Hochsaison der Heiligen von Palazzolo Acreide

Während hierzulande religiöse Traditionen in Vergessenheit geraten, halten Gläubige im Hinterland von Syrakus auf Sizilien ihre Patrone in Ehren. Von Natalie Nordio

Im sizilianischen Barock des gelb schimmernden Sandsteins: Sankt Paulus in Palazzolo Acreide. Foto: Nordio
Im sizilianischen Barock des gelb schimmernden Sandsteins: Sankt Paulus in Palazzolo Acreide. Foto: Nordio

Der klangvolle Name des Dörfchens Palazzolo Acreide ist ein Überbleibsel der antiken Stadt Akrai, die die Einwohner des unweit entfernten Syrakus im siebten Jahrhundert vor Christus gegründet hatten. Zum einen, um sich vor Feinden aus dem Süden zu schützen, zum anderen, um einen strategisch günstigen Knotenpunkt für den Handel mit dem sizilianischen Binnenland zu schaffen. Die Siedlung erstreckte sich über etwa 35 Hektar. Und von den vielen heute zu besichtigenden Ausgrabungsstätten sind besonders die Ruinen des griechischen Theaters, das von Hieron II. im dritten Jahrhundert vor Christus errichtet wurde, nicht nur für Antiken-Fans ein wirklicher Augenschmaus.

Mit dem Untergang des römischen Imperiums verlor auch Akrai seine Bedeutung und fiel am Ende einem Angriff der Araber zum Opfer, die beinahe die gesamte Gegend in Schutt und Asche legten. Im späten zwölften Jahrhundert taten es die Normannen den ersten Stadtgründern gleich und nutzten wiederum die günstige Position für den Bau einer Festung, um die sich recht schnell eine kleine Stadt mit Namen Palazzolo bildete. Diese beiden Wurzeln der historischen Städtegründungen wurden zusammengelegt und Palazzolo Acreide war geboren.

Das Städtchen, dessen augenblickliche Einwohnerzahl die Zehntausend nicht überschreitet, liegt inmitten eines Plateaus, das von den umliegenden „Monti Iblei“, den „Hybläischen Bergen“ gebildet wird und im späten siebzehnten Jahrhundert von einem Erdbeben heimgesucht wurde – mit verheerenden Folgen für die umliegenden Dörfer. Dreiviertel der Gebäude waren zur Gänze zerstört oder so schwer beschädigt, dass ein kompletter Abriss die vernünftigste Lösung war. In den auf das Unglück folgenden Jahrzehnten machte man sich mit Nachdruck an den Wiederaufbau, und dies in dem für die Gegend damals typischen Stil – dem sizilianischen Barock. Dieser unterscheidet sich vom Barock des italienischen Festlands besonders durch die Materialwahl. Für Paläste und Kirchen wurde fast ausschließlich gelb schimmernder Sandstein verwendet und seine Verzierungen wiesen mit ihren Schnörkeln und Dekorationen bereits in Richtung des späteren Jugendstils voraus. Dank der Erklärung Palazzolo Acreides als Teil der „spätbarocken Städte des Val di Noto“ zum UNESCO-Weltkulturerbe im Jahr 2002 erstrahlen die Fassaden der Palazzi und Kirchen in neuem Glanz und der ein oder andere Tourist bemüht sich ihretwegen hinauf in das bergige Gelände.

In den Wintermonaten scheinen Plätze und Straßen wie in einer Art Dornröschenschlaf zu liegen. Das Leben spielt sich in dieser Zeit in den Häusern ab, denn bei einer Lage in knapp achthundert Metern Höhe wird es bitter kalt und erst mit dem Frühling kehrt auch langsam wieder das Leben ins Dorf zurück. Doch vor allem in den Sommermonaten erwacht Palazzolo aus seiner gemächlichen, verträumten Stimmung. Denn es ist Hochsaison, aber nicht im Sinne des für Italien typischen Massentourismus, sondern es ist die Zeit der Feste, die zu Ehren der Stadtheiligen abgehalten werden – und von denen gibt es hier reichlich. Von Juni bis in den Oktober hinein geben sich die Heiligen die Klinke in die Hand und der gesamte Dorfalltag ist bestimmt von den Feierlichkeiten und Traditionen zu Ehren der „Santi“, von denen die meisten auf den während des sechzehnten Jahrhunderts im Dorf stark vertretenen Jesuitenorden zurückgehen.

Den Anfang macht am 29. Juni „la festa di San Paolo“, dem Patron der Stadt, dessen Ehrentag den Einwohnern bereits einen Monat zuvor am 29. Mai durch einundzwanzig Kanonenschüsse um sieben Uhr in der Früh angekündigt wird. Dieses Ritual gilt für alle Heiligenfeiern in Palazzolo Acreide, und so vergeht im Sommer kaum ein Tag ohne ein Kanonenschuss-Weckkommando. Am 29. Juni versammeln sich die „Palazzolesi“, die Dorfbewohner, bereits Stunden vorher auf und um die enge, schlauchartige Piazza vor der Kirche des heiligen Paulus. Selbst die allerkleinsten Bürger tragen um die Schultern ein rotes Dreieckstuch mit dem Emblem ihres Patrons und halten Lavendelzweige, die den gesamten Platz mit wundervollem Duft erfüllen. Zwei Engelfiguren, die links und rechts von der Kirchenfassade in Richtung der Menschenmenge an Seilen befestigt hinabsausen, geben den Startschuss für ein Feuerwerk aus überdimensionalen Konfetti in allen erdenklichen Farben, die sodann wie Luftschlangen an Karneval herabregnen und nur wenige Augenblicke später den gesamten Platz, den heiligen Paulus, seinen Baldachin sowie seine Träger bedecken. Fehlzündungen, die hier und da an der Kirchenfassade mittelgroße Brände auslösen, gehören ebenso wie die Kanonenschüsse zum Spektakel. Genau für eine Woche zeigt sich der Heilige nun auf einer abendlichen Runde durch eines der Stadtviertel, um dann wieder bis zum nächsten Jahr in der Sakristei zu verschwinden.

Der heilige Sebastian, neben dem heiligen Paulus der wichtigste Stadtheilige und daher auch mit dem Titel des Protektors versehen, wird von den „Palazzolesi“ im August gefeiert. Er muss es nach einem tosenden Auftakt – natürlich fehlen auch hier nicht Konfettiraketen und bei Tag sichtbare Feuerwerkskörper – mit einer der steilsten Dorfstraßen aufnehmen. Die Träger und einige Zuschauer, die helfend zur Hand gehen, bilden hierbei eine Art Menschenkette, über die der mächtige Baldachin aus Massivholz gemeinsam mit der Heiligenfigur mühevoll und ziemlich schwankend hinaufgezerrt wird.

Nicht ganz so gewaltig und pompös, eher etwas ruhiger und gesetzt, aber nicht weniger stimmungsvoll feiert Palazzolo im September und Oktober die Feste zu Ehren der „Maria Addolorata“ und des „Erzengels Michael“.

Nach all dem Tohuwabohu kehrt man im Spätherbst wieder zur gewohnten Gemütlichkeit zurück und in den Wintermonaten kann man bei einem Blick in das ein oder andere Fenster mit etwas Glück beobachten, wie Groß und Klein schon wieder dabei sind, meterlange bunte Papierstreifen aufzurollen und so die Konfettiraketen für die nächste Hochsaison der „Santi von Palazzolo“ vorzubereiten.