Cambridge

George Steiner ist in Cambridge verstorben

Gegen die Inflationierung der sekundären Welt: Der Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker George Steiner ist in Cambridge verstorben.

George Steiner
Ein großer Geist, dem die Berührung von Kultur und Metaphysik wichtig war: George Steiner (1929-2020). Foto: dpa

Was verbindet exzeptionelle Literaten wie Thomas S. Eliot, Emil Staiger, George Steiner und Botho Strauß? Es ist vornehmlich der kulturkonservative Habitus, der bei ihnen zu erkennen ist.

Der Schweizer Literaturwissenschaftler Staiger hat anlässlich der Verleihung des Literaturpreises der Stadt Zürich 1966 eine viel diskutierte Rede gehalten. Die dichterischen Traditionen von Homer über Vergil und Dante bis hin zu Leopardi und Rilke, denen er einen Sinn für Gemeinschaft und Humanität zuschreibt, kontrastierte er scharf mit den Lieblingen moderner Literatur: Zuhälter, Dirnen, Säufer und andere gestrandete Existenzen. Gutes, Wahres und Schönes müssten auch in der Gegenwart grundlegende Richtwerte sein.

In diesem zentralen Anliegen hat Staiger in dem Essayisten, Literaturwissenschaftler und Kulturtheoretiker jüdisch-österreichischer Abstammung, George Steiner, der lange in Oxford, Genf und an anderen Spitzenuniversitäten gelehrt hat, einen würdigen Nachfolger gefunden. Dieser rückte ebenfalls den ästhetischen Gehalt herausragender Kulturschöpfungen in den Vordergrund. Den Rang der Bibel und der Tragödiendichter, Shakespeares, Tolstojs und Dostojewskijs angemessen zu würdigen, schließt, wie er nicht müde wurde zu betonen, den Respekt vor Gegenwartskünstlern wie Paul Celan und Franz Kafka keineswegs aus. Kriterium großer Kunst ist für ihn die Verbindung mit dem Göttlichen und Zeitlosen. Es sei das „Privileg des Ästhetischen …, das Kontinuum zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit, zwischen Materie und Geist, zwischen dem Menschen und dem ,anderen‘ zu erleuchteter Gegenwart zu erwecken“, so Steiner. Dagegen grenzt er sich von der Dominanz der Endloskommentare und Anmerkungen ab.

Georg Steiner: Gegen das Kleingeistige, Unschöpferische

Mit dieser Haltung hat er sich naturgemäß nicht nur Freunde gemacht. Die Produzenten von Sekundärinterpretationen – und wer ist das nicht in der akademisch-journalistischen Welt? – sehen die Basis ihrer Arbeit bedroht. Steiner hat in mehreren Publikationen couragiert gegen alles Kleingeistige, Nachahmende und Unschöpferische Stellung bezogen – gegen all das, was die großen Kreativen ignoriert, so auch in dem Buch „Grammatik der Schöpfung“.

Es ist Steiners Verdienst, den Zusammenhang von Sprache und Transzendenzerfahrung gebührend herausgestellt zu haben. So heißt es in dem Werk „Von realer Gegenwart“, „dass jede logisch stimmige Auffassung dessen, was Sprache ist und wie Sprache funktioniert, dass jede logisch stimmige Erklärung des Vermögens der menschlichen Sprache, Sinn und Gefühl zu vermitteln, letztlich auf der Annahme einer Gegenwart Gottes beruhen muss.“ Wenn „Verstehen und Erwiderung möglich sind“, dann nur deshalb, weil wir „in Kunst oder Musik ... auf Transzendenz“ setzen. Diese „Alterität“ ist nie ganz einzuholen.

In Zeiten, in denen vornehmlich große Meister in kulturelle Symbolsysteme dekonstruiert werden, ist eine solche Sicht ausnehmend. Was der jüdisch-christliche Glaube bezüglich der Schaffung von Lebenssinn, Humanität und Kulturtradition leistete und leistet, hob der sich als unreligiös bezeichnende Gelehrte mehr als einmal hervor. Die poststrukturalistische „Sinnverabschiedungsdoktrin“ fand in ihm einen streitbaren Gegner. Sein Widerstand richtete sich weiter gegen die Psychoanalyse und gegen den Marxismus. Überblickt man Steiners publizistischen Werdegang, so fällt die große Relevanz der Sprache in seinem OEuvre sofort auf. In einer frühen Veröffentlichung („Sprache und Schweigen“) exponierte er die zentrale Bedeutung der Sprache für das menschliche Bewusstsein wie auch für einen aufgeklärten Humanismus. Immer wieder hat er diese Thematik aufgegriffen, so auch in der Schrift „Nach Babel“.

Wie verschieden ist seine Perspektive von der Hugo von Hofmannsthals, der seinen Helden im „Brief des Lord Chandos“ aussprechen lässt, „... die abstrakten Worte, deren sich die Zunge doch naturgemäß bedienen muss, zerfielen mir im Munde wie modrige Pilze“.

Jede Sprache erschließt eine eigene Welt

Jede Sprache erschließt für Steiner eine eigene Welt. In einem polyglotten Ambiente aufgewachsen, so schreibt Steiner in seinen Erinnerungen „Errata“, fiel es ihm leicht, sich auf Internationalität einzulassen. Früh emigrierte die Familie des 1929 geborenen Weltbürgers aufgrund des Antisemitismus nach Frankreich, kurz vor dem Eintreffen deutscher Truppen 1940 schließlich in die USA. Seine jüdischen Mitschüler in Frankreich überlebten bis auf eine Ausnahme den Holocaust nicht.

Nach 1945 hielt er sich lange Zeit in England, aber auch in der Schweiz auf. In seiner Autobiografie blitzt immer wieder seine Begeisterung für die großen Texte der Weltliteratur, allen voran die Epen Homers, auf. Gleiches gilt für große Werke der Musik und bildenden Kunst. Ambivalenzen charakterisieren sein Denken. Manch einer hat ihm seine Einstellung gegenüber Israel verübelt. Einerseits sei es ein „unentbehrliches Wunder“, wie es in „Errata“ heißt, andererseits ein Ärgernis. Dieser Zwiespalt beschäftigte Steiner dauerhaft.

Niemand weiß, was vom Werk Steiners, des Meisters in Kunstbetrachtung und literarischer Gelehrsamkeit, bleiben wird. Zu wünschen ist, dass seine „Ästhetik der Anwesenheit“ (Botho Strauß) ein Vademecum für viele jüngere Wissenschaftler wird, die in seine Fußstapfen treten wollen. Einen Intellektuellen wie Steiner sucht man in den heutigen Landschaften der Geisteswissenschaften vergeblich.

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