Hohelied der menschlichen Solidarität

„Shakespeares Hühner“: Ralf Rothmann findet in neuen Erzählungen Spuren des Glücks und der Vergänglichkeit. Von Stefan Meetschen

Der Schriftsteller Ralf Rothmann. Foto: dpa
Der Schriftsteller Ralf Rothmann. Foto: dpa

Romane, Erzählungen, Gedichte – im Laufe der vergangenen 30 Jahre hat sich der Schriftsteller Ralf Rothmann (59) in verschiedenen literarischen Gattungen bewährt. Wobei der im Ruhrgebiet aufgewachsene, gelernte Maurer durchgängig ein Faible für den Grenzbereich aus Realität und Metaphysik besitzt, für jugendliche Helden, gescheiterte Außenseiter und melancholische Frauen.

Auch in seinen aktuell unter dem Titel „Shakespeares Hühner“ erschienenen acht neuen Erzählungen tauchen diese Bereiche und Typen auf. Zusammengehalten von Rothmanns präziser und dennoch fast schwereloser Sprache, die hin und wieder allerdings, gerade bei den Natur- und Tierbeschreibungen, einen Hang zum Pathos ausdrückt. Etwa in der Schlusserzählung, die mit einer Reflexion des jungen Protagonisten über Vergänglichkeit und Sein endet. „Morgen würde ich noch einmal räumen müssen, wie schon oft, und ich dachte an die unzähligen Schichten Schnee in diesem Winter. In jede hatten sich Wildspuren eingedrückt, auch vor meinem Fenster; wir wohnten am Forst. (...) Doch irgendwann taut es eben, und ich weiß noch, wie es mich als Kind überrascht hat, dass sie alle wieder zutage kommen, die Spuren, Schicht für Schicht, als hätte auch der Schnee ein Gedächtnis.“ Tritte von Hirschen, Vögeln oder Hasen leben im Schnee fort, mögen die Tiere auch inzwischen woanders oder gar nicht mehr am Leben sein. Überraschend ist bei Ralf Rothmann immer wieder, dass derartige Reflexionen fast unvermittelt auftauchen. In diesem Fall im unpoetischen Rahmen einer chaotischen Nacht von zwei jungen Frauen und Männern in einer Apartmentanlage. Zwischen Fernsehbildschirm und Alkohol. So als triebe der Überdruss am letztendlich schalen menschlichen Vergnügungsrepertoire Rothmanns Protagonisten in tiefere Schichten der Existenz. Ein Emanzipationsgeschehen, das schon in Rothmanns frühem Roman„Stier“ zu erkennen war.

Am stärksten und eindringlichsten ist die Prosa von „Shakespeares Hühner“ an den Stellen, wo Rothmann lediglich beschreibt und seinen Figuren hinter lakonischen Dialogen eine unantastbare menschliche Würde verleiht. Eine selten gewordene literarische Einfühlsamkeit. So zum Beispiel in der Erzählung „Abschied von Montparnasse“, mit welcher der Band beginnt. Eine junge Karrierefrau hat ein Jahr in Paris gearbeitet. Für ihren Lebenslauf. „..., und es mochte für die Zukunft nicht unbedeutend sein, dass neben den üblichen Begriffen wie Top-Down-Ansatz und Allokation auch das Wort Paris darin vorkam.“ Jetzt sitzt sie in einem Cafe und erkennt die Leere und Einsamkeit dieses Jahres. Ein älterer Mann mit einer Pilzschale weckt ihre Neugierde. So sehr, dass sie ihn anspricht, als er dabei ist, das Cafe zu verlassen. „Ich kenne Sie!“ sagt sie und fügt, ungewöhnlich für eine Geschäftsfrau, hinzu. „Aus einem Traum.“ Worauf der Mann zu ihrer Überraschung und Erleichterung nach einer Denkpause antwortet: „Ja! Ich erinnere mich.“ Zwei Menschen, Fremde, die sich zuvor im Traum begegnet sind. Zu schön, um wahr zu sein, doch als poetische Vorstellung ein eindringliches Bild. Auch in der Erzählung „Sterne tief unten“ ist Raum für das Wunderbare. Ein schlichter Mann mit dem Spitznamen „Onkel Gabi“, der in einer Klinik Leichen verfrachten muss, entwickelt durch die Begegnung mit einem Jungen sein poetisches Talent. Zusammen schreiben sie ein Gedicht über eine Maus. „Und wer hat dein graues Fell? Man verliert es schnell, so schnell: Plötzlich spürt man eine Tatze, wird verschluckt und ist schon Katze.“ Leben und Vergänglichkeit. In der Analogie von Mensch und Tier, Poesie und Realität. Am Ende der Geschichte ist Oswald, wie „Onkel Gabi“ eigentlich heißt, auch in der Liebe das Glück hold. Ein Buchverkäuferin erkennt sein menschliches Potenzial, was ihn zu Tränen rührt. Was schnell zu Kitsch oder vordergründiger Erotik werden könnte, wird unter Rothmanns Feder dankenswerterweise zu einem Hohelied der menschlichen Solidarität. Natürlich darf bei dieser Sammlung von Geschichten auch das Ruhrgebiet der 1960er Jahre nicht fehlen, das bereits in den Rothmann-Romanen „Milch und Kohle“ sowie „Junges Licht“ einen wichtigen Rahmen bildete.

Ralf Rothmann: Shakespeares Hühner. Erzählungen. Suhrkamp Verlag, Berlin 2012, 212 Seiten, ISBN 978-3-518- 42248-9, EUR 19,95