Würzburg

Glaubenskompass 2020

Von wegen rückwärtsgewandt und erstarrt: Kommt die wahre Erneuerung der Kirche von den Konservativen?

Metz, Johann Baptist
Im kollegialen Austausch: Als Johann Baptist Metz 1998 in Ahaus seinen 70. Geburtstag feierte, gehörte der damalige Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Joseph Ratzinger, zu den Ehrengästen. Foto: KNA

Mit Blick auf innerkirchliche Richtungsstreitigkeiten in der Folge des II. Vatikanischen Konzils argumentierte der Philosoph Dietrich von Hildebrand in seinem Buch „Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“ (1967), es sei im Grunde unsachgemäß und irreführend, von Auseinandersetzungen zwischen einem „konservativen“ und einem „progressiven“ Flügel innerhalb der Kirche zu sprechen: Ob jemand eher konservativ oder eher progressiv gesonnen sei, ob er also eher am Althergebrachten und Gewohnten hänge oder sich eher für Neues begeistere, sei zunächst eine Frage des Temperaments, daher sei prinzipiell weder das eine noch das andere zu tadeln; fragwürdig sei es hingegen, aus solchen Vorlieben eine Ideologie zu machen und also entweder das Althergebrachte allein deshalb zu verteidigen, weil es eben das Althergebrachte sei, oder das Neue allein aufgrund seiner Neuheit prinzipiell für das Bessere zu erklären. Im Zusammenhang mit Glaubenswahrheiten, so Hildebrand, sei es vollends widersinnig, Anschauungen danach zu bewerten, ob sie eher einem konservativen oder einem progressiven Gemüt entsprächen: Hier sei allein das Kriterium der Wahrheit von Belang.

Jemand, dessen Anschauungen sich gegenüber dem Versuch einer Einordnung in die Kategorien „konservativ“ oder „progressiv“ immer wieder als sperrig erwiesen, war der unlängst im Alter von 91 Jahren verstorbene Theologe Johann Baptist Metz. In einem im Magazin „Commonweal“ erschienenen, von Frederick Christian Bauerschmidt verfassten Nachruf auf Metz hieß es, dieser sei zeitlebens mehr an offenen theologischen Auseinandersetzungen interessiert gewesen als an kirchenpolitischen Partei- und Lagerbildungen; auch sei es schon allein deshalb problematisch, Metz als „fortschrittlich“ zu verorten, weil dieser dem Konzept des Fortschritts prinzipiell skeptisch gegenübergestanden habe. Exemplarisch deutlich wird Metz‘ geistige Unabhängigkeit und seine Widerständigkeit gegenüber Versuchen, ihn für eine bestimmte Richtung zu vereinnahmen, an einem Vortrag mit dem provozierenden Titel „Wenn die Betreuten sich ändern – Unterwegs zu einer Basiskirche“, den er 1980 bei einer Veranstaltung mit dem bezeichnenden Namen „Katholikentag von unten“ hielt; einem Vortrag, dessen Brisanz auch fast 40 Jahre später noch immer nicht in vollem Ausmaß gewürdigt worden ist.

Wider die Verwandlung des Christentums in eine bürgerliche Religion

Er wolle „nicht in erster Linie Euren Beifall, sondern Eure Nachdenklichkeit“, erklärt der Theologe dem Publikum dieser in einem – dem eigenen Selbstverständnis nach – „progressiven“ Sinne kirchenkritisch ausgerichteten Veranstaltung; und er scheut sich nicht, seinen Zuhörern vorzuhalten, ihre Kirchenkritik sei „allzu ausschließlich autoritätsfixiert“: Aus ihr spreche die Vorstellung, „alles an kirchlicher Erneuerung“ hinge wesentlich davon ab, dass „der Papst und die Bischöfe sich ändern“; wer jedoch eine wirkliche Erneuerung der Kirche „von unten“ her erstrebe, der müsse erst einmal bei sich selbst anfangen. Damit nicht genug, übt Metz scharfe Kritik an der bloß vermeintlichen Fortschrittlichkeit eines kirchenreformerischen Programms, das auf eine „Verwandlung des Christentums in bürgerliche Religion“ abzielt – oder anders ausgedrückt: das darauf hinausläuft, „die Erneuerung der Kirche nicht auf der Basis des Evangeliums, sondern auf der Basis dieser bürgerlichen Religion [zu] suchen“. Das Resultat sei, so Metz, eine „Angebots- beziehungweise Servicekirche“, in der Gott „zwar zitierfähig, aber kaum mehr anbetungswürdig“ erscheint. „Nicht die Religion beansprucht den Bürger, sondern der Bürger die Religion; nicht die Religion verändert die Gesellschaft, sondern die bürgerliche Gesellschaft ruht nicht, bis die Religion zu ihr und ihren Plausibilitäten passt. […] Der Bürger lässt die Religion nicht mehr an sich heran, er bedient sich ihrer, wenn er sie ‚braucht‘.“

