Glaubst du wirklich an das alles?

Wenn Gott mit dem Tod in das Leben platzt - Allerheiligen am Grab meiner Schwester.

Friedhofsengel
Der Tod eines nahestehenden Menschen ist ein radikaler Einschnitt und lässt auch im Glauben Fragen aufkommen. Foto: dpa

Wie jedes Jahr an Allerheiligen fahre ich nachhause ans Familiengrab. Es wird schön geschmückt sein mit all den Blumen und Gestecken, eine große Wachsfackel wird ihren angenehmen Duft verbreiten, während wir im flackernden Schein der Kerzen auf die Gräbersegnung warten. Ich mag Allerheiligen, ich mag diese Stimmung, wenn die Verwandtschaft zusammenkommt und man sich im Herbstlaub bei knackig-kühlen Temperaturen um das Grab versammelt und den eigenen Gedanken nachhängt. Selten wird einem so sehr bewusst, dass man auch selbst irgendwann dort liegen wird.

Ich kann mich noch genau an das Allerheiligen von vor zehn Jahren erinnern. Die Erde auf dem Grab war noch frisch und leicht angehoben, vertrocknete Kränze mit Gedenkbändern lagen noch darauf. Damals, an Allerheiligen 2009, war es nicht mal einen Monat her, dass wir hier meine kleine Schwester Pia beerdigen mussten. Es geschah am 8. Oktober 2009, kurz nach meinem 16. Geburtstag, als Pia in den Armen meiner Eltern ein letztes Mal ihre Augen aufmachte, bevor sie diese mit einem unbeschreiblichen Lächeln im Gesicht für immer schloss. Meine Schwester war aufgrund eines schweren Herzfehlers von Anfang an dem Tod geweiht. Sie lebte gerade einmal elf Wochen bei uns, ein kleines Baby, das vorzeitig die Heimreise antreten musste. Für mich als pubertierendes Kerlchen, der ihre Krankheit nicht wahrhaben wollte, war ihr Tod ein unglaublicher Tiefschlag, der mich eine lange Zeit benommen zurückließ.

„Ich mochte Gott, Er hatte sich immer recht
höflich zurückgehalten und kaum eingemischt.
Doch auf einmal platzte Er mitten in mein Leben“

Ich bin als Kind zum Glauben erzogen worden. Dieser Glaube an Gott und auch der Tod war etwas Selbstverständliches für mich. Ich bin häufig bei Beerdigungen gewesen, habe verstorbene Verwandte am offenen Sarg verabschiedet. Der Leichenhaus-Geruch war mir vertraut. Doch an jenem Oktobertag, als ich vor dem kleinen Kindersarg stand und ein letztes Mal das kalte Händchen meiner so friedlich daliegenden Schwester streichelte, half all die Routine nichts. Jemand hatte mich aus meiner heilen Welt gerissen, in der der „liebe Gott“ für gutes Wetter sorgt, mir manchmal bei der Mathearbeit hilft und hauptsächlich alte Menschen zu sich holt. Ich mochte Gott, Er hatte sich immer recht höflich zurückgehalten und kaum eingemischt. Doch auf einmal platzte Er mitten in mein Leben.

Wenn ich an Allerheiligen an Pias Grab stehe, habe ich immer wieder diese Szene vor Augen: Ich stehe neben dem Pfarrer vor dem offenen Grab, muss dabei zusehen, wie diese kleine weiße Holzkiste in der Erde verschwindet und bemerke, wie der regengraue Himmel plötzlich aufreißt und ein Sonnenstrahl direkt auf uns herabfällt – nichts Außergewöhnliches! Doch in diesem Moment war ich von der tatsächlichen Existenz Gottes geradezu erschüttert. Ich „spürte“ Ihn so deutlich wie nie. Es war ein Zeichen. Die tatsächliche Begegnung mit dem Allmächtigen fand in diesem Moment irgendwo tief in mir statt.

„Ich kann jeden verstehen,
dem der Tod eines Kindes Anlass gibt,
an Gott zu zweifeln“

Ich kann jeden verstehen, dem der Tod eines Kindes Anlass gibt, an Gott zu zweifeln. Für mich war der Tod meiner Schwester ein radikaler Einschnitt, ich fragte mich: Glaubst du wirklich an das alles? Glaubst du an ein Leben nach dem Tod? Glaubst du, dass Gott dich unendlich liebt? Ich habe die feste Überzeugung, dass meine Schwester bei Gott ist. Doch auch die Trauer bleibt ein Teil meines Weges. Ihr Platz bleibt in gewisser Weise immer leer, ein kleine, offene Wunde, mit der man zwar leben kann, die dennoch hin und wieder brennt. Ich merke es besonders dann, wenn sich die Jahrestage von Pias Todestag nähern oder die Leute fragen, wie viele Geschwister ich habe und ich mich beim Gedanken ertappe, ob ich Pia mitzählen soll oder nicht. Und dann sind da die jährlichen Treffen an Allerheiligen, an denen man die Verwandten wieder trifft, lacht und scherzt und stumm ins Kerzenlicht starrt, um über die eigene Endlichkeit nachzudenken.

Nach Pias Tod habe ich oft mit Gott gestritten, gehadert, mich auch mal Tage lang nicht bei Ihm gemeldet. Doch Seine Existenz habe ich nie ernsthaft angezweifelt. Sie erscheint mir dafür viel zu real. Trotzdem bin ich weiterhin auf der Suche nach Antworten auf dieses große, unsagbare Geheimnis. Pauschale Antworten gibt es – vermutlich – nicht und wenn ich erklären soll, wie ich nach all dem immer noch an Gott glauben kann, weiß ich manchmal nicht, was ich sagen soll, ohne den Tod meiner Schwester zu instrumentalisieren, um fromme Dinge zu schwafeln. Die kürzeste Antwort ist vielleicht: Weil Gott an mich glaubt.