Giovannino Guareschi:„Gott ist mit mir“

Wie Giovannino Guareschi gegen die geistige Wüste anschrieb. Von Marco F. Gallina

Giovannino Guareschi: Genosse Don Camillo
Selbst die Kommunisten mochten ihn: Don Camillo (Fernandel) spricht mit seinem Herrn. Foto: dpa

Die geistige Wüste erstreckt sich jeden Tag ein Stück weiter, jeden Tag trocknen mehr Seelen aus, weil sie den Glauben abgeworfen haben. Jeden Tag zerstören immer mehr Menschen vieler Worte aber ohne Glauben das spirituelle Erbe der Menschheit und den Glauben anderer. Menschen jeder Rasse, jeder Abstammung, jeder Kultur.“

Es sind Worte, die nicht vergehen wollen. Giovannino Guareschi schmettert sie 1968 in die Tasten: in diesem gesellschaftlichen Schicksalsjahr, das wie kein anderes für einen Zeitgeist steht, den der Erfinder von Don Camillo und Peppone als „geistige Wüste“ bezeichnet. Guareschi legt die Worte jenem Jesus am Kreuz in den Mund, mit dem der Dorfpriester zu sprechen pflegt. Don Camillo verzweifelt an einer Welt, die sich der Konsumkultur hingibt, die keine Liebe, keine Güte, keine Bescheidenheit, keine Liebe – und keinen Glauben mehr kennt. Christus wird deutlich: Gerade deswegen muss er umso fester um die Seelen kämpfen. In einem fiktiven Brief an Don Camillo schreibt Guareschi bereits zwei Jahre vorher: „Don Camillo, bleib stark: Wenn die Generäle Verrat begehen, dann haben wir mehr denn je die Treue der Soldaten nötig.“ In seinen letzten Tagen sieht Guareschi nicht mehr den Kommunismus, sondern die Liturgiereform als größte Her-ausforderung an, weil diese die Spiritualität des Katholizismus von innen aushöhle.

Sein letzter Roman, aus dem die obige Passage stammt (Don Camillo und die Rothaarige), will oftmals gar nicht in das Klischee leichter Märchen aus der norditalienischen Provinz passen. Hellsichtig beschreibt Guareschi den Verlust ländlicher Identität und Tradition, die Pop-Kultur und Motorräder machen selbst das Nest Brescello unsicher. Es ist ein Buch voller Melancholie und Nostalgie. Der Alt-Kommunist Peppone, der als Kfz-Mechaniker noch weiß, wie ein Schraubenschlüssel aussieht, bekommt Ärger mit einem maoistischen Apothekerehepaar, das ihm trotz Wohlstandsbürgertum ideologisch den Rang ablaufen will; Don Camillo schlägt sich derweil mit Don Francesco (genannt Don Chichi) herum, der Don Camillo aus dem „Mittelalter“ herausholen will und die Segnungen des Konzils vorführt – schließlich lebt man jetzt im Jahr 1968.

Guareschi stirbt noch im selben Jahr. Sein Roman erscheint posthum. Seinen Widerstand gegen die Welt macht Guareschi noch bei seiner Beerdigung deutlich: Auf seinem Sarg liegt die italienische Königsflagge mit dem Wappen von Savoyen – 23 Jahre, nachdem die Italiener in einem Referendum die Republik wählten. Die Totenmesse findet im alten Ritus statt.

Guareschi ist ein Dickkopf. Aber es sind Dickköpfe, welche häufig die Welt bewegen. Er kann ungeduldig, aufbrausend, cholerisch sein, ganz wie die Charaktere seiner „Kleinen Welt“ zwischen Pappelhainen und großem Fluss. Seine schärfste Waffe ist jedoch die Ironie. Sie begleitet ihn von Geburt an: Ausgerechnet er, der großgewachsene Guareschi, trägt den Vornamen „Giovannino“, eine Verniedlichungsform von Giovanni. Ausgerechnet er, der Kommunistenfresser, wird im Jahr 1908 in Fontanelle di Roccabianca bei Parma geboren – an einem 1. Mai.

Der Sohn aus einer mittelständischen Kaufmannsfamilie bleibt Zeit seines Lebens seiner ländlichen Heimat und dem Katholizismus verhaftet. Das ist im literarischen und journalistischen Milieu Italiens, das Linke und Kommunisten beherrschen, mehr als nur ein Nachteil. Als Guareschi bei einer Zeitung anfangen will, empfiehlt man ihm, aufs Land zurückzukehren und Bauer zu werden; später, noch in den 1950er und 1960er Jahren, geht die Behauptung in seinem Kollegenkreis um: „Den Schriftsteller Guareschi gibt es gar nicht.“

Dass in letzterem Zitat auch eine große Portion Neid mitspielt, weil nicht etwa Svevo und Calvino, sondern Guareschi der erfolgreichste italienische Autor des 20. Jahrhunderts ist, sollte nicht verwundern: Guareschi traf mit seinen Werken den Nerv des kleinen Mannes, um dessen Gunst die linken Literaten, Filmemacher und Journalisten wetteiferten. Über 20 Millionen Mal haben sich Guareschis Werke verkauft, nebenbei gilt er als meistübersetzter italienischer Autor. Guareschi hat demnach den Kampf des Katholizismus gegen den Kommunismus zumindest in den Buchläden schon vor Johannes Paul II. gewonnen.

