Glaube schafft Wahrheit

Pierre Janet: Der Glaubensakt ist das wichtigste seelische Phänomen. Von Anna Sophia Hofmeister

Halbes oder Ganzes? Der Psychologe Pierre Janet hätte den Menschen gerne in das Gehirn geschaut – für viele Untersuchungen blieb nur das Modell. Foto: dpa
Halbes oder Ganzes? Der Psychologe Pierre Janet hätte den Menschen gerne in das Gehirn geschaut – für viele Untersuchung... Foto: dpa

Abends den Wecker zu stellen, und daran zu denken, dass man am nächsten Morgen schon wieder viel zu früh aufstehen müsse, ist ein Glaubensakt. Auch wenn einer nur daran glaubt, dass morgens ein neuer Tag beginnt: Jeder Mensch ist gläubig. „Wir glauben an die Personenwaage und ans Thermometer nicht anders als an die Vorsehung“, sagt der französische Psychologe Pierre Janet. Das hat ihn derart fasziniert, dass er eine Studie dazu verfasste: „Die Psychologie des Glaubens und die Mystik“.

Pierre Janet (1859–1947), „Médecin-philosophe“ und Mitbegründer der modernen französischen Psychologie, war lange Zeit so gut wie vergessen. Und das, obwohl er, wohlwollend aufgenommen, eine glänzende Karriere hinlegte, als Schüler und Mitarbeiter von Jean-Martin Charcot an der berühmten Salpétriere in Paris – wie sein lebenslanger Kontrahent Sigmund Freud. An letzterem und dem durchschlagenden Erfolg seiner Psychoanalyse muss es gelegen haben, dass Janet, schließlich Inhaber des Lehrstuhls für experimentelle und vergleichende Psychologie am College de France, in Vergessenheit geriet.

Zwischen 1890 und 1935, heißt es heute, sei Janet jedenfalls einer der führenden Psychologen Frankreichs gewesen. Gegenwärtig wird Janets Werk wiederentdeckt und weltweit diskutiert: als Meilenstein der Psychopathologie.

Im Zuge dieser Entwicklung erscheint erstmals eine Auswahl der wichtigsten Texte Janets in deutscher Übersetzung. Der Herausgeber, Gerhard Heim, ist selbst ein niedergelassener psychologischer Psychotherapeut für Verhaltenstherapie in Berlin, Mitbegründer und derzeitiger Vorsitzender der Berliner Pierre-Janet-Gesellschaft, die sich der Aufarbeitung des Janet'schen Werkes widmet. Die Aktualität dieser vernachlässigten Arbeiten liegt für die Janet-Gesellschaft insbesondere in dessen Unterschied zur Psychoanalyse Freuds und seiner Schule, vor allem aber in seiner Verwandtschaft mit der modernen Psychotherapie. So seien in den letzten 15 Jahren Janet'sche Konzepte bei der Diagnostik und Therapie von dissoziativen und posttraumatischen Störungen wie auch der Zwangskrankheit und Depressionen eingeführt worden, heißt es auf der Website des Vereins.

Janet selbst war wohl ein kauziger Mensch. Er liebte seine Kakteen und faltete mit Hingabe Papiervögelchen. Zu Religiösem und Übernatürlichem fühlte er sich seit jeher hingezogen, einer Kirche rechnete er sich allerdings nicht zu. „Bis zu meinem achtzehnten Lebensjahr war ich sehr religiös und habe bis heute, wenn auch sehr gedämpft, manche Disposition zum Mystischen“, schreibt er in seiner „Psychologischen Autobiographie“ im Jahr 1946, kurz vor seinem Tod. Wie Leibniz habe er die Versöhnung von Wissenschaft und Religion erträumt. „Vervollkommnete Philosophie“ nennt er das: Der Traum einer zugleich wissenschaftlichen wie religiösen Philosophie habe ihn zum Psychologiestudium geführt. Getragen auch vom Interesse der damaligen Zeit an scheinbar übernatürlichen Phänomenen widmete sich Janet dabei insbesondere der Hypnose, dem Somnambulismus, verschiedenen Neurosen und den Hysterikerinnen.

Es ist ein großes Plus des Buches, dass neben seinen eigenen Texten auch Texte über Janet zu lesen sind, die zusammen mit dem kundigen Nachwort von Gerhard Heim ein umfassendes Bild nicht nur des Psychologen, sondern auch seiner Zeit zeichnen. So lässt sich etwa mit Henri Piéron eine Vorlesung Janets besuchen, mit Ernest Jones, einem passionierten Befürworter von Freuds Psychoanalyse, und anderen Gelehrten (etwa Viktor Frankl und C. G. Jung) eine Diskussion um psychoanalytische Forschungen verfolgen, oder auch in den Briefwechsel zwischen Janet und seinem langjährigen Freund, dem Philosophen Henri Bergson, gucken. Den Ausgangspunkt bildet Janets Studie zur Psychologie des Glaubens aus dem Jahr 1937, die Janet nicht auf die Religion beschränkt, sondern auf Individuum, Gesellschaft, Geschichte, Wissenschaft und Philosophie anwendet. Dabei kommt er zu dem Schluss, dass „in den unterschiedlichen Funktionen des Glaubens, bei der Realisation und der Interpretation“ tatsächlich die meisten Neurosen und Psychosen auftauchten.

