Gemeinsam das Unmögliche schaffen

„Mit ganzer Kraft“: Über Hürden, die im Sport, aber auch in einem gestörten Vater-Sohn-Verhältnis zu überwinden sind. Von José García

Um am Ironman France teilzunehmen, müssen Paul Amblard (Jacques Gamblin) und sein 17-jähriger, körperbehinderter Sohn Julien (Fabien Héraud) auch mit einem Spezialfahrrad lange trainieren. Foto: polyband/Guy Ferrandis
Um am Ironman France teilzunehmen, müssen Paul Amblard (Jacques Gamblin) und sein 17-jähriger, körperbehinderter Sohn Ju... Foto: polyband/Guy Ferrandis

Mit 17 hat man noch Träume, sang Peggy March Mