Glücksfaktor Glaube?

Manfred Lütz über Christentum und Lebensglück, das Desaster der Kirche in Deutschland und den pastoralen Super-Gau. Von Markus Reder

Psychiater und Autor Manfred Lütz
Psychiater und Autor Manfred Lütz. Soeben erschien von ihm „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden. Eine Psychologie des Gelingens“. Foto: Amanda Berensas
Psychiater und Autor Manfred Lütz
Psychiater und Autor Manfred Lütz. Soeben erschien von ihm „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden. Eine Psychologie des... Foto: Amanda Berensas
Ihr neues Buch verspricht dem Leser „unvermeidlich glücklich zu werden“. Das klingt auflagefördernd, ist aber eine ziemlich steile These...

Natürlich ist der Titel ein bisschen ironisch gemeint und richtet sich gegen die ganzen Glücksratgeber, die eine Schneise der Verwüstung durch Deutschland schlagen, wie der Soziologe Ulrich Beck einmal gesagt hat. In diesen Ratgebern erzählt der Autor, wie er selbst glücklich wurde und lässt den Leser dann traurig zurück, weil der nun mal leider nicht der Autor ist. Dann kann der gleich den nächsten Glücksratgeber kaufen. Aber der Titel hat auch einen ernsten Kern. Der Philosoph Karl Jaspers hat gesagt, die Grenzsituationen menschlicher Existenz seien unvermeidlich: Leiden, Schuld, Kampf und Tod. Wenn man also zeigen könnte, wie man in diesen unvermeidlichen Situationen glücklich werden kann, dann kann man unvermeidlich glücklich werden.

Und wie geht das?

Darauf gibt es eine Reihe von Antworten. Neben jüdischen und anderen, sind es vor allem christliche Antworten, die zeigen, wie man selbst im Leiden glücklich sein kann, selbst in der Schuld – die Osterliturgie spricht ja sogar von „felix culpa“ – oder im Angesicht des Todes.

Worauf kommt es an, will man die von Ihnen genannten Grenzsituationen „glücklich“ meistern?

Entscheidend ist, zu wissen, dass man auch in diesen Situationen nicht ins Nichts fällt. Das Wohlfühl-Glück der Glücks-Ratgeber trägt da eben nicht. Robert Spaemann hat einmal gesagt, es sei doch sehr die Frage, ob man sich besonders dann wohlfühlt, wenn es einem um nichts anderes geht als ums Wohlfühlen. Oberflächliche Glücksgefühle zerbrechen im Leid oder beim Tod eines geliebten Angehörigen. Wenn das aber unausweichlich droht, kann man auch heute schon nicht richtig glücklich sein.

Dann geht es Ihnen bei der Glückssuche nicht um Gefühle, sondern um die Sinnfrage und Religiosität?

Ich glaube tatsächlich, man kann nur glücklich sein, wenn man einen Sinn im Leben sieht. Wenn man alles für sinnlos hält, sind Glücksgefühle nur momentane Emotionen und das trägt nicht. Glücksgefühle kann man am sichersten durch Heroin herstellen, mit ziemlich gefährlichen Nebenwirkungen. Oder durch eine Elektrode im Gehirn, im Glückszentrum. Ich habe aber noch niemanden erlebt, der das wollte. Produzierbare Glücksgefühle, an denen sich die ganze Glücksliteratur abarbeitet, sind ein Irrweg.

Macht dann Glaube glücklich?

C.S. Lewis hat einmal gesagt: Ich bin nicht Christ geworden, um glücklich zu sein. Ich habe immer schon gewusst, dass eine Flasche Port das viel besser bewerkstelligt. Wenn man Christ nur deswegen wird, um glücklich zu sein, hat man irgendetwas nicht verstanden. Deswegen sind auch triumphierende Zeitungsberichte irreführend, Studien hätten ergeben, dass jemand, der betet, länger lebt. Wer sich ernsthaft zum Christentum bekennt, dem kann es in vielen Ländern passieren, dass er gar nicht sehr lange lebt.