Viele Krankheiten, selbst wenn ihre Symptome körperlicher Art sind, seien vor allem Krankheiten des Glaubens: „Der Psychastheniker kann trotz äußerster Anstrengung nicht zum Ziel seines Glaubens kommen, der Hysteriker gelangt zu leicht und zu umfassend dazu, wobei er auf dessen Realisierung verzichtet oder diese halluziniert.“ Der Paranoiker wiederum habe Schwierigkeiten mit der Objektivierung oder Subjektivierung seines Glaubens, schreibt Janet: „Man stößt überall bei den Neurosen und Psychosen auf Probleme mit dem Glauben (...). Deshalb wiederhole ich hier, dass der Psychiater vor allem anderen die Psychologie dieser Funktionen kennen muss.“

Janet nennt „Glaube“ die Regulierung des Verhaltens anhand von Dingen, die derzeit noch nicht wahrnehmbar sind: „Vergleichbares gilt auch, wenn einer auf eine Stadt zugeht, die er noch nicht sehen kann, aber dennoch vor sich glaubt.“ Diese Glaubensakte seien für die Entwicklung der Lebewesen von großer Wichtigkeit. „Sie organisieren nämlich die Reaktion auf das, was man nicht sieht: auf Gefühle, auf Absichten, auf Gedanken.“ Sie seien jedoch auch Vorbereitung für die Vorstellungen von Macht und Gewalt. Glaube setze Kräfte frei und ginge dem Fortschritt voran. „Der Glaube, den einer an sich selbst hat, an seine Kraft, seinen Wert, an die Gerechtigkeit seiner Sache, vermittelt ihm Gefühle des Vertrauens“, so Janet weiter: „Der Glaube, den man einem großen Werk entgegenbringt, welches unsere Erinnerung und unser Bewusstsein über Jahrhunderte hinweg befördert, erhebt unsere Tat und wird zum Ausgangspunkt des größten Fortschritts. Und diesen machtvollen Glauben finden wir am Ursprung aller Zivilisationen.“

Der Ursprung liegt inzwischen lange zurück. Nicht nur die Zeiten haben sich geändert: „Die Glaubensinhalte sind rationaler und experimenteller geworden; sie wurden zu dem, was wir die Wahrheit nennen.“ Das Problem dabei sei, dass der „wissenschaftliche, positive Glaube“ die „Gefühle der Menschen“ keineswegs berücksichtige, und das nur so lange gut gehe, wie es den Menschen gut gehe. „Bin ich aber traurig und deprimiert, tun sie nichts, um mich zu trösten oder aufzuheitern.“ Ein rein rationaler Glaube habe nichts übrig für das Individuum, er müsse allgemein sein, um machtvoll sein zu können. Dem steht Janet skeptisch gegenüber. Die Hoffnung, dass die Wissenschaften irgendwann einmal beim Individuum ankommen, ist für ihn einigermaßen zweifelhaft. Deshalb unterscheidet er strikt zwischen einer praktischen Psychologie, „die vorgibt, das Herz der Menschen zu kennen“, und einer wissenschaftlichen, „die die erstgenannte verachtet und sich nur um allgemeine Gesetze schert“.

Wo es ein Zuviel an nur allgemeinen Gesetzen gibt, kommt für Janet die Mystik ins Spiel. Denn Mystiker seien Denker, die mit den üblichen Formen des Glaubens, die ihnen die zeitgenössische Logik und Wissenschaft bieten, unzufrieden sind. Weil sich mystische Begabung häufig in dissoziativen, ohnmächtigen, unbewussten, neuropathischen Zuständen äußert, setzt Janet an diesem Punkt die Notwendigkeit seiner psychologischen Untersuchungen an: Der Glaubensakt, beziehungsweise die Glaubensfunktion, gehört für ihn zu den wichtigsten seelischen Phänomenen. Denn immer seien es eben Glaubensakte, die den Motivator bildeten für umwälzende Veränderungen in der Welt. Diese Kräfte im Menschen haben den Psychologen, Mediziner und Philosophen Janet wohl am meisten interessiert. Die unruhige, mittlere Gehirnregion, von der diese Impulse ausgingen, ist für ihn Quelle jeglicher Evolution.

Aber auch die Quelle krankhafter Auswüchse wie Neurosen und Psychosen, zu deren Untersuchung und möglichen Heilung er bereitsteht. Haarscharf kratzt der Psychologe in seinen Untersuchungen allerdings ständig an dem vorbei, was eben sinnstiftend sein könnte, und zwar zwischen Wissenschaft und Individuum. Das sind die Glaubensinhalte. Die spielen für Janet keine Rolle, für ihn ist „Glaube an etwas“ schlichtweg eine spannende Regung – egal ob sie Gott gilt oder Kermit aus der Sesamstraße. Dabei sind es gerade die Inhalte, die „Glauben“ ausmachen. Und die heilend oder eben zerstörend wirken können zwischen Rationalem und Gefühl. Pierre Janet steht für einigermaßen gewagte Überlegungen. Das Leben gibt ihm immer wieder recht. So stark kann immerhin der Glaube eines einfachen Menschen sein: Dass am nächsten Morgen tatsächlich der Wecker klingelt und er aufstehen muss. Ob zu früh oder nicht, die Bestätigung des Geglaubten hilft ihm vielleicht aus dem Bett.

Pierre Janet: Die Psychologie des Glaubens und die Mystik. Hrsg. von Gerhard Heim, Matthes & Seitz Berlin 2013, ISBN 978–3–88221–607–3, EUR 49,90