Heilkunst in den Wirren der Spätantike

Zwei „Arztromane“ der anderen Art erzählen über das Leben der frühen Christen

Wer kennt außerhalb von Köln den Namen des Arztes Pantaleon, der zu den „Großmartyrern“ der frühen Kirche zählt? Und wer kennt den Namen der „deutschen“ Kaiserin Theophanu, der griechischen Gemahlin Kaiser Ottos II., die kurz vor der Wende des ersten Milleniums diesen griechischen Heiligen (zusammen mit dem heiligen Nikolaus) zur Verehrung nach Westeuropa in das damalige Ottonische Reich brachte? Die Kaiserin und der Heilige ruhen gemeinsam in der frühesten romanischen Kirche Kölns, in der herrlichen Basilika St. Pantaleon, wo immer am 27. jeden Monats ein Gottesdienst zu ihren Ehren gefeiert wird; Pantaleons Gedenktag ist nämlich am 27. Juli.

Katechese und Erläuterung des Glaubensbekenntnisses

Der langjährige Pfarrer von St. Pantaleon, der erst vor kurzem nach Münster zu neuen Aufgaben wechselte, Peter von Steinitz, hat ein Buch vorgelegt, das dieser Unkenntnis aufhilft und in die erregende Zeit des 3./4. Jahrhunderts, mitten in die Spätantike hineinführt. Ähnlich wie heute ist diese Endphase der Antike durchsetzt von vielerlei Sinnsuchen: Krause Mischreligionen, zuchtlos-orgiastische Kulte, orientalische Götternamen dringen in das spätrömische Reich ein, das bereits in einen ost- und einen weströmischen Teil aufgespalten ist und in den Hauptstädten Nikomedien (heute: Izmit neben Istanbul)) und Trier von zwei Kaisern regiert wird. Aber neben den verwirrenden Religionen in dem Vielvölkerreich wird auch der klärende Einfluss der griechischen Philosophie in den platonischen Schulen spürbar – und die Morgenröte des Christentums geht auf. Lange gilt es noch als jüdische Sekte, ergreift aber im griechisch-römischen Kulturraum immer mehr Gebildete und Ungebildete, Sklaven wie Adelige.

In dem Roman wird eine germanische Sklavin Friedhild zur Begleiterin der Geschichte: Nach Nikomedien verkauft, nimmt sie den ungewohnten Geist der christlichen Domina wahr, erzieht nach dem Tod der Mutter den jungen, hochbegabten Sohn Pantaleon und wird später nach der tödlichen Folterung den Leichnam waschen und begraben. Der Autor greift die überlieferten historischen Daten auf: die Abstammung Pantaleons (des „Ganz-Löwen“) von einer christlichen Mutter und einem heidnischen Vater, dessen ärztliche Kunst der Sohn übernimmt; die Berufung Pantaleons zum Leibarzt des Kaisers Diokletian; die überlieferten Wunderheilungen durch den Neugetauften; die grauenhafte Folterung in der Christenverfolgung um 400, als das Weihrauchopfer vor den Standbildern der Kaisergötter von den Christen verweigert wird.

Die Erzählung bietet aber weit mehr als diese genau recherchierten Hintergründe. Der Autor baut darin die spätantike Weltsicht ein, die den eher langsamen Weg des jungen Arztes zur Taufe zunächst hemmt; darauf aber entwickelt er dessen wachsende Freude an der Einsicht in die innere Logik des Christentums. Diese Passagen verbinden sich mit einer unaufdringlichen Katechese und Erläuterung des Glaubensbekenntnisses – für viele Leser, gerade Jugendliche, zum eigenen Eindringen gewiss hilfreich. Verbunden wird diese innere Entwicklung mit der reizvoll eingeflochtenen Liebe zu der jungen heidnischen Römerin Aurelia (die nach der Taufe Katharina heißen wird, sich Christus verlobt und in Alexandria gemartert wird) und mit leicht hingetuschten Bildern des Hoflebens, der geheimen Gottesdienste und Tauffeiern der Christen, auch mit Ausflügen in die platonische Philosophie: so besonders im Kapitel über die göttliche Schönheit und die Schönheit des Göttlichen.

Slowakischer Medizinstudent findet zum Christentum

Kurz: In der zweifelhaften Gattung der „Arztromane“ ist ein ganz anderer Roman entstanden, der in den wirren weltanschaulichen Mustern der Spätantike die Figur des jungen Arztes so bewegend zeigt, dass damit die Jahrhunderte übersprungen sind und das bis heute Gemeinsame, das wunderbar Menschliche des Christentums sichtbar wird.

Der Autor hat auch bereits ein zweites Buch nachgeschoben, dessen rasante Handlung zeitgenössisch in unsere Tage und bis in den islamischen Raum hinein spielt. Leo Pantalsky, unverkennbar ein Namensvetter Pantaleons und ungetaufter slowakischer Medizinstudent in Köln, geht durch Himmel und Hölle der westlichen Kultur, befreundet sich mit moslemischen Studenten, wird in eine scheinbare Konversion zum Islam hineingetrickst, kann sich mit Mühe daraus befreien, findet – auch aufgrund seiner Großmutter Anna – zum Christentum. Ebenso stabilisiert ihn die Liebe zu Catherine, einer französischen jungen Christin, in den verschiedenen Möglichkeiten zu sexuellen Abenteuern. Die Freundschaft mit dem türkischen Mitstudenten Sahin führt ihn nach Istanbul, von dort weiter nach Ephesus ins Haus der Mutter Maria, Meryem Ana – wo am 11. September 2001 ein Mordanschlag auf ihn und eine Pilgergruppe geschieht...

In diese flüssig und vielschichtig erzählte Handlung werden die Ringparabel Lessings, die Sufi-Mystik und viele andere Fragen hineingeflochten; die dichteste darunter lautet: Wer ist Gott? Es berührt wohltuend und lösend, dass der Autor das Freundespaar, den Christen und den Muslim, zu der Antwort finden lässt, die der Koran so nicht formuliert: Allah mahabba; Gott ist die Liebe. Dieser theologisch wohlbegründete, zugleich mit Spannung geschriebene Roman bringt viele Erfahrungen, vor allem der Multi-Kulti-Jugendszene, ins Wort und macht begründete Ängste und die tragische Richtungslosigkeit heutiger Jugendlicher deutlich. Aber er vermag auch furchtlos mit dem Evangelium eine Antwort vorzuschlagen. Junge Erwachsene werden den Roman wegen der kriminalistischen Spannung gerne lesen und dabei die theologischen Aussagen „unter der Hand“ mitnehmen; andere werden die Zielvorgabe des Glaubens an die heutigen Lebens(irr)wege schätzen. Ein kluges, spritziges und gläubiges Buch.