Was stimmt denn nun: Ist Glaube ein Glücksfaktor oder nur Trost in schweren Zeiten?

Ein Mensch, der glaubt, hat ein Fundament im Leben, das ihm hilft, auch Krisen zu bestehen. Das ist die Basis von echtem Glück. Christen sind zudem überzeugt, dass der Glaube zur ewigen Glückseligkeit führt, das ist ja der theologische Begriff für Glück. Schon in diesem Leben kann man eine Ahnung von der ewigen Glückseligkeit bekommen, wenn man beispielsweise einen guten Menschen erlebt, aber auch, wenn man eine tiefe Gottesbeziehung hat oder einem anderen Menschen uneigennützig hilft.

Kommt es denn auf die Religion an? Der Dalai Lama zum Beispiel wirkt glücklicher als viele Christen.

Der Dalai Lama redet dauernd über das Glück, aber was er sagt, ist nach meinem Geschmack oft unglaublich banal, kommt aber mit großem Trara daher. Der Buddhismus flieht vor dem Leid. Christentum und Judentum begegnen dem Leid und versuchen, auch im Leid eine Antwort zu finden. Davon handelt das Buch. Es ist aber zugleich eine kleine Geschichte der Philosophie des Glücks und erzählt, was die gescheitesten Menschen der Welt über das Glück gedacht haben. Das sind sehr unterschiedliche Ideen und jeder kann dann selbst entscheiden, was er am überzeugendsten findet.

Woher rührt der intensive Glückshunger unserer Gesellschaft, ohne den es die florierende „Glücksindustrie“ überhaupt nicht gäbe?

Das ist so ähnlich wie bei den Autos. Da ist, wie ich gehört habe, immer schon ein Verfallsdatum eingebaut, damit wieder neue Autos verkauft werden können. Wenn ein Glücksratgeber wirklich funktionieren würde, gäbe es ja keine Glücksratgeber mehr. Deswegen geben Glücksratgeber Ziele vor, die der Leser gar nicht erreichen kann.

Warum nicht?

Weil es sieben Milliarden unterschiedliche Wege zum Glück gibt. Das Unglück beginnt schon, wenn man sich mit anderen vergleicht. Deswegen ist die allgemeine Casting-Mentalität eine Anleitung zum Unglücklichsein. Damit ein Leben gelingt, muss man keinen Erfolg haben, sondern die höchstpersönlichen Fähigkeiten, die man hat, einsetzen und zufrieden sein mit dem, was auch immer dabei herauskommt. Dann kann man glücklich werden.

Wenn der christliche Glaube Sinn stiftet und damit maßgeblich zum Lebensglück beiträgt, warum ist die Kirche dann nicht attraktiver für die Menschen?

Gegenüber all den Sexual-, Pastoral- und Strukturthemen, die innerkirchlich mit Ausdauer diskutiert werden, scheint mir das Hauptproblem tatsächlich völlig aus dem Blick zu geraten: Die Menschen glauben nicht mehr an Gott, geschweige denn an Jesus Christus! Doch darüber wird de facto nicht geredet. Und die Theologie fällt als Argumentenlieferant leider weitgehend aus. Als ich in der Münchner theologischen Fakultät einen Vortrag über mein Gott-Buch hielt, waren die Studenten sehr angetan, doch einige Professoren fanden das, wie mir zu Ohren kam, „zu missionarisch“. In der Zeitschrift „Lebendige Seelsorge“ wurde mein Gott-Buch positiv rezensiert, allerdings wurde kritisch angemerkt, dass der Autor sich am Ende zum christlichen Glauben bekenne. So etwas ist die Überführung der Theologie in Religionswissenschaft. Eine Gemeinschaft, die es nicht mehr interessant findet, dass andere Menschen sich auch für sie begeistern, implodiert irgendwann. Wenn es also der Kirche in Deutschland nicht gelingt, ziemlich schnell wieder missionarische Kirche zu werden, wird sie hierzulande untergehen wie die Kirche in Afrika im 7. Jahrhundert.

