biologie oder Geschichte aufgetaucht, sagte Grijzenhout. Ansonsten seien Familien stets als Vater, Mutter, Kind dargestellt worden. Das sei aber diskriminierend. Der Verlag folgt damit einem Aufruf mehrerer Politiker, unter ihnen auch Eberhard van der Laan, der sozialdemokratische Bürgermeister von Amsterdam. Er verspricht sich davon mehr Toleranz gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.

Protest gegen die Schulbuchpläne kam von christlicher Seite: Der Schule dürfe keine „Homo-Emanzipation aufgezwungen werden“, kritisierte das „Reformatorisch Dagblad“, die wichtigste Zeitung orthodox-protestantischer Christen. Und die Vereinigung für christlich-reformierte Bildung (VGS) kündigte an, dass es in ihren Einrichtungen keine „Homo-Schulbücher“ geben werde.

Verena Radkau vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig, das mit 170 000 Werken die weltweit größte Schulbuchsammlung besitzt, sagte gegenüber der „Süddeutschen Zeitung“, es sei „gut vorstellbar“, dass von dem niederländischen Vorstoß ein Signal für deutsche Schulbücher ausgehe. „Man muss aber bedenken, dass Schulbücher ein schwerfälliges Medium sind und gesellschaftliche Anstöße mit Verzögerung darstellen.“ Dass sie dennoch Spiegel der Zeit sind, sei an der Gender-Frage zu sehen: „War in den siebziger Jahren die Darstellung eines Mechanikers garantiert ein Mann, sind heute auch Frauen am Schraubenschlüssel abgebildet.“

Nach einer Studie der Universität Bamberg gibt es bundesweit inzwischen mindestens 6 600 Kinder, die in „Regenbogenfamilien“ groß werden – also von zwei lesbischen Müttern oder zwei schwulen Vätern erzogen werden. Die meisten Kinder stammen aus früheren heterosexuellen Beziehungen.