Germanicus fand auf dem Schlachtfeld Menschenopfer

Eine gelungene Darstellung des römischen Feldherrn, dessen Sohn dann Caligula hieß. Von Clemens Schlip

Im Jahre 15 nach Christus marschierte der römische Feldherr Germanicus in das rechtsrheinische Gebiet ein, das die Römer sechs Jahre zuvor geräumt hatten. Damals waren dort drei ganze Legionen unter der Führung des Statthalters Varus von den Germanen in einem Hinterhalt vernichtet worden (etwa 18 000 Mann). Anführer der Germanen war der Cheruskerfürst Arminius gewesen, der zuvor jahrelang als scheinbar treuer Verbündeter der Römer aufgetreten war. Der Schock in Rom über diese Niederlage war gewaltig gewesen. Nun, sechs Jahre später, ließ sich Germanicus von einigen der wenigen überlebenden römischen Legionäre zu dem Schlachtfeld führen. Noch immer lagen die Gebeine tausender gefallener Römer auf der Erde und noch immer sah man ringsum die Spuren der Menschenopfer, die die siegestrunkenen Barbaren nach der Schlacht mit ihren römischen Gefangenen veranstaltet hatten. Germanicus sorgte für eine würdige Bestattung der sterblichen Überreste und ließ einen Grabhügel errichten. In den folgenden militärischen Unternehmungen konnten die Römer zwar Rache nehmen – besonders gerieten die Frau und der Sohn des Arminius in Gefangenschaft –, zu einer dauerhaften Landnahme im Gebiet rechts des Rheins kam es aber nicht mehr.

Ein vom Museum in Kalkriese (dem mutmaßlichen Ort der „Varusschlacht“) herausgegebener Text- und Bildband nimmt das 2000-jährige Jubiläum des Rachefeldzuges des Germanicus zum Anlass, nicht nur die unmittelbaren Hintergründe der römischen Germanienpolitik zu beleuchten, sondern darüber hinaus auch einen Blick auf die durchaus bemerkenswerte Gestalt des Feldherren selbst zu werfen. Das lohnt sich. Denn Germanicus war als Adoptivsohn des Kaisers Tiberius (der wiederum war Stief- und Adoptivsohn des Augustus) eine wichtige Figur der römischen Innenpolitik, zumal er bei Armee und Volk wesentlich beliebter war als Tiberius selbst. Als er im Jahre 19 nach Christus auf einer Asienreise unter merkwürdigen Umständen verstarb, gab man daher recht rasch dem Tiberius und dessen Mutter Livia (der Witwe des Kaisers Augustus) die Schuld. Von politischen Intrigen geprägt war auch das Leben der Kinder und Enkel des Germanicus. Seine Frau und einer seiner Söhne starben unter Tiberius als politische Gefangene einen grausamen Hungertod. Sein Sohn Caligula wurde dann freilich Kaiser, wobei er sich als ausgemachtes Scheusal entpuppte. Ihm folgte auf dem Thron der Bruder des Germanicus, Claudius, ein talentierter Gelehrter, der mit schwerer körperlicher Behinderung zu kämpfen hatte. Mit einem Enkel des Germanicus, dem berühmt-berüchtigten Nero, fand das julisch-claudische Kaiserhaus dann sein Ende. Das im Einzelnen einigermaßen komplizierte Familiengefüge der Kaiserdynastie mit seinen vielen unerwarteten Todesfällen, Verwandtenheiraten und Adoptionen wird in dem Band gut erläutert. Neben derartigen Beiträgen mit historischen Hintergrundinformationen widmet der Band sich besonders den archäologischen Befunden, etwa den Spuren römischen Lebens in Germanien, aber auch den bildlichen Darstellungen des Germanicus, die Aufschluss über die politische Propaganda des Kaiserhauses geben. Mitunter verbinden sich die archäologische und die historische Betrachtungsweise auch. Instruktiv ist hier zum Beispiel der Beitrag, der sich der Frage nach dem genauen Ort der Varusschlacht widmet: Das ist eine Frage, die sowohl anhand der antiken Quellen wie anhand der archäologischen Funde von Kalkriese (etwa der Datierung der dort gefundenen Münzen) entschieden werden muss. Der Band bietet ein reiches Bild- und Kartenmaterial und macht dabei auch auf Aspekte aufmerksam, die nicht allgemein geläufig sind: etwa, wenn dem Leser ein Inschriftenstein aus Theben vor Augen gestellt wird, auf dem Kaiser Tiberius der altägyptischen Tradition gemäß als Pharao dargestellt ist.

Mit seiner großzügigen Bebilderung und seinem thematisch breit gespannten Spektrum stellt „Ich Germanicus“ eine gelungene Jubiläumspublikation dar und erinnert in angemessener Weise an eine bemerkenswerte Gestalt der römischen Geschichte.

Stefan Burmeister/Joseph Rottmann (Hrsg.): Ich Germanicus, Feldherr, Priester, Superstar. Theiss-Verlag, Darmstadt 2015, 112 Seiten, ISBN 978-3-8062- 3141-0, EUR 19,95