Große Politik, große Emotionen

Neue Erkenntnisse, Bilder, Ansichten: Literatur zum 50. Jubiläum des Mauerbaus Von Stefan Meetschen

Die Mauer ist weg, die Mauer ist da – jedenfalls, wenn man die Flut von Buchveröffentlichungen betrachtet, die sich im Jahr 50 nach dem Mauerbau explizit mit dem Thema „Mauer“ auseinandersetzen. Von allen Seiten, aus allen gesellschaftspolitischen Perspektiven. So legt die amerikanische Geschichtsprofessorin Hope M. Harrison mit „Ulbrichts Mauer“ (Propyläen Verlag, 24,99 Euro) ein Werk vor, das auf dem Studium der erst kürzlich freigegebenen Akten aus Moskauer Archiven beruht und, wie der Titel andeutet, besonders die Rolle des damaligen DDR-Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht sowie den Anteil der Sowjetunion am Mauerbau beleuchtet. Harrison belegt dabei, dass Ulbricht, der wenige Wochen vor dem 13. August 1961 noch vor der Weltpresse erklärte hatte, „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“, den Mauerbau nicht nur unterstützt hat, sondern in gewissem Sinne auch ihr Initiator war. Niemand, so Harrison, habe sich die Mauer mehr gewünscht als Walter Ulbricht.

Ein Ergebnis, dass der deutsche Soziologe Manfred Wilke in seinem ebenfalls aktuell erschienenen Buch „Der Weg zur Mauer“ (Ch. Links Verlag, 39,90 Euro) etwas differenziert. Aus Sicht Wilkes, der für sein Buch erstmals die Gesprächsprotokolle zwischen Nikita Chruschtschow und Walter Ulbricht nutzen konnte, brauchte Ulbricht zwar die Mauer, um die DDR zu stabilisieren. Dazu benötigte er aber die Erlaubnis der Sowjets, um die Sektorengrenze in Berlin sperren zu dürfen. Chruschtschow erlaubte ihm dies, beauftragte aber nicht die SED-Führung, sondern den Chef der Sowjettruppen in der DDR, Armeegeneral Jakubowski, mit der Planung, der diesen Auftrag an seinen Untergebenen, General Anatolij Mereschko, weitergab. Wie Wilke in seinem Buch herausstellt, wollte Ulbricht die Abriegelung – der Begriff „Grenzschließung“ taucht erst am 8. August 1961 in den Dokumenten auf – nicht nur, um die Grenze zu sichern, sondern um den Deutschen in Ost und West jede Hoffnung auf eine Wiedervereinigung zu nehmen. Insofern war es aus Sicht Wilkes trotzdem die Mauer der SED-Führung und nicht die der Sowjets. Diese waren weniger auf eine völlige Abriegelung, sondern auf einen Friedensvertrag über Deutschland und Berlin mit den Amerikanern erpicht, den sie aber aufgrund der ablehnenden Haltung des amerikanischen Präsidenten, J.F. Kennedy, nicht bekamen.

Die Mauer, die Geschichte, die Politik, das ist ein Themenfeld der Neuerscheinungen zum Mauerbau, während sich andere Neuerscheinungen sehr detailliert mit der Mauer als evolutionärer Bausubstanz beschäftigen, so etwa einige Forscher der Technischen Universität Berlin in „Die Baugeschichte der Berliner Mauer“ (Imhof Verlag, 69 Euro), die nachweisen, dass die Mauer in sechs unterschiedlichen Stufen ausgebaut wurde und Flüchtlinge bis zu 15 Hindernisse überwinden mussten. Ein Gros der neuen Mauer-Literatur konzentriert sich dagegen auf Fluchterfahrungen, persönliche Erlebnisse jenseits, diesseits, unter- und oberhalb der Mauer. So berichtet der Arzt Burkhart Veigel in „Wege durch die Mauer“ (Edition Berliner Unterwelten, 19,90 Euro) davon, wie er mit seinen Freunden rund 650 Flüchtlingen aus der DDR den Weg in die Freiheit verschaffte, bis sich Stasi-Spitzel als Fluchthelfer einschlichen. Die frühere Lehrerin und heutige Journalistin Heike Otto schaut dagegen in „Beim Leben meiner Enkel“ (Hoffmann und Campe Verlag, 20 Euro) auf die Flucht von drei Männern aus der DDR zurück und wie diese Flucht zum Drama für die zurückgebliebenen Ehefrauen wurde. Sie kommen in U-Haft, eine hält dem Druck der Verhöre nicht stand. Sie darf nach Hause, die anderen landen im berüchtigten Frauengefängnis Hoheneck.

Die Sehnsucht nach großen Emotionen bedient, wie man sich leicht vorstellen kann, auch der „Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann mit dem von ihm herausgegebenen Buch „Die Mauer – Fakten. Bilder. Schicksale“, das im Piper-Verlag München erschienen ist und 14,99 Euro kostet. Jedenfalls in der normalen Ausgabe. Die 15 Kilogramm schwere Sammler-Edition des Werkes mit vielen Bildern, Zeitzeugenberichten und einem Originalstück der Berliner Mauer im Format 19 x 29 x 3 Zentimeter kostet staatliche 1 989 Euro und ist auf 555 Verkaufsexemplare reduziert.

Wer so viel Geld nicht ausgeben möchte oder kann, trotzdem aber nicht auf etwas Kurioses zum Mauerbau verzichten will, der kann zu dem Buch „Ohne die Mauer hätte es Krieg gegeben“ (Edition Ost, 12,95 Euro) von Heinz Kessler und Fritz Streletz greifen. Darin verteidigen die früheren ranghöchsten DDR-Militärs den Mauerbau als notwendig und richtig, weil sich ansonsten aus ihrer Sicht die Konflikte zwischen den damaligen Militärbündnissen weiter zugespitzt hätten. Schön wär's, wenn niemand die Absicht hätte, dies zu glauben. Doch die Mauer existiert bekanntlich nicht nur in vielen Büchern weiter, auch in einigen politischen Köpfen besitzt sie mittlerweile Kult-Charakter.