Gipfeltreffen der modernen Kunst in Bonn

Die Bundeskunsthalle zeigt Meisterwerke aus Winterthur – Nach den Skandalen der Vergangenheit meldet sich das Museum zurück

Der Titel scheint hochgegriffen, erweist sich beim näheren Hinschauen jedoch als absolut zutreffend: Denn alles, was Rang und Namen hat, ist beim „Gipfeltreffen der Moderne“ in der Bonner Kunst- und Ausstellungshalle vertreten. Seien es Delacroix oder Monet, Rodin oder Picasso, van Gogh oder Max Ernst – um nur einige der Highlights zu nennen –, sie alle wetteifern gleichsam um die Gunst eines geneigten Publikums, das bislang in das Schweizer Winterthur fahren musste, um diese außergewöhnliche Sammlung genießen zu können.

Das Presseecho ist überwältigend, es werden bereits Vergleiche mit den Auswärtsschauen des MoMA (1992) und Guggenheim (2006) gezogen. Dabei ist die neue Schau aus Winterthur mit 240 Exponaten aus anderthalb Jahrhunderten wesentlich umfangreicher als die beiden erstgenannten Ausstellungen. Entstanden als Sammlung privater Kunstbegeisterter gehört das Schweizer Museum heute zu den großen Häusern der Welt und fügt sich somit nahtlos in die Bonner Reihe „Große Sammlungen“ ein. Die Rheinmetropole ist im übrigen besonders stolz darauf, dass die Sammlung aus Winterthur bei ihrem erstmaligen „Ausflug“ in ihrer Geschichte zunächst in Bonn Station macht. In der eindrucksvollen Schau, die noch bis Ende August zu sehen ist, geht es um die Entwicklung der modernen Kunst vom Impressionismus bis zur jüngsten internationalen Gegenwartskunst. Gleich der erste Saal zeige, dass Winterthur über einen „reichen und guten Bestand an impressionistischen Werken“ verfüge, erläutert die Projektleiterin Angelica Francke. Unter den hochkarätigen Bildern aus dem Impressionismus fällt besonders ein Schlüsselwerk von Vincent van Gogh auf: ein bestechendes Porträt des Postboten Joseph Roulin, dessen blaue Uniform kräftig mit dem gelbgrünen Hintergrund kontrastiert.

Für Francke geht es bei der Präsentation darum, den Weg der modernen Kunst in die Abstraktion hervorzuheben, der sich in Bonn an zentralen Werken anschaulich verfolgen lasse. Wer will, kann hier auch den Fernwirkungen nachspüren, die Pioniere der Abstraktion wie etwa Robert Delaunay erzeugen. Das Gestaltungsprinzip des Gitterrasters, das sein farbenprächtiges Gemälde „Die Fenster zur Stadt“ (1912) prägt, lässt sich auch in dem Bild „Ohne Titel“ (1964/65) von Eva Hesse nicht übersehen.

Besonders interessant findet die Projektleiterin die Werke der beiden Schweizer Maler Ferdinand Hodler und Félix Vallotton. Beide seien in Deutschland noch wenig bekannt und könnten daher „zu einer echten Entdeckung“ werden. Mehrere Landschaftsbilder und zwei Selbstporträts von Hodler zeigten anschaulich, dass er weit mehr sei als „der Mann für's Dekorative“, wie er oft tituliert worden sei, erklärt Francke.

Empfangen wird der Besucher zunächst von einem frühen Monet, der den Blick in den Wald von Fontainebleau zeigt, gepaart mit einer Darstellung des „Mardi gras“ auf dem Boulevard Montmartre in Paris von Camille Pissarro. Dramaturgisch spannend gemacht sorgen der Winterthurer Museumschef Dieter Schwarzer und sein Bonner Interims-Amtskollege Christoph Vitalis immer wieder für ungewöhnliche Gegenüberstellungen, die Reibungen erzeugen, für Überraschung und erstauntes Innehalten sorgen. Da findet sich etwa eine recht gegenständliche „Improvisation“ Kandinskys neben einem völlig abstrakten geometrischen Werk Mondrians.

Ein orchestraler Gesamtklang

Die Surrealisten um Miro oder Max Ernst stehen Max Beckmann oder Karel Appel gegenüber. Die Kunst der Nachkriegszeit ist durch Werke aus den USA und Italien vertreten, deutsches aus diesem Zeitraum wurde in Winterthur kaum berücksichtigt. Erst die Gegenwartskunst bezieht wieder Künstler wie Gerhard Richter oder Thomas Schütte mit ein.

„Ein Kunstspaziergang entlang dieser Werke erhellt mit geradezu beiläufiger Selbstverständlichkeit die Entwicklung vom Impressionismus über Kubismus, Abstraktion, Konstruktivismus, Surrealismus und die Nachkriegskunst bis hin zur neuesten internationalen Gegenwartskunst“, erläutern die Macher begeistert. Auf vielfältige Weise werde deutlich, wo und wie die europäische Kunst – und ab der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch die amerikanische – zusammenhängt, wie Strömungen einander ergänzen oder voneinander lernen. „Die Arbeiten der größten Künstler der Moderne verbinden sich hier zu einem orchestralen Gesamtklang“, so Schwarz und Vitali.

Für letzteren ist die Ausstellung aber noch aus einem anderen Grund sehr wichtig, gelang es ihm doch eindrucksvoll, das 2007 wegen eines unvergleichlichen Finanzdebakels in die Schlagzeilen geratene Haus, das anschließend durch eher mittelmäßige Ausstellungen zudem einen enormen Besucherschwund verkraften musste, wieder an die Spitze internationaler Museen zu führen. Damit hat der Interimsintendant Vitali, der bereits zum Jahresende die Leitung des Hauses an Robert Fleck übergeben hat, aber die von ihm zuvor organisierten Ausstellungen als Projektleiter weiterhin betreuen wird.

Nähere Informationen:

Kunst- und Ausstellungshalle

der Bundesrepublik Deutschland GmbH

Museumsmeile Bonn

Friedrich-Ebert-Allee 4, 53113 Bonn

Postfach 12 05 40, 53047 Bonn

Telefon (02 28) 91 71-0

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