Gott hat das letzte Wort

Bis ins 11. Jahrhundert überließ man Gott das Urteil über die Bestrafung der Ketzer – Der Umschwung kam mit der Scholastik. Von Professor Arnold Angenendt

Am Tag des Jüngsten Gerichts scheidet Gott die Guten von den Bösen. Im Bild das Jüngste Gericht von Hans Memling im Nationalmuseum in Danzig. Foto: IN
Am Tag des Jüngsten Gerichts scheidet Gott die Guten von den Bösen. Im Bild das Jüngste Gericht von Hans Memling im Nati... Foto: IN

Zu den Besonderheiten der Verkündigung Jesu zählt der eschatologische Vorbehalt. Er besagt: Gott selbst beansprucht das letztgültige Urteil; Menschen urteilen nur vorgängig. Am deutlichsten bezeugt diesen Vorbehalt das Weizen-Unkraut-Gleichnis mit der Aufforderung, das Unkraut nicht auszureißen, sondern es mit dem Weizen wachsen zu lassen, bis Gott selbst am Ende der Tage die Scheidung vornimmt. Die Konsequenz daraus lautet: Sünder und Ketzer sind für alle Erdenzeit zu ertragen, dürfen schon gar nicht hingerichtet werden. Religionsgeschichtlich aber gilt eine andere Regel: Jeder Frevler, der den Zorn Gottes oder der Götter erregt, wird von den Übermächten vernichtet. Zusätzlich obliegt es der jeweiligen Religionsgemeinde, die Gottesfrevler zu beseitigen, weil deren Duldung den Gotteszorn auch auf die Gemeinde herabruft. Genau diese zwischenmenschliche Religionsgewalt verbietet Jesu eschatologischer Vorbehalt; denn die letztgültige Verwerfung steht allein Gott zu, nicht den Menschen. Möglich wird dadurch die Unterscheidung von verabscheuungswürdiger Sünde und zu ertragendem Sünder. Demgegenüber kennt das Alte Testament den eschatologischen Vorbehalt nicht. Mehrmals gebietet es, Gottesfrevler niederzumachen. Noch der bedeutende mittelalterliche Philosoph Moses Maimonides (†1204) sprach sich für deren Tötung aus.

Die Auslegungsgeschichte des Weizen-Unkraut-Gleichnisses bringt Erstaunliches zum Vorschein. Hören wir zunächst Paulus, der die erste Lehrverfluchung ausgesprochen hat: „Wer euch aber ein anderes Evangelium verkündigt, […] der sei verflucht“ (Gal 1,8). Dem folgt aber keine Hinrichtung. Ausdrücklich wiederholt Paulus den eschatologischen Vorbehalt: „Richtet also nicht vor der Zeit; wartet bis der Herr kommt“ (1 Kor 4,5). Die Waffen des Christen „sind nicht irdisch […], mit ihnen reißen wir alle hohen Gedankengebäude nieder, die sich gegen die Erkenntnis Gottes auftürmen“ (2 Kor 10,4f.). Der in Konstantinopel tätige Johannes Chrysostomus (†407) deutet geradezu prophetisch: Wenn man in Religionsangelegenheiten mit Verfolgung und Tötung beginne, nehme das Abschlachten kein Ende. Tatsächlich weist die Ostkirche keine kirchlich verordnete Ketzertötung auf. Im Westen hingegen verlief die Entwicklung anders. Augustinus (†430) setzte hier die Maßstäbe, mahnte gleichfalls zur Geduld für das Unkraut, empfahl aber dennoch Zwangsmaßnahmen gegen Abweichler, dachte aber niemals an Hinrichtung.

Die nachfolgende Auslegung des Weizen-Unkraut-Gleichnisses bietet ganz überraschende Aspekte: Es könnten die vorzeitig auf Erden als Unkraut Ausgerissenen im Himmel von Gott höher platziert werden als die irdischen Ausreißer. Tatsächlich hat das Nicht-Ausreißen im Westen die Wirkung erbracht, dass die erste Ketzerhinrichtung im Jahre 1024 zu Orléans erfolgte, was aber damals sowohl Bischöfe wie Kleriker zutiefst entsetzte.

Der große Umschwung kam ausgerechnet mit der Scholastik. In voller Kenntnis des Weizen-Unkraut-Gleichnisses erklärt Thomas von Aquin (†1274): Die Häretiker verdienten „nicht nur von der Kirche durch den Bann [Exkommunikation] ausgeschlossen zu werden, sondern auch durch den Tod von der Welt ausgeschlossen zu werden“. Thomas bricht hier mit der über tausendjährigen Geschichte der toleranten Ketzer-Ertragung. Die mittels Inquisition Hingerichteten dürften an die Zehntausend gehen. Bei der Ketzertötung blieben auch die Reformatoren, die doch die Freiheit des Christenmenschen verkündigten. Luther teilte das Weizen-Unkraut-Gleichnis auf: Das Nicht-Ausreißen sei nur zum geistlichen Amt gesprochen; das weltliche Amt hingegen müsse ausreißen. Der calvinistische Heidelberger Katechismus erklärt: „Darum hat er [Gott] auch befohlen, sei [die Lästerer] mit dem Tode zu bestrafen“.

