Hat unser Gehirn nichts zu tun, so verkümmert es

Verblöden wir durch Computer? – Der Hirnforscher Manfred Spitzer diskutiert seine Thesen bei „Peter Hahne“. Von Katrin Krips-Schmidt

Digitaler Skeptiker: Manfred Spitzer. Foto: dpa
Digitaler Skeptiker: Manfred Spitzer. Foto: dpa

„Verblöden“ wir tatsächlich, wenn wir tagtäglich viele, viele Stunden vor Bildschirm und Tastatur verbringen? Wenn wir unser Hirn nicht mehr mit geistiger Arbeit trainieren, sondern diese ständig „auslagern“ – an Computer, Navi und Google?

Eine Offensive gegen digitale Medien startet soeben, und das nicht zum ersten Mal, Professor Manfred Spitzer, mit seinem brandneuen Buch „Digitale Demenz – Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen“.

Am Sonntag – die „gamescom“, die weltweit größte Messe für Video- und Computerspiele, schloss gerade in Köln ihre Pforten – stellte der Direktor der Ulmer Psychiatrischen Universitätsklinik seine Thesen im Zweiten Deutschen Fernsehen bei „Peter Hahne“ zur Diskussion. Spitzer, der einem breiten Publikum durch populärwissenschaftliche TV-Sendungen und eine Vielzahl von Buchtiteln zu den Themen Hirnforschung, Lernen und Medien bekannt ist, führte in einem Streitgespräch mit dem Leiter einer kleinen Grundschule mit 89 Schülern in Hessen, Horst Hack, dem Zuschauer eine besorgniserregende Entwicklung vor Augen.

Die Fakten liegen nach Aussage des Psychiaters auf dem Tisch: Wenn unser dynamisches Gehirn nichts zu tun hat, verkümmert es, denn, so Spitzer: „Wenn wir geistige Arbeit auslagern, dann findet sie ja nicht statt, und das bewirkt, dass wir langfristig geistige Leistungsfähigkeit abgeben.“ Anschaulich lässt sich das für einen jeden von uns nachverfolgen: an unserer eigenen Gewöhnung an das Navigationssystem in unserem Auto, ohne das wir kaum noch in der Lage sind, uns im Straßengewirr der Großstadt zurechtzufinden. „Wenn Sie nicht mehr navigieren mit Ihrem Navi, dann wissen Sie nimmer, wo Sie sind. Und irgendwann können Sie's nimmer.“ Bei Kindern wirkt sich diese Unterforderung besonders fatal aus, denn ihr Gehirn befindet sich ja noch in einer sensiblen Entwicklungsphase.

Ein Argument, das der Grundschullehrer Hack so nicht gelten lassen will. Sein Zauberwort ist „Medienkompetenz“. Er möchte seinen Schülern dadurch einen verantwortungsvollen Umgang mit den Medien beibringen.

