Gespür für Aufrichtigkeit

Peter Hoegs Roman „Der Susan-Effekt“ bietet interessante Angebote, überzeugt aber nicht vom Handlungsaufbau. Von Stefan Meetschen

Das idyllische Kopenhagen ist Schauplatz des neuen Romans von Peter Hoeg. Foto: dpa
Das idyllische Kopenhagen ist Schauplatz des neuen Romans von Peter Hoeg. Foto: dpa

Es ist ein schriller Unterhaltungsroman mit klugen Reflexionen über Ehe, Kunst und Wissenschaft, ein spannender, ans Groteske grenzender Verschwörungskrimi, eine einfühlsam-schnoddrige Familien- und Frauengeschichte – „Der Susan-Effekt“, das neue Werk von Peter Hoeg, der in Deutschland 1992 mit dem Roman „Fräulein Smillas Gespür für Schnee“ bekannt wurde, bietet dem Leser eine ganze Ladung an literarischen Gattungs- und Textangeboten.

Und zwar von Anfang an. Kaum hat man das 400 Seiten starke Buch aufgeschlagen und die ersten Seiten gelesen, ist man auch schon mitten drin im Überlebenskampf der dänischen Prominenten-Familie von Susan Svendsen, einer renommierten Experimentalphysikerin, und ihres Mannes Laban, eines gefeierten Komponisten, sowie deren Teenager-Kindern Harald und Thit, einem Zwillingspaar. Obwohl alle vier auf verschiedenen Gebieten außergewöhnlich begabt sind, sind sie aufgrund amouröser Eskapaden in Indien in Schwierigkeiten geraten. Der dänische Geheimdienst-Agent Thorkild Hegn nimmt sich der Familie an und rettet sie vor der indischen Strafverfolgung. Doch das hat seinen Preis. Weiß Hegn doch, dass Susan zwar nicht über ein besonderes Gespür für Schnee verfügt, immerhin aber über die Gabe, die Menschen gesprächig und mitteilsam zu machen. Sie kann zuhören und Aufrichtigkeit erwecken. Der sogenannte „Susan-Effekt“, über den bis zu einem gewissen Grad auch ihr sensibler Gatte verfügt. „Offenheit ist ein Skala-Phänomen. Von den massiven Verheimlichungen, mit denen wir alle leben, bis zur extremen Schutzlosigkeit, die, wenn sie eintritt, eine Wirklichkeit hinterlässt, in der nichts mehr so ist, wie es war.“

Mithilfe dieses „Effekts“ soll Susan Svendsen im Auftrag Hegns die Mitglieder einer geheimnisumwitterten „Zukunftskommission“ ausfragen, um an die Sitzungs-Protokolle dieser Kommission zu gelangen. Susan tut ihr Bestes, doch zu ihrem Schrecken erkennt sie, dass nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch das Leben der Mitglieder, die sie aufsucht, zunehmend in Gefahr gerät. Ein Mitglied, ausgerechnet ein Mönch, trifft sie nur noch tot in einer Waschmaschine an, andere Zukunftspropheten sterben auf ähnlich dramatische Weise. „Sie war tot, als ich kam. Sie wurde erstickt, vermutlich kurz nach Mitternacht, als sie mir die Nachricht aufs Telefon gesprochen hat. Die haben es mit ihrem Asthmainhalator gemacht, der hat ein Silikonmundstück, das Mund und Nase bedeckt. Man braucht ihn nur fest vors Gesicht zu pressen und das Ventil zu blockieren. Sie müssen es zu zweit gemacht haben, sie war stark wie ein Bär.“

Warum so viel auf dem Spiel steht? Der Leser erfährt von Susan, die als „Ich“-Erzählerin fungiert, dass die Kommissionsmitglieder nicht nur häufig richtig lagen mit ihren bereits in den frühen 1970er Jahren praktizierten Prognosen, die Intuition funktionierte sogar so gut, dass die Voraussagen außerordentlich genau und präzise waren. Da auch ein „globaler Zusammenbruch“, das Ende der Demokratie in Dänemark, von ihnen vorausgesagt wurde, besteht also ein echter Handlungsbedarf. Alle Einwohner des Landes wird man aber nicht retten können. Eine Auswahl ist nötig, Evakuierung und strikte Geheimhaltung. „Jetzt entfalten sich die apokalyptischen Szenarien, jetzt brechen die biologischen Systeme zusammen. Es gibt keinen denkenden Journalisten mehr, der das nicht weiß, keinen Politiker, keinen Forscher. Aber es darf nicht gesagt werden, es wird nicht erhört.“

So ironisch, anschaulich und gekonnt Hoeg die Handlung beschreibt und seine Heldin samt Familie durch immer neue Gefahrenpunkte führt, man hat das Gefühl, dass dem Roman eine klare, übersichtliche Struktur fehlt. Die böse Gegenseite wird nicht richtig greifbar, bleibt nebulös. Zudem durchläuft die Heldin keine richtige Wandlung. Die von Anbeginn belastete Ehe mit Laban findet – wie überhaupt der ganze Spannungsplot – kein richtiges Happy-End. Stattdessen bietet sich ihr ein neuer, wenig jüngerer Liebhaber an, der als solcher wenig glaubwürdig wirkt. Auch das Verhältnis der Heldin zu den Eltern bleibt an der psychologischen Oberfläche. Die seelischen Traumata werden nicht gelöst. Der Showdown zwischen Insel und Hubschrauber wirkt überfrachtet. Und, wie darf man diese Worte verstehen? „,In dieser ganzen Geschichte hattet ihr eigentlich nie eine große Bedeutung, Susan. Ein einzelner Mensch oder eine Familie bedeutet rein gar nichts. Aber das kann sich als Vorteil herausstellen. Die Stürme, die gerade toben, betreffen in erster Linie diejenigen Leute, die aus der Masse herausragen.‘“

Ein großer Wurf ist der neue Roman von Peter Hoeg also nicht, aber er hätte einer werden können, weil die Themen, die er behandelt, die Krise eines modernen europäischen Staates, die mysteriösen Wirkweisen des Geheimdienstes und die Verquickung von Kunst und Wissenschaft mit allen dazugehörigen übernatürlichen Nebenwirkungen sicherlich auf Leserinteresse stoßen.

Peter Hoeg: Der Susan-Effekt. Hanser Verlag, München 2015, 400 Seiten, ISBN 978-3-446-24904-2, EUR 21,90