Großes Interesse an Trostliteratur

Die Leipziger Buchmesse wird immer mehr zur Marketingplattform für Verlage – Trends beim religiösen Buch

Auch in diesem Jahr konnte die Leipziger Buchmesse ihre Besucherzahlen um 9 000 auf rund 156 000 Messebesucher steigern, was vor allem am Wochenende an einer teils bedrückende Enge in den Ausstellungshallen und -Gängen zu merken war. Durch die zu Tausenden angereisten „Cosplayer“ – Jugendliche, die japanische Comicfiguren mit ihren auffälligen Kostümen zum Leben erwecken – herrschte dann buntes Treiben auf der Messe. Doch rein räumlich gesehen stößt die Buchmesse allerdings an ihre Grenzen, was sich abends in der Leipziger Innenstadt bei Veranstaltungen mit prominenten Autorinnen oder Autoren wie Martin Walser, Richard von Weiszäcker oder Nina Hagen wiederholt.

Als veritables Massenereignis wird die Buchmesse und die Veranstaltungsreihe „Leipzig liest“ von den größeren Verlagen verstärkt als Marketingplattform genutzt, was den bislang eher untergeordneten, kommerziellen Faktor deutlicher zutage treten lässt. Noch allerdings dominieren in der Fülle an Angeboten nicht die Veranstaltungen, bei denen vor allem Autogrammjäger und Boulevardjournalisten auf ihre Kosten kommen, sondern bei denen die Leser neue, interessante Literatur entdecken können: „Die Leipziger Buchmesse ist keine Imagemesse, hier geht es noch um Themen, um die direkte Ansprache der Kunden. Sie ist eine Spur unaufgeregt, leseorientiert, kundenfreundlich“, sagt Holger Dietzschold von der Vertriebsabteilung des Herder Verlags, „aber vor allem ist es die Messe der kurzen Wege“.

Deshalb lässt man sich als Messebesucher am besten in Leseecken und -Nischen treiben und in poetische Welten entführen – mitunter kann man die Augen schließen und den Klang fremder Sprachen auf sich wirken lassen, aus Osteuropa und vom Balkan, aber auch aus Lateinamerika, deren Verlage sich mit einem Gemeinschaftsstand anlässlich von 200 Jahren Unabhängigkeit präsentierten. Ein Kontinent, auf dem fast ausschließlich Spanisch oder Portugiesisch gesprochen wird, profitiert bei allen nationalen Unterschieden automatisch von einer großen Lesegemeinschaft. Demgegenüber haben es die Europäer schwer, denn noch immer ist die Zahl an innereuropäischen Übersetzungen gemessen an der Zahl der Bücher gering. Selbst anerkannte Literatur aus unmittelbaren Nachbarländern – wie man am Beispiel Polens und Deutschlands sehen kann – überschreitet selten nationale Grenzen. Mitunter müssen Kulturvermittler selbst den Anstoß geben: So ist etwa der Berliner Transit-Verlag durch Lisa Palmes, die sich nach ihrem Studium in Polen als junge Übersetzerin selbstständig gemacht hat, überhaupt auf die bewegenden Afrikaberichte des polnischen Reporters Wojciech Jagielski aufmerksam gemacht worden, die nun unter dem Titel „Wanderer der Nacht“ vorliegen (EUR 18,80).

Die junge, österreichische Autorin Andrea Grill hat erleben müssen, dass ihr letzter Roman „Tränenlachen“ (Otto Müller Verlag, 19,– Euro) – in dem ein Albaner eine wichtige Rolle spielt –, zuerst von albanischen und nicht von österreichischen Zeitungen besprochen wurde, obwohl die Menschen dort es nicht hatten lesen können, weil keine albanische Übersetzung vorlag. Für Grill ist der Umstand, dass Menschen in Europa von den vielen Bücher um sich herum wissen, sie aber nicht lesen können, eine schöne Metapher für das Paradox einer „Europäischen Literatur“. „Warum brauchen wir überhaupt das Fiktionsgebilde einer europäischen Literatur?“, fragte Grills bayerische Kollegin Ulrike Draesner. Wichtiger sei es, über die Literatur das nachbarschaftliche Verhältnis von Menschen verschiedener Nationalitäten, „die oft wenig voneinander wissen, mit Leben zu füllen“. Auch ihr bosnischer Kollege Beqë Cufai sieht die wichtigste Funktion der Literatur abseits reiner Informationserfüllung und konkreter Beschreibungen darin, „seelische Landschaften zu vermitteln“. Grill, die studierte Biologin ist, verwies darauf, wie viel leichter Wissenschaftler mit- und übereinander kommunizieren können, indem sie sich alle dem Englischen bedienen.

Die Heterogenität europäischen Sprachen und Temperamente begegnete den Besuchern der Leipziger Buchmesse allenthalben, so etwa auch in den Reiseberichten der Autorin Anna Malou: Eine Reise auf dem Jakobsweg – Wenn nicht jetzt, wann dann?“, fragt die mittlerweile erfahrene Pilgerin, die im Kielwasser von Hape Kerkelings Buch voll im Trend liegt. Anna Malou, die bei der „Leseinsel Religion“ auf der Buchmesse zu Gast war, gibt zu, dass sie und andere Pilger nicht nur aus rein religiösen Gründen unterwegs sind, sondern auch „aus Abenteuerlust, aus Neugier auf das Leben und neue Erfahrungen“. Aber etwas von der durch die Anstrengung des Pilgerns gewonnenen „Seelenruhe“ will sie doch „in den Alltag hinüberretten“.

Malous Buch (Triga Verlag, 13,90 Euro) ist eines der zahlreichen Veröffentlichungen aus dem Bereich mit konkreter Lebenshilfe, die christlich orientierte Verlage seit vielen Jahren bedienen. So ist das Interesse der Leserschaft an Literatur zum Thema Trauerbewältigung und Trost bis hin zu konkreten Ratgebern in Sachen Patientenverfügung ungebrochen stark, sagte Verlagssprecherin Christiane Völkel vom Leipziger Sankt-Benno-Verlag. Auch die Ratgeber-Literatur von Klöstern, etwa Weisheitsliteratur von Nonnen und Mönchen erfreue sich „wegen ihres großen Maßes an Glaubwürdigkeit“ anhaltender Beliebtheit, so Völkel.

Diesen Trend bestätigt auch der Geschäftsführer vom Katholischen Medienverbund, Konrad Höß, der an einem Gemeinschaftsstand von über zwei Dutzend katholischen Verlagen wieder einmal viele Kundengespräche zu führen hatte. Der Publikumsverkehr sei an allen vier Messetagen intensiv gewesen, sagte ein erschöpfter Höß am Ende der Messe, allerdings seien diesmal weniger Händler zu ihm und seinen Kollegen gekommen.