Haute cuisine trifft indische Schärfe

„Madame Mallory und der Duft von Curry“ erzählt vom Kochen und sagt doch so vieles über die menschliche Begegnung mit dem Fremden. Von Björn Hayer

Beim Kochen kennengelernt: Szene aus dem besprochenen Film. Foto: dpa
Beim Kochen kennengelernt: Szene aus dem besprochenen Film. Foto: dpa

Manchmal machen erst die Unterschiede den richtigen Geschmack aus. So auch in Lasse Hallströms fein abgeschmeckter Komödie „Madame Mallory und der Duft nach Curry“: Bislang war die gleichnamige, eiserne Grande Dame der südfranzösischen Haute cuisine (Helen Mirren) der unangefochtene Restaurantplatzhirsch in Sainte-Antonin-Noble-Val. Gehobene Speisekultur, auserlesene Gäste, darunter Minister und Regierungsbeamte, sowie ein Bewusstsein für Tradition. Dies verspricht ein sicheres Menü, um den ersten Michelin-Stern zu verteidigen. Doch für den zweiten braucht es vor allem Mut und Innovationsfreude.

Erst als es die indische Großfamilie um den sympathischen Patriarchen, wunderbar gespielt von Omi Puri, in das Provinznest verschlägt, wird die reservierte Unternehmerin des guten Geschmacks aus dem kulinarischen Trott buchstäblich herausgeworfen. Mit der Eröffnung des „Maison Mumbai“ gegenüber des „Le Saule Pleureur“ treffen nicht nur Currypfanne und Coque au vin hart aufeinander, auch ein Konflikt der Kulturen ist vorprogrammiert. Indem sich beide Seiten über Verfahrensbemühungen der öffentliche Verwaltung und korinthenkackerische Regularien zunächst noch mürbe zu machen suchen, spitzt sich der Kleinkrieg der Kochlöffel zu, bis schließlich ein rassistisches Attentat auf die Emigranten auch Mallorys Zivilcourage und Mitgefühl trifft und endlich die ersehnte Kooperation greifbar wird.

All dies bebildert der Regisseur in einer fein abgeschmeckten Mixtur aus Komödie, die an keiner Stelle Gefahr läuft, in Klamauk abzudriften, und Begegnungsdrama. Der Film stellt weniger die Gegensätze als vielmehr deren Potenzial für eine harmonischen Komposition heraus. Wo sich die Zutaten vermischen, umrahmen zauberhafte Landschaftsaufnahmen und wohlklingende Filmmusik aus der Feder von A. R. Rahman eine gefühlvolle Rezeptur, die das Fremde auf das Gemeinsame und Bereichernde zu befragen weiß.

So wird auch Hassan Kadam (Manish Dayal), der Küchensprössling der Einwanderer und Naturtalent am Herd, bald Teil des Ensembles im „Le Saule Pleureur“, arbeitet sich zum Maître de la cuisine hoch, geht später nach Paris, um in den angesagtesten Tempel hipper Molekularküche zu Frankreichs führendem Speisekünstler zu avancieren. Doch wer aufsteigt, wird auch einsam – vor allem wenn die große Liebe nach wie vor noch in dem entlegenen Ort der französischen Pyrenäen wartet. Marguerite (Charlotte Le Bon) lautet der Name jener Dame, welche unverändert in Madame Mallorys Speisetempel sowohl auf ihre Beförderung zur Küchenchefin als auch insgeheim auf ihren Geliebten wartet. Erwartungsgemäß kehrt der verlorene Sohn auf dem Höhepunkt des Ruhms zu den eigenen Wurzel zurück und führt – wie soll es anders sein? – gemeinsam mit ihr das durch seinen Ideenreichtum mit einem zweiten Michelin-Stern gekürte „Le Saule Pleureur“ in die Zukunft. Die Zusammenstellung von Speisen mag eine Frage der Technik, mehr aber noch eine der Liebe sein. Nur im Team können beide ihr Maximum beweisen und den Leckerbissen eine Seele einhauchen. Um die Magie der Zutaten vor Augen zu führen, setzt Hallström daher immer wieder Marktstände und ausgewählte Gewürze in Szene. In Detailaufnahmen verweilt die Kamera auf Gaumenfreuden und sensibilisiert uns für die Kostbarkeit des Essens. Nahrung ist keine Ware, sondern ein Geschenk – so die pathetische Botschaft dieses liebevoll gestalteten Films. Die richtige Melange verführt aber nicht nur den Gast.

Passionierte Darsteller, Witz und Stilsicherheit

Gleiches gilt für die Personen hinter dem Herd, deren Herzen sich buchstäblich erwärmen. Madame Mallory findet Gefallen am fernöstlichen Familienoberhaupt, Marguerite und Hassan bilden die süß-saure liaison d’amour und überwinden die kulturellen Differenzen. Essen sättigt, aber es bringt uns noch wertvolleres, nämlich Gemeinschaft, lässt Mensch zusammenkommen, regt sie an, sich gegenüber ungekannten Sinnlichkeiten zu öffnen. Damit schreibt der Kinokünstler Hallström seine Geschichte aus dem Werk „Chocolat“ (2000) mit Johnny Depp und Juliette Binoche fort. Auch hierin erzählt er von Fremdlingen, darunter ein fahrender Zigeuner und eine Schokoladenkünstlerin, die erst nach zahllosen Konflikten in die Gemeinschaft integriert wird. Das Mahl miteinander zu teilen bedeutet, den Horizont zu erweitern, Toleranz und Faszination für das Neue praktisch zu üben. Das heißt: Liebe geht eben doch durch den Magen. Schöne Panoramen, passionierte Darsteller, Witz, Stilsicherheit und unverkennbarer Charme – das beste Rezept für gelingende Kinematografie. Bleibt nur zu sagen: Wir wünschen Bon Appetit!