Betrachtet man Metz‘ damalige Ausführungen im Licht der heutigen kirchenpolitischen Lage in Deutschland, drängt sich der Eindruck auf, die „Reform“-Forderungen von Verbänden wie BDKJ oder kfd, die auch bei der kirchlichen Hierarchie mehr und mehr Gehör finden und etwa die Agenda des Synodalen Weges bestimmen, seien im Wesentlichen einem Kirchenverständnis verpflichtet, von dem Johann Baptist Metz schon vor 40 Jahren meinte, „diese Bürgerkirche“ habe „ihren historischen Zenit und in diesem Sinn ihre gesellschaftliche Zukunft“ im Wesentlichen bereits hinter sich; wohingegen Ansätze dazu, diese „bürgerliche Angebots- und Servicekirche“ zugunsten einer neuen Evangelisierung zu überwinden, vorrangig aus einer im gängigen kirchlichen Sprachgebrauch als „konservativ“ etikettierten Richtung kommen. Der Umstand, dass die sich selbst als fortschrittlich betrachtenden Verfechter einer (links-)liberalen Dienstleistungskirche sich erfolgreich an Schlüsselpositionen des institutionellen Apparats der Kirche festgesetzt haben, zwingt die vermeintlich „Konservativen“ zu etwas, was dem konservativen Charakter, wie Hildebrand ihn beschreibt, eigentlich widerstrebt: nämlich dazu, strukturell innovativ zu sein. Was für eine Vielfalt an missionarischen Projekten, an Initiativen zur Förderung von Anbetung und zur Gemeindeerneuerung hierzulande im Entstehen begriffen ist, ließ sich beispielsweise jüngst auf der vom Gebetshaus Augsburg ausgerichteten MEHR-Konferenz beobachten.

„Gestaltungskraft von unten“

Gleichwohl ist kaum zu leugnen, dass sich nicht wenige Gläubige, die dem als „konservativ“ bezeichneten Lager zuzurechnen sind, schwer damit tun, bestehende Strukturen zu hinterfragen oder Eigeninitiative zu entwickeln. Tadelte Johann Baptist Metz beim „Katholikentag von unten“ vor vierzig Jahren die Passivität der Laien, die sich in der Auffassung widerspiegele, „in unserer Kirche ginge alles besser, wenn wir nur einen besseren Papst hätten“, so findet sich dieselbe Annahme unter dem gegenwärtigen Pontifikat verstärkt in den Reihen der vermeintlich oder tatsächlich „Konservativen“. Dabei verweist das Ausmaß der Unzufriedenheit mit der kirchlichen Hierarchie letztlich nur auf die hohen Erwartungen, die an sie gestellt werden. Es würde zu kurz greifen, dies allein damit erklären zu wollen, dass eine gewisse Autoritätsfixiertheit in der Natur des konservativen Charakters liege; auch mit dem von Metz selbst herangezogenen Verweis auf „unsere typisch deutsche Genehmigungs- und Legitimationssüchtigkeit, derzufolge immer nur das unternommen werden darf, was auch behördlich voll abgesegnet ist“, ist noch nicht alles erklärt. Schließlich ist die Rolle der Hierarchie in der katholischen Kirche selbst Gegenstand der Glaubenslehre. Mögen „progressive“ Laieninitiativen von einer Kirche ohne Priester und Bischöfe träumen, so ist eine solche Vision für diejenigen Gläubigen, die den sakramentalen Charakter des kirchlichen Weiheamtes ernst nehmen, von vornherein keine Option; und für diese kann es auf Dauer auch nicht wirklich erstrebenswert sein, in Opposition zu ihrem Pfarrer, ihrem Bischof oder gar zum Papst zu stehen.

In diesem Zusammenhang ist indes daran zu erinnern, dass es – wie Johann Baptist Metz betonte – in dem Streben nach einer Erneuerung der Kirche nicht so sehr „auf die direkte Konfrontation mit den Autoritäten“ ankommt als vielmehr auf eine „Gestaltungskraft von unten“. Dazu sei es, so Metz, notwendig, „dass wir nicht nur den Trägern kirchlicher Autorität, sondern auch uns selbst ein ‚Mehr‘ an Evangelium und Christentum zutrauen“. Während das liberale Modell der „Angebots- und Servicekirche“ dazu neigt, dem einfachen Kirchenmitglied lediglich die passive Rolle des Dienstleistungsempfängers zuzuweisen, täten gerade glaubenstreue Katholiken gut daran, sich darauf zu besinnen, dass sie in Taufe und Firmung zu Priestern, Propheten und Königen gesalbt sind – und diese Berufung anzunehmen, ohne sie mit den spezifischen Aufgaben und Vollmachten des Weiheamts zu vermengen oder zu verwechseln.

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