Hexenprozesse wurden von weltlichen Gerichten geführt

Ein Wort auch zur Hexenverfolgung. Es ist nicht aus unseren Köpfen wegzukriegen, dass dahinter vor allem die katholische Kirche stehe. Dazu nur ein Satz aus der jüngsten Forschungsliteratur: „Es gehört zu den schwer zu überwindenden historischen Irrtümern, dass ,die Kirche‘ Schuld an den Hexenverfolgungen sei“, nämlich „meist nur die römisch-katholische“. Die Prozesse sind allesamt vor weltlichen Gerichten geführt worden. Die Zahl der Opfer ist erschreckend, nämlich 60 000, davon die Hälfte auf deutschem Boden. Gegen Hexenprozesse waren die Päpste, ebenso die Spanische Inquisition. Der bekannte Hexenprozess-Gegner, der Jesuit Friedrich Spee, verwies auf das Weizen-Unkraut-Gleichnis: Es müsse auch hier dafür gesorgt werden, dass mit dem Unkraut nicht ebenso der Weizen ausgerissen werde.

Während die Großkonfessionen beim Ausreißen des Unkrauts verblieben, erinnerten die Aufklärer, denen wir unsere heutige Definition von Religionsfreiheit verdanken, durchgehend an den eschatologischen Vorbehalt. Gemäß Thomas Hobbes (†1679) sollte man sich wie „unser Heiland“ daran halten, „Weizen und Unkraut zusammen wachsen zu lassen“. John Locke (†1704) empfiehlt, „Weizen und Unkraut miteinander wachsen zu lassen“, fordert ausdrücklich auch den eschatologischen Vorbehalt ein: Dem höchsten Richter aller Menschen stehe allein „die Züchtigung und Bestrafung der Irrenden“ zu. Sogar der oft maßlose Spötter Voltaire (†1778) verkündet einen „milden Jesus“: „Die Handlungen Christi predigen Sanftmut, Geduld und Nachsicht.“ Damit verbindet Voltaire den eschatologischen Vorbehalt: „Muss ein einzelner Mensch die Rechte Gottes an sich reißen und noch eher als sie [die Gottheit] das ewige Schicksal aller Menschen entscheiden?“

Aber damit ist die Geschichte des Weizen-Unkraut-Gleichnisses immer noch nicht zu Ende. Als Belgien 1830 von den protestantischen Niederlanden abfiel, schufen die Katholiken mit den Liberalen eine Verfassung mit allen modernen Freiheiten, nämlich Freiheit für Religion, Gewissen, Assoziation und Unterricht. Seither geisterte durch Europa: Freiheit wie in Belgien. Der Ideengeber war ein französischer Priester, Felicité de Lamennais (†1854), der allerdings sofort kirchlich verurteilt wurde. Auf Deutsch erschien von ihm ein Reclamheft mit allen Freiheitsforderungen, gerade auch den religiösen. Als das Frankfurter Revolutionsparlament 1848 die Religionsfreiheit diskutierte, ermutigte Wilhelm von Ketteler (†1877) die katholischen Abgeordneten dazu, der aufklärerischen Religionsfreiheit zuzustimmen, nämlich das Recht, sich dieser oder jener Religionsgemeinschaft anzuschließen, in ihr zu verbleiben oder sie zu verlassen. Das richtete sich gleichfalls gegen die herrschende Papstdoktrin. Ketteler aber sah sich gerechtfertigt durch das Weizen-Unkraut-Gleichnis: „Damit ihr nicht etwa mit dem Unkraut auch den Waizen ausreutet“. Die Erklärung über die Religionsfreiheit auf dem Zweiten Vatikanum zitiert gleichfalls unser Gleichnis.

Hass auf die Sünde, Liebe für den Sünder

Der eschatologische Vorbehalt hat für die derzeitige Religions-Debatte zwei herausragende Auswirkungen, einmal in der jetzt erhitzten Islam-Debatte und zum anderen in der Assmann-Debatte. Die Tötung der vom Islam Abfallenden wurde seit dem Tode Mohammeds üblich. Zwar rät der Koran zur Geduld (Sure 16,126), was man als eschatologischen Vorbehalt bezeichnen könnte. Tatsächlich ist die Tötung der Apostaten nur inkonsequent praktiziert worden. Eine 2015 vorgelegte umfassende Untersuchung zeigt für heute auf, dass die Tötung der Abgefallenen nur von wenigen islamischen Theologen wirklich hinterfragt wird. Jan Assmanns Behauptung, die biblischen Texte mit ihrer Einführung von ,wahr‘ und ,falsch‘, hätten insgesamt den Religionshass erzeugt, nämlich „den Hass auf Heiden, Ketzer, Götzendiener“. Übersehen wir dabei, dass das Neue Testament mit seinem eschatologischen Vorbehalt eine genau andere Beurteilung eingeleitet hat, nämlich Sache und Person zu unterscheiden: Hass zwar auf die Sünde, aber Liebe für den Sünder.

Der Autor ist emeritierter Professor für Mittlere und Neuere Kirchengeschichte an der Universität Münster.