Hirschkäfer zwischen Kartäusernelke und Haselwurz

Viel Arbeit in der Dombauhütte: Die 78. Folge des „Kölner Domblatts“ ist erschienen. Von Constantin Graf von Hoensbroech

Der Dreikönigsaltar im Kölner Dom: Das diesjährige „Domblatt“ betrachtet unter anderem die üppige Vegetation in der Bodenzone des Gemäldes von Stefan Lochner (Detail). Foto: IN
Der Dreikönigsaltar im Kölner Dom: Das diesjährige „Domblatt“ betrachtet unter anderem die üppige Vegetation in der Bode... Foto: IN

Kriechender Günsel, gelbgrüner Frauenmantel, Haselwurz, Kartäusernelke, Sumpfblutauge und viele mehr. Insgesamt 36 Pflanzen und drei Pflanzengattungen – nicht zu vergessen noch ein Hirschkäfer als besonderer Vertreter der Tierwelt – trägt Elisabeth Margarete Comes in ihr Kompendium über „Die Pflanzen auf dem Altar der Stadtpatrone im Kölner Dom“ zusammen. In ihrem lesenswerten Beitrag geht die studierte Gartenbauarchitektin einem Bereich im weltberühmten Triptychon von Stefan Lochner nach, der eher unauffällig in die Szenerie mit der Anbetung des Christuskindes durch die Heiligen Drei Könige eingewoben ist: die Bodenzone. Von Weitem mutet sie als eine eher undifferenziert erscheinende grüne Fläche an. Doch bei genauerer Betrachtung des Altars aus dem 15. Jahrhundert entpuppt sich der grüne Untergrund als eine Blumenwiese mit einzigartiger Vegetation. Comes identifiziert in ihrem Beitrag für die neueste Ausgabe des „Kölner Domblatts“ nicht nur die üppige Fauna in ihren einzelnen Ausprägungen. Die Leser erfahren zudem vielmehr etwas über die heilende Kraft oder die medizinische Anwendung oder auch die Symbolik, die den Blumen im Mittelalter zugeschrieben wurden.

Den über 250 Figürchen, sogenannten Drolerien, in den Chorschrankenmalereien widmet sich der Beitrag der Studentin Katharina Bornkessel. Neueste Erkenntnisse aus der Domgrabung liefert Ulrich Back. „Es ist ein buntes und sehr abwechslungsreiches Domblatt geworden“, betont Klaus Hardering, der in bewährter Form mit Leonie Becks die Schriftleitung des höchst unterhaltsamen und wissenschaftlich fundierten Buches übernommen hat.

Besonderes Vergnügen bereitet die Lektüre eines Beitrags von Rolf-Harald Wippich über „Nicht alltägliche Besucher – Die japanische Europagesandtschaft im Kölner Dom im Sommer 1862“. In diesem Jahr waren knapp 40 ranghohe Angehörige und Mitarbeiter der japanischen Shogunregierung auf ihrer Reise durch Europa unter anderen auch in Köln. Wippich stellt die zeitgenössischen Quellen sowie Tagebucheinträge zusammen. Diese gingen unter anderem davon aus, „die Gesandtschaft bestehe ganz oder zum Teil aus Frauen, und wirklich hatten Manche das Aussehen von solchen, wozu die glattrasierten Gesichter und die kleinen Zöpfchen beitrugen“.

Erstmals wurde der Dombaubericht, der stets den Beginn des jeweiligen Domblatts darstellt, von dem seit September 2012 amtierenden Dombaumeister Michael Hauck verfasst. Gerne hätte er ein bisschen mehr Ruhe gehabt, um sich einzuarbeiten, denn: „In diesem einen Jahr haben sich mehrere Dinge innerhalb und außerhalb des Doms ereignet, die sonst nur alle Jahrzehnte vorkommen.“ Da ging es beispielsweise um die Abnahme des riesigen Hängegerüsts am Nordturm mit einem speziellen Hydraulikkran – der bislang größte Kraneinsatz in der Geschichte des Kölner Wahrzeichens. Dann standen die intensiven Abstimmungen mit der Stadt Köln sowie mit den von dieser beauftragten Architekten zur Umgestaltung der Ostumgebung der Kathedrale an. Hinzu kamen die Verhandlungen mit den Kölner Verkehrsbetrieben, da eine neueröffnete U-Bahnlinie auf einmal für deutlich wahrnehmbare Erschütterungen, insbesondere in der Schatzkammer, sorgte. Damit nicht genug: „Sprichwörtlich aus heiterem Himmel hat den Dom ein weiteres Ereignis getroffen und der Dombauhütte viel zusätzliche Arbeit beschert“, schreibt Hauck in seinem Bericht über den spektakulären Blitzeinschlag Ende Januar 2013, der erheblichen Schaden an der gesamten Elektrik des Domes verursachte.

„Ich fürchte mich vor gar nichts mehr“, stellte Dombaumeister Hauck abschließend augenzwinkernd fest, als er mit den Schriftleitern die über 300 Seiten starke und reich bebilderte 78. Folge des Kölner Domblatts als Jahrbuch des Zentral-DombauVereins (ZDV) vorstellte. Diese Vorstellung fand in Räumlichkeiten statt, die ebenfalls in dem Band eine Rolle spielen: der Werkstatt für Steinrestaurierung. Nachdem das Erzbischöfliche Generalvikariat der Dombauhütte die Räumlichkeiten des ehemaligen Diözesanmuseums überlassen hatte, konnte hier eine Restaurierungswerkstatt eingerichtet werden. Bei der Auswahl des Personals von Restauratoren und Bildhauern wurde sehr genau darauf geachtet, dass diese sich aufgrund der verschiedenen Ausbildungswege und Spezialisierungen optimal ergänzen und so verschiedene Synergien entstehen“, berichtet Hauck. Erhebliche Mittel zur Einrichtung der Werkstatt kamen dabei vom ZDV.

Dass ohne das Engagement des 1842 gegründeten Vereins das gotische Gotteshaus am Rhein weder vollendet worden wäre noch weiter erhalten werden könnte, würdigte auch der Kölner Erzbischof Joachim Kardinal Meisner bei der Hauptversammlung des ZDV, die ebenfalls im vorliegenden Domblatt ausführlich wiedergegeben wird. Meisner nannte die ZDV-Mitglieder „Kryptocharismen, beseelte Menschen, die sich für eine gute Sache engagieren, ohne im Vordergrund zu stehen“. Über solche Menschen wolle er im Ruhestand ein Buch schreiben und den Mitgliedern des ZDV das erste Kapitel widmen.

Kölner Domblatt, Verlag Kölner Dom, ISBN 978-3-922442-83-7, EUR 27,80