Papst Franziskus hat in seiner Ansprache zum Abschluss des Ad-limina Besuches der deutschen Bischöfe angesichts der „Erosion des Glaubens“ einen solchen missionarischen Aufbruch gefordert und die „fortschreitende Institutionalisierung“ beklagt. Liegt da das Problem?

Papst Franziskus liegt damit ganz auf der Linie von Papst Benedikt. Tatsächlich verfügt die Kirche in Deutschland noch immer über einen stattlichen Apparat, viele Angestellte und Milliardenhaushalte. Aber wenn man in die Gemeinden schaut, so schrumpft die Zahl der Gläubigen dramatisch. Wenn man sich fragt, wie viele unter den sonntäglichen Gottesdienstbesuchern noch in der Lage wären, einem Atheisten begeistert den katholischen Glauben zu verkünden, so ist das Ergebnis höchst ernüchternd. Mission war lange Zeit in Deutschland ein Schimpfwort, Evangelisierung war höchstens ein Nebenthema. Ich selber habe die Erfahrung gemacht, dass das innerkirchliche Milieu Evangelisierungschancen vor lauter Binnengeschäftigkeit noch nicht einmal wahrnimmt. Dabei sind die Menschen außerhalb der Kirche an solchen Themen durchaus interessiert.

Sie können nicht klagen. Ihre Bücher sind Bestseller geworden.

Dennoch wurde mein Gott-Buch zum Beispiel innerkirchlich kaum zur Kenntnis genommen. Weder in frommen Schriften noch in progressiven Publikationen kam es vor. Von meinem Bluff-Buch sagte Literaturkritiker Denis Scheck in der ARD: „...am Ende empfiehlt der Autor die katholische Kirche. Was soll ich als Agnostiker dazu sagen: Ja und Amen?“ In kirchlichen Publikationen wurde das Buch dagegen nicht erwähnt.

Tatsächlich hatte die katholische Kirche auch einige andere wichtige Themen zu bearbeiten, denen sie nicht ausweichen konnte und durfte. Ich nenne nur den Missbrauchsskandal...

Das stimmt und die katholische Kirche hat hier zu Recht begangene Fehler eingestanden und mit großem Engagement Konsequenzen daraus gezogen. Keine andere Institution in Deutschland, die mit Jugendlichen zu tun hat, hat so viel dafür getan, dass die alten Fehler nicht mehr gemacht werden. Vom Deutschen Olympischen Sportbund sind nicht annähernd so viele Bemühungen um dieses wichtige Thema bekannt, obwohl nach fachlicher Einschätzung dort das Gefährdungspotenzial mindestens genauso hoch ist wie bei der Kirche. Allerdings macht es mir Sorgen, dass inzwischen in unserer Kirche mancherorts das Pendel in die andere Richtung auszuschlagen scheint. Durch unprofessionelles Vorgehen ist eine zweite Opfergruppe entstanden: unschuldig beschuldigte Priester und kirchliche Angestellte. In der gutherzigen Annahme, man müsse jedem mutmaßlichen Opfer alles glauben und dürfe nichts in Frage stellen, hat man wissenschaftliche Bedenken in den Wind geschlagen.

Welche Bedenken meinen Sie?

