Goldener Stern auf blauem Mantel

Das Marienlob in den Gemälden von Sandro Botticelli im Frankfurter Städel

„Die größte und aufwendigste Kunstschau in Deutschland!“ – „Einmalige Zusammenstellung, die so nicht wieder zu sehen sein wird“ – das waren nur einige Meinungen im Kanon der Superlative aus den vergangenen Wochen. 500 Jahre nach Botticellis Todestag am 17. Mai 1510 präsentiert das Städel Museum in Frankfurt bis 28. Februar die erste monografische Ausstellung zu Sandro Botticelli (1444/45–1510) im deutschsprachigen Raum. (DT. vom 14.11.2009) Hier soll es einmal nicht um seine mythologischen Darstellungen, sondern um das dritte Kapitel der Exposition mit dem reichen Bestand seiner religiösen Malerei.

Die Frankfurter Ausstellung zeigt Marienbilder, die von den frühesten Arbeiten unter dem Einfluss seines Lehrers Fra Filippo Lippi bis zum Spätstil reichen. Ausgehend von der ausgeprägten Marienfrömmigkeit im 15. Jahrhundert zog die Nachfrage nach Madonnenbildern nicht nur für Kirchen, sondern auch zur privaten Andacht, stark an. Das Göttliche sollte den Anbetenden ebenfalls in ihrem privaten Wohnumfeld emotional und menschlich nahegebracht werden. Oft im Schlafgemach in erhöhter Position angebracht, galt es die Betrachter in den Bann der „Grazia“, der himmlischen Anmut zu ziehen. Dabei entwickelte Botticelli einen ausgeprägten Geschäftssinn. Vom Rundformat hat die jüngste Forschung weltweit über 30 Marientondi dem Meister und seiner Werkstatt zugeordnet – teils präzise Wiederholungen und Kombinationen beliebter Motive. Der Kreis als ideale geometrische Form stützte dabei die vollkommene Grazie Mariens und rundete die Gesamtkomposition im wörtlichen Sinne ab.

Alle Marienbilder sind ikonographisch der Passion zuzuordnen. Drei in Frankfurt zu sehende Tafeln zeigen die Anbetung des Kindes durch Maria. Im Bildzentrum steht die Gottesmutter, die um den Opfertod ihres Sohnes zur Rettung der sündigen Menschheit weiß. Wie in der „Madonna Guidi“ (Paris, Louvre) wird in der Geburt der Erlösungstod im Leiden der Mutter mit dem Sohn bereits mitgedacht. Deshalb dominiert im Antlitz Mariens oft eine stille, sinnende Traurigkeit. Die ergreifende Melancholie der gemalten Madonnen spricht die Emotionen der Betrachter unmittelbar an.

Als Braut aus dem Hohen Lied Salomons ist Maria aber auch die ideale Frau unter den Heiligen: tugendhaft und schön zugleich. Nicht umsonst vergleichen einige Kunsthistoriker die Schönheit Marias mit dem Ideal des Frauenbildes aus der „Geburt der Venus“. Nach neuplatonischer Überzeugung ist die Schönheit eine Mittlerin zum Göttlichen. So fanden einige Motive der petrarkistischen Dichtkunst auch Eingang in das Marienlob. Bei einem der schönsten Madonnen Botticellis, der „Madonna Wemyss“ aus der National Gallery of Scotland in Edinburgh, folgt die Physiognomie der Madonna demselben weiblichen Idealtypus, den der Maler für Idealbildnisse und antike Göttinnen entwickelt hat. Die brillante Farbigkeit dieses Gemäldes ist erst vor einigen Jahren nach umfangreicher Restaurierung wieder freigelegt worden. Ort der Kindesanbetung ist hier der „hortus conclusus“, ein „verschlossener Garten“ der sich auf die Jungfräulichkeit Mariens bezieht. Rosen ohne Dornen stehen für die ohne Erbsünde empfangene Gottesmutter. Die Veilchen im Vordergrund sind ein Symbol ihrer Demut und die Früchte der Erdbeeren Sinnbild der Inkarnation. Der goldene Stern auf ihrem blauen Mantel spielt auf „stella maris“, den Beinamen der Jungfrau an. Ein Fels im Hintergrund wird als Felsgrab Christi interpretiert. Die liturgischen Hymnen preisen die Tugendhaftigkeit Mariens. Botticellis Madonnenbildnisse sind gemalte Hymnen voller symbolischer Verweise auf die Demut der Gottesmutter.

Bei der Werkstattarbeit „Anbetung des Kindes mit dem Johannesknaben“ (Altenburg, Lindenau Museum) wird Maria im Beisein von Josef und Johannes mit gefalteten Händen gezeigt. Die rührende Szene mit dem schlafenden Säugling spielt bereits auf den Todesschlaf an. Das belegen zum Beispiel die gekreuzigten Arme und Beine des Knaben, die an Darstellungen des Schmerzensmannes denken lassen. Auch die hellviolette Windel ist wie das Lendentuch des Gekreuzigten drapiert. Geistige Grundlage dieser Bildformen sind Visionsberichte der heiligen Brigitta von Schweden (1303–1373).

Auch im „Blaffer-Tondo“ aus dem Museum of Fine Arts Houston werden die geschlossenen Augen Christi als Hinweis auf den Todesschlaf des Erlösers interpretiert. Zum Opfergedanken passen hier die Hirten im Hintergrund, die sich dem Kind mit einem Lamm nähern. Die teils in greller Farbigkeit (Mariengewand) und mit teilweise porzellanhafter Glätte im Inkarnat umgesetzte Holztafel ist ein theologisches Programmbild Botticellis aus der Zeit um 1500.

Nicht unterschlagen werden sollen die religiös-erzählenden Bilder, wie die Verkündigung – eine abgenommene Wandmalerei aus der Vorhalle des Hospitals von San Martino alla Scala in Florenz (heute Uffizien). Das Fresko ist mit 2,43 mal 5,50 Metern auch das größte Werk der Ausstellung. Und natürlich die vier Tafeln mit Szenen aus dem Leben des heiligen Zenobius. Diese wichtigsten Schöpfungen über das Leben des frühen Bischofs und Stadtpatrons von Florenz sind einzeln nur in London, Dresden und New York zu bewundern. Sie zählen den letzten Arbeiten und dürfen als eine Art künstlerisches Vermächtnis Botticellis gelten.