Doch gerade das kritisiert Spitzer. Immer wieder vergleicht er das Verhalten, das viele Jugendliche im Umgang mit Smartphone, Facebook und Co. an den Tag legten, mit einer echten Sucht, und die Realität scheint ihm da rechtzugeben. Jeden Monat (!) geben Familien durchschnittlich 200 Euro für Digitales aus, siebeneinhalb Stunden sind Jugendliche täglich mit den digitalen Medien beschäftigt, von einer Viertelmillion Internetsüchtigen unter den 14- bis 24-Jährigen ist bereits die Rede, und wie bei einer echten Sucht bestehe, laut Spitzer, auch hier die Gefahr des „Anfixens“, des „Neugier-Erweckens“, wenn man Kinder in einem Schulfach namens „Medienpädagogik“ erst auf solche Dinge wie Internet aufmerksam machen würde. „Die Medien machen nachgewiesenermaßen süchtig und genauso wenig, wie wir Alkoholpädagogik in Kindergarten und Schule brauchen, brauchen wir Medienpädagogik“, so das Fazit des Neurologen. Denn: „Wir wissen, dass Computerspiele im Hirn genau die gleichen Zentren anregen wie Heroin.“ Die Initiative „Schule ans Netz“ von Familienministerin Schröder findet er daher „furchtbar“, und er verweist auf PISA-Ergebnisse, nach denen 15-Jährige, die über einen Computer verfügten, bei ihren schulischen Leistungen schlechter als die ohne abschnitten. Auch das Recherchieren via Internet sieht Spitzer nicht nur unter positiven Gesichtspunkten: „Wenn Sie ,googeln‘, dann weiß Ihr Hirn: ich kann's ja googeln. Deswegen speichert es das mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit ab, als wenn Sie die Information irgendwo anders herhaben. Das Internet trainiert uns eine Aufmerksamkeitsstörung an.“ All das bezieht er ausdrücklich nur auf Schulkinder und nicht auf Erwachsene, seine Warnung zielt auch nicht auf „Verbieten“ ab, sondern er will Alternativen anbieten und prägt dafür so griffige Slogans wie „Schwimmen statt im Netz surfen“.

Trotzdem verweist er immer wieder auf die Ergebnisse einschlägiger Studien: „Eine Playstation im Grundschulalter macht die Noten schlechter – das wissen wir. Je mehr einer Medien benutzt, desto schlechter ist er in der Schule – das wissen wir.“

Übrigens hat die digitale Medienrevolution, wie man anfangs erhoffte, nicht zu einer Aufhebung gesellschaftlicher Schranken beigetragen. Im Gegenteil. Die Schere hat sich weiter geöffnet. Man spricht inzwischen von einer „digitalen Kluft“ (engl. digital divide). „Die Kluft wird durch die digitalen Medien größer, nicht kleiner“, so Spitzer.

Konsequenz und Nonchalance zeigt der 54-jährige Vater von sechs Kindern, einige davon sind mittlerweile erwachsen, bei der Medien-Erziehung des eigenen Nachwuchses. Irgendwann hat er nämlich den häuslichen Fernseher abgeschafft. „Da gab es einen kleinen Zwergenaufstand. Mittlerweile haben sich alle, wirklich alle, bedankt. Papa, das war gut, was ihr damals gemacht habt.“

„Unrealistisch, aber auf der Bestsellerliste vorn“

Auch wenn Spitzers Forderung nach einer weitgehend computerfreien Kindheit im Medienzeitalter des 21. Jahrhunderts in den Ohren vieler unrealistisch klingen mag, so ganz weg vom Tisch ist sie offenbar nicht. Sein Buch, dessen Tinte zwei Wochen nach Erscheinen kaum getrocknet sein dürfte, liegt auf der Bestsellerliste des SPIEGEL-Magazins bereits auf Platz Zwei, bei Amazon führt es sogar gleich mehrere Sachbuchkategorien auf Rang Eins an. Es versteht sich als eine aktuelle und ausführliche Bestandsaufnahme der Auswirkungen digitaler Medien insbesondere auf Kinder und Jugendliche.

Leider vermochte es das ZDF nicht, den rhetorisch und fachlich versierten Neurowissenschaftlicher mit einem ebenbürtigen Gesprächspartner zu konfrontieren, der Spitzers Thesen mit fundierten Gegenpositionen hätte kontern können. Neben dem Umstand, dass Hack seinen Grundschülern eine wie auch immer geartete „Medienkompetenz“ vermitteln wolle, schien seine Freundschaft mit dem Schauspieler Til Schweiger (Regisseur u.a. von „Keinohrhasen“) dem Sender wohl ausreichender Ausweis für eine besondere Medien-Qualifikation zu sein, es mit dem Professor in der Diskussion aufzunehmen. Was jedoch ein Trugschluss war. Vielleicht die ersten Anzeichen einer „digitalen Demenz“?