Die Aussagepsychologie, eine seriöse wissenschaftliche Disziplin, die mit großer Sicherheit die Glaubhaftigkeit von Aussagen nachweisen kann, wird zur Klärung von Beschuldigungen in der Kirche nur höchst selten zugezogen, ja ist manchen Entscheidungsträgern noch nicht einmal bekannt. Weder im Fall des verstorbenen Hildesheimer Bischofs noch im Fall des aufgelösten Kindergartens in Mainz wurde bekannt, dass die Kirche zur Klärung der Vorwürfe aussagepsychologische Expertise zu Rat gezogen hätte, um gegebenenfalls Scheinerinnerungen oder manifeste Lügen sicher auszuschließen. Es gibt inzwischen zahlreiche ähnliche Fälle. Des sexuellen Missbrauchs unschuldig beschuldigte Menschen sind oft schwer traumatisiert, es kommt sogar zu Suiziden. Für Priester ist es ein veritabler Albtraum, unschuldig des sexuellen Missbrauchs beschuldigt zu werden. Diese zweite Opfergruppe hat keine Lobby. Der „Spiegel“ will über diese Opfergruppe natürlich nicht berichten, die Kirchenpresse kann das nicht und so bleibt dieses Leid im Verborgenen. Doch diese Fälle haben für die Kirche katastrophale Folgen. Es gibt Diözesen, da raten treue Katholiken jungen Männern ab, dort Diözesanpriester zu werden, da sie als unschuldig Beschuldigte keine Chance auf Unterstützung haben, und auch die aktiven Priester werden durch solche Fälle in die Resignation getrieben. Das ist der pastorale Super-GAU, aber da es keinen medialen Lärm gibt, scheint das niemandem aufzufallen.

Was schlagen Sie vor?

Bei so gravierenden Anschuldigungen, die die Existenz eines Menschen vernichten können, muss mit großer Sorgfalt vorgegangen und in allen Zweifelsfällen die Aussagepsychologie zugezogen werden. Es ist keine Zumutung, einem Beschuldiger in einer Rechtsordnung zuzumuten, seine Beschuldigung auch fundiert zu beweisen. Außerdem erscheint es mir wichtig, dass in jeder Diözese ein beschuldigter Priester einen Beistand durch die Diözese erhält, ob er schuldig ist oder nicht. Denn in jeder Rechtsordnung bekommt auch der Angeklagte eine angemessene Unterstützung. Beschuldigte Priester berichten nicht selten, wie sie plötzlich vor dem Nichts standen. Alle zogen sich zurück. Das kann Menschen schwer traumatisieren.

Für jemand, der gerade mit einem Glücks-Buch in den Bestsellerlisten steht und vom Glück des Glaubens spricht, wirkt Ihr Blick auf die Situation der Kirche in Deutschland ganz schön düster. Was passt da nicht?

Es geht mir nicht um Schwarzmalerei, aber man muss die Entwicklung doch realistisch sehen und klar benennen. Nur so kann man die Gefahren bannen. Aber man muss natürlich vor allem auf die großartigen Aufbrüche in der Kirche schauen und die gibt es. Man denke nur an die vitalen neuen geistlichen Bewegungen, aber auch an die Aufbrüche in vielen Gemeinden. Ein anderes Beispiel ist eine geistliche Initiative wie Nightfever, die auch viele Menschen außerhalb der Kirche anspricht und schon manchen zum Glauben gebracht hat. Die Menschen wollen beten – und wir schwätzen manchmal zu viel. Der Youcat hat den katholischen Glauben für junge Menschen in ansprechender Weise erklärt und er ist auch für Erwachsene sehr gut geeignet, denen der Weltkatechismus zu dick ist. Aus dem Youcat hat sich von Deutschland aus eine weltweite Bewegung entwickelt. Das soziale Engagement der Kirche nicht bloß in der Flüchtlingsfrage wird allgemein anerkannt und ist ebenfalls eine Möglichkeit, Menschen den christlichen Glauben auch ganz praktisch näherzubringen. Das muss man dann aber auch tun. Auch das positive Image von Papst Franziskus könnte dazu genutzt werden, Menschen, die dadurch wieder aufgeschlossen der Kirche gegenüber sind, den katholischen Glauben zu verkünden. Doch man freut sich zwar über das gute Image des Heiligen Vaters, fühlt sich aber nicht bemüßigt, den Glauben wieder lebendiger zu bekennen. In Syrien und im Irak sterben unsere christlichen Brüder und Schwestern für ihr christliches Bekenntnis am Kreuz, hier bei uns ist christliches Bekenntnis allzu oft höchstens höchstpersönliche Privatsache, mit der man niemanden belästigen möchte. Wenn das Christentum in Deutschland überleben soll, muss sich das ändern.