Gewalt ist immer real

Ob in der Statistik oder im Film, als Christ darf man sich nicht daran gewöhnen, wenn Menschen attackiert werden. Von Beile Ratut

Kriminalstatistik
Realität oder Film? Diese Gestalt hinter der Tür wirkt verdächtig.dpa Foto: Foto:
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Realität oder Film? Diese Gestalt hinter der Tür wirkt verdächtig.dpa Foto: Foto:

Kriminalstatistik erzählt Geschichten. Geschichten von Datenerfassung und Kategorien, Häufigkeit und Gewichtung. Welchen Gehalt hat die Kriminalstatistik aber für den Menschen, der ausgeplündert, verraten oder geschändet wurde oder die Angehörigen von Mordopfern? Wenn die Statistik sagt: „Dein Fall ist doch nur ein einzelner in einer erwiesenermaßen abflauenden Menge!“ – Was wiegt er dann noch?

Wir leben in einer Kultur, die einerseits in Unterhaltungsindustrie und Werbung ein bruchloses Bild von Normalität hütet und feiert: ansehnliche Menschen, die Herausragendes erleben und ihr Glück finden. Andererseits ist da ein enormes Maß an Gewalt, eingesetzt als Unterhaltungsinstrument: Schrecken, entheiligte Leiber, Kaltblütigkeit. Man unterhält sich damit und hält zugleich daran fest, Teil der „Normalität“ zu sein. Ein Opfer aus der Kriminalstatistik erlebt Gewalt in ihrer realen Form, um dann in einer Gesellschaft mit einem Makel zu leben, dessen Bedeutsamkeit man nur noch als Teil der Statistik und als Vehikel der Unterhaltungsindustrie verstehen und anerkennen will.

Im schlimmsten Fall ist die erlittene Gewalt ein nützliches Instrument in den Händen von Agitatoren: der Täter ist ein Flüchtling, oder er ist gerade kein Flüchtling. In eng gesteckten Bahnen ist man bereit, dem Opfer ein paar Augenblicke lang Mitgefühl zu erweisen – aber nur, solange die manifestierte Gewalt bestimmte Kennzeichen erfüllt und damit der eigenen Agenda dient. Dabei fällt auf: Gewalt ist allgegenwärtig. Die modernen Medien ermöglichen es, dass man weitaus mehr von ihr hört als noch vor zwanzig Jahren. Bereits Kinder und Jugendliche sehen regelmäßig Grausamkeiten am Bildschirm, viele Filme mit der Altersfreigabe von 12 Jahren beinhalten bereits eigentlich Erschreckendes, und sogar in den Programmen für die Kleinsten gibt es reichlich Bilder, die die kindliche Erlebniswelt zersetzen. Das Gehirn verarbeitet reale Erfahrungen in gleicher Weise wie das, was wir in der fiktiven Welt am Bildschirm aufnehmen.

Für die menschliche Wahrnehmung ist es, so die Psychologin Iris Zukowski („Was uns heute unterhält, kann uns morgen töten“), also nicht von Belang, ob wir fiktive oder reale Gewalt schauen. Die mediale Gewalt ist für den Menschen damit immer real, die Gewalt wird in der Erlebniswelt der Menschen, im Gehirn, hinterlegt, Erregungskurven und Handlungsmuster der Aggression werden antrainiert und sind dann jederzeit abrufbereit. In vielen medialen Vorbildern wird Gewalt als legitimes Mittel dargestellt, um die eigenen Ziele zu erreichen; auf diese Weise wird Falsches im Tiefland der Botenstoffe mit positiven Erlebnissen verknüpft. Mediale Gewalt verändert auch unser Gehirn – eigentlich grundmenschliches Empfinden verkümmert oder stirbt ganz ab.

Zu Recht weist auch Zukowski darauf hin, welche verheerenden Konsequenzen es hat, wenn wir unser Medienangebot nicht mit anderen Inhalten füllen, mit Vorbildern, die dem Leben dienen, mit Kreativem, dem Überwinden des Bösen, mit Sozialem und Freude.

Was aber ist wirklich Gewalt? Gewalt ist konkretisierte Aggression, und Aggression richtet sich im Kern immer gegen die Sehnsucht des Menschen, gegen seine Träume. Der Mensch kann nicht ausstehen, dass er das Leben nicht beherrschen kann, er kann nicht ertragen, dass das Leben eine Quelle hat, über die er nicht verfügt. Der Mord an Abel erzählt die Geschichte dieser fundamentalen Aggression, und auch der Verrat an Josef und die Kreuzigung Jesu. Die Welt bemisst, taxiert, rechnet auf. Wieviel habe ich erreicht?

Seit jeher steht auf der einen Seite der Mensch, der einen Anschlag ausübt – und auf der anderen Seite der Träumer. Der Mensch steht in diesem Spannungsfeld, er will einerseits kontrollieren – andererseits aber träumen. Der Träumer wendet sich ab, wo der Beweis erbracht wird, weil er nicht wissen will – sondern glauben. Glauben aber kann man nur, wenn man etwas nicht selber zustande bringen kann, und eine unmittelbare Beziehung zum Eigentlichen hat man nur, wenn man träumt, denn da muss man nichts begründen, klarmachen oder verdienen. Gewalt ist also letztlich der Übergriff dessen, der jenes im Menschen attackiert, das nicht wissen will, sondern glauben.

Kriminalstatistik erzählt Geschichten. Geschichten von Datenerfassung und Kategorien, Häufigkeit und Gewichtung. Sie erzählt vom Willen des Menschen, die Welt und die Wirklichkeit zu taxieren und zu bewerten. Sie will nichts wissen von der Geschichte des Menschen, dessen Existenz in der Ewigkeit ihre Quelle hat. „Du bist ein Einzelfall!“, sagt die Statistik. „Du bist fiktiv!“, sagt der Film. „Du zählst nicht!“, sagt derjenige, der zählt. Der Übergriff des Zählenden kann erstaunliche Ausmaße annehmen, erträgt er es doch nicht, dass die „andere Seite“ kinderleicht zu Gott kommt. Das bringt den würdigen Menschen auf gegen den Unbedeutenden, dem es aber doch weh ist ums Herz, der sich noch sehnt. Dieser Übergriff des Aggressors gegen den Träumer ist ein fundamentales Merkmal dieser Welt, eine Bake des Sündenfalls. Wer sich dessen nicht bewusst ist, wird es weitertragen. Im schlimmsten Fall mit Gewalt, in jedem Fall aber mit einer immerwährenden Bagatellisierung und Ausflüchten für die Gewalt, die um und in uns ist und sein wird, bis an das Ende der Zeit. Wer sich dessen aber bewusst ist, kann es sich eingestehen und ertragen, er sieht den Sühnetod in einem neuen Licht.