Heldengeburt im Rattenlabor

Der Bayreuther „Lohengrin“ begeistert. Am Sonntag überträgt „Arte“ die Oper aus dem Festspielhaus. Das gab es noch nie

Von Markus Reder

Sollte die Ratten-Inszenierung nicht gefallen, einfach die Augen schließen: Die Musik ist großartig. Foto: Bayreuther Festspiel
Sollte die Ratten-Inszenierung nicht gefallen, einfach die Augen schließen: Die Musik ist großartig. Foto: Bayreuther Festspiel

Man stelle sich vor, der Mann würde heute noch ins Horn blasen. Was für ein Verlust für die Musikwelt. Nichts gegen Hornisten, aber dass Klaus Florian Vogt nach seiner Bläserausbildung dann doch noch Sänger wurde, ist ein Segen. Davon kann man sich bei den Bayreuther Festspielen überzeugen. Dort hat Vogt als Lohengrin das Publikum zu Begeisterungsstürmen hingerissen. Völlig zu Recht. Was Vogt da abliefert, ist Weltklasse. Mehr noch: Vogt setzt neue Maßstäbe in dieser Rolle. Seine Textverständlichkeit ist umwerfend. Alles kommt mit ungeheurer Leichtigkeit und Präzision daher. Vogts Tenor hat etwas Chorknabenhaftes. Das ist nicht kritisch gemeint. Im Gegenteil: Feinheit und Dynamik geben seinem Lohengrin einen geradezu überirdischen Klang. Das Bayreuther Publikum sehnt sich nach Helden. In Klaus Florian Vogt hat es einen neuen gefunden.

Die Inszenierung von Hans Neuenfels, in ihrem zweiten Bayreuther Jahr hat zwar mit dem Wagner-Stoff so viel zu tun, wie der Schwanenritter mit Schweinegrippe. Originalität, konsequente Umsetzung und Stimmigkeit kann man ihr aber nicht absprechen. Bei Schlingensiefs Parsifal war es der Hase, der zum Symbol schlechthin wurde, bei Neuenfels sind es die Ratten. Auf „Hasifal“ folgt „Rattengrin“. Die Welt ein Versuchslabor. Lohengrin, ein Menschenversuch. Immer wieder zeigt das Bühnenbild neue Versuchsanordnungen, Metamorphosen von Ratten und Menschen. Mal ironisierend, mal gefriert einem das Lachen. All das ist ungemein andeutungs-, anspielungsreich und bei allen Zweifeln an der Bildsprache doch von verstörender Eindringlichkeit. Licht, Farben, Personenführung: Dieser Lohengrin besticht durch seine ganz eigene Ästhetik. Am Ende schlüpft der neue Mensch aus einem Schwanenei, reißt sich die Nabelschnur vom Leib und wirft sie in die Menge. Rettung, Erlösung? Eher ein neues Monster.

Am Sonntag überträgt „Arte“ ab 17.15 Uhr den Bayreuther Lohengrin (zunächst zeitversetzt, dann live) vom Grünen Hügel. Das ist ein Novum in der Geschichte der Festspiele. Wer sich an der Inszenierung stört, der soll die Augen schließen. Die Musik ist überragend. Petra Langs Ortrud ist wunderbar herrisch. Gewaltig, voller Temperament und Leidenschaft entlockt sie der Rolle magische Momente. Ein „Black Swan“ in Vollendung. Am Sonntag singt Annette Dasch die Elsa. Wegen kurzfristiger Erkrankung bei der zweiten Bayreuther Lohengrin-Aufführung fabelhaft vertreten durch Astrid Weber. Georg Zeppenfeld als König Heinrich und Thomas Tomasson als Friedrich von Telramund sorgen für eine herausragende Ensemble-Leistung. Sensationell – wie immer – der Bayreuther Festspielchor. Dass mit Andris Nelsons ein erst 32 Jahre junger Dirigent am Pult steht, mag man kaum glauben, so routiniert und souverän führt er durch die Partitur. Beifall, Bravos, Ovationen.