Guareschis Karriere beginnt 1925 bei der Gazzetta di Parma. 1936 zieht er nach Mailand und wird Teil der Redaktion des Bertoldo; der avanciert zu einer der größten humoristischen Zeitungen Italiens mit 500 000 bis 600 000 Exemplaren. Guareschi begleitet das Blatt als Illustrator, Karikaturist und Chefredakteur. Erst 1943 hat dieser erste Zenit des Parmesen ein Ende: Die Alliierten legen bei einem Borbardement der Stadt auch das Verlagshaus in Schutt und Asche. Gleichzeitig geht Guareschis Bruder im Russland-Feldzug an der Front verschollen. Sein hitziges Temperament verleitet ihn zu einer Tirade gegen Benito Mussolini, die ein Denunziant sofort an die Faschisten weiterträgt. Um seinen Kopf zu wahren, nimmt der Journalist das Angebot an, in die italienische Armee einzutreten. Eine verhängnisvolle Entscheidung: Nur wenig später schließt das Königreich Italien einen Waffenstillstand in Cassibile, nachdem Briten und Amerikaner in Süditalien gelandet sind.

Es beginnt das düsterste und prägendste Kapitel in Guareschis Vita. Die Wehrmacht besetzt Norditalien, Guareschi sitzt mit seinen Kameraden in Alessandria fest und damit hunderte Meilen von der Front. Vor die Wahl gestellt, für Mussolinis Rumpfstaat von Hitlers Gnaden zu kämpfen, oder den Weg ins Lager anzutreten, entscheidet sich der überzeugte Patriot für letzteren Schritt – gegen seinen König will der Royalist nicht ins Gefecht ziehen. Die Nationalsozialisten verfrachten ihn in mehrere Internierungslager, wo die Italiener auf der untersten Rangstufe mit den Kriegsgefangenen aus dem Osten rangieren, weil ihnen jeder internationale Status fehlt. Von 1943 bis 1945 fristet Guareschi dort sein Leben, wo „unter farblosem Himmel, inmitten der strengen Geometrie der Baracken und dem Schmutz des Sandes die Verzweiflung nicht mehr von dieser Welt“ ist, wie er in seinem Diario Clandestino schreibt; hier, in diesem Land, „wo die Wachtürme allgegenwärtig sind wie die Augen Gottes – jenes Gottes, von dem die Deutschen sagen, dass er mit ihnen sei, aber so verschieden ist von unserem“.

Die Städte sind zerstört, die Länder verheert, Menschenleben millionenfach genommen worden. Doch Gott, so Guareschi, ist nicht zerstört. Im Elend der Lager formt er mittels Karton, einer Postkarte und einem Stift eine Krippe zu Weihnachten.

Das Italien, in das Guareschi zurückkehrt, befindet sich trotz Kriegsendes immer noch im Bürgerkrieg. Seine emilianische Heimat ist Teil des „Dreiecks des Todes“, wo kommunistische Partisanen ein Massaker an politischen Gegnern verüben – gegen Priester, Seminaristen, christliche Politiker, Monarchisten und andere „Reaktionäre“, die vorher gegen die Faschisten gekämpft hatten. Für Guareschi ist der Kommunismus nicht mit seiner christlichen Überzeugung zu vereinen: „Dieser Gott, der jedem Menschen ein Gewissen und eine Persönlichkeit gegeben hat, ist ein entschiedener Feind des Kollektivismus… Nein, ich höre nicht damit auf, zu sagen, dass Gott mit mir ist. Ich schließe, indem ich der glühenden Hoffnung Ausdruck gebe, dass auch ich mit Gott bin!“

Guareschis Popularität erreicht ihren Höhepunkt in den 1950er Jahren, als seine Werke um Don Camillo und Peppone verfilmt werden. Das Schauspieler-Duo aus Fernandel und Gino Cervi macht die Figuren unsterblich. Von der großen Beliebtheit der Filme ist selbst der Schöpfer überrascht. Auf den Erfolg des Originalfilms angesprochen muss Guareschi zerknirscht zugeben: „Das Schlimmste daran ist – die Kommunisten mögen ihn.“ Vielleicht die Einmaligkeit Guareschis: denn welcher christliche Autor kann sonst den Erfolg für sich verbuchen, dass ihn selbst seine Feinde lieben?