Gerechtigkeit als Gleichheit?

Die ARD-Themenwoche Gerechtigkeit (11. bis 17. November 2018) zeichnet ein egalitaristisches Konzept. Von Josef Bordat

In jedem Herbst gibt es seit einigen Jahren eine ARD-Themenwoche zu einem Kernkonzept aktueller gesellschaftlicher Debatten. Nach „Heimat“ (2015), „Arbeit“ (2016) und „Glaube“ (2017) ist es in diesem Jahr ein Schlüsselbegriff der Ethik und Politik: „Gerechtigkeit“.

Dabei wird Gerechtigkeit im Sendeprogramm zur Themenwoche vor allem sozial aufgefasst und in faktische Gleichheit überführt. Zwar ist ein bestimmtes Maß an Ungleichheit immer auch ungerecht, doch erschöpft sich der Begriff nicht in der Kennzeichnung von Lohndifferenzen und sonstigen ökonomischen Spannungen. Gerechtigkeit heißt auch und zunächst: Verfahrens-, Chancen- und Teilhabegerechtigkeit, also gleiche Chancen auf Teilhabe, gleiche Rechte, gleiche Würde – aber nicht, zumindest nicht als Zielgröße: Gleichheit. Gerade die Achtung von Differenz ist gerecht, wenn es um das gerechte Verfahren geht. Ein gleicher Anspruch auf einen Sitzplatz für junge Männer und ältere Frauen, für Behinderte und Nichtbehinderte, für Schwangere und Nicht-Schwangere – das wäre nicht gerecht. Das heißt: Es ist gerecht, das Gleiche gleich und das Ungleiche ungleich zu behandeln.

Schaut man sich das Glossar zur ARD-Themenwoche an, tauchen dort vor allem Begriffe aus dem Bereich des wirtschaftswissenschaftlichen Gleichheitsdiskurses auf: Medianeinkommen, Gini-Koeffizient, Äquivalenzeinkommen, Gender Pay Gap, Bedingungsloses Grundeinkommen. Auch in den Sendungen ging beziehungsweise geht es oft um Arm und Reich. „Echtes Leben – Wie viel soll ich Bettlern geben?“ (11.11.), „Ausgetrickst bei Miete, Einkommen und Rente“ (12.11.), „Paketfahrer: Ausgebeutet für den Online-Boom?“ (14.11.), „Arm trotz Arbeit – warum viele Frauen so wenig verdienen“ (15.11.). Gerechtigkeit ist hier die moralische Figur, die sozialen Gegensätze auszugleichen. Gerechtigkeit erscheint in erster Linie als soziale Gerechtigkeit, die für größtmögliche Gleichheit im Ergebnis sorgen soll. Das deckt sich zunächst durchaus mit der Gerechtigkeitsvorstellung der nachkonziliaren katholischen Morallehre, wie sie etwa in „Gaudium et spes“ (Nr. 29) vertreten wird: „Da alle Menschen eine geistige Seele haben und nach Gottes Bild geschaffen sind, da sie dieselbe Natur und denselben Ursprung haben, da sie, als von Christus Erlöste, sich derselben göttlichen Berufung und Bestimmung erfreuen, darum muss die grundlegende Gleichheit aller Menschen immer mehr zur Anerkennung gebracht werden.“ Doch eine Politik, die Gleichheit nicht als Folge von Gerechtigkeit betrachtet, sondern als Ziel direkt anstrebt, erzeugt unerwünschte Effekte und paradoxe Ergebnisse, welche die Absicht der politischen Handlungsprogramme konterkarieren, das heißt dafür sorgen, dass die Programme das Gegenteil dessen erreichen, was sie zu erreichen vorgeben – statt Gleichheit wird Ungleichheit erzeugt, statt Gerechtigkeit Ungerechtigkeit. Egalitaristen vertauschen Ursache und Wirkung im Wechselspiel von Gleichheit und Gerechtigkeit und verkennen dabei, dass die Forderungen der Gerechtigkeit absoluter Art sind und nicht relationaler. Am Konzept der Gleichheit, das ja auf dem Vergleich beruht, kann also nicht festgemacht werden, was als gerecht gelten soll. Im Gegenteil: Direkt angestrebte Gleichheit ist per se ungerecht, denn die Ungerechtigkeit besteht bereits darin, Gleichheit für das Maß der Gerechtigkeit zu halten.

Es ist gut, dass die ARD den Begriff der Gerechtigkeit eine Woche lang ins Zentrum des Programms stellt. Es ist weniger gut, dass sie ihn zu sehr auf soziale und ökonomische Fragen verengt. Die Religion als Stifterin von Gerechtigkeit spielt etwa nur ganz am Rand eine Rolle: „Was glaubt Deutschland – Die Gerechtigkeit und die Religionen“. Die Sendung lief am Montag, um 23.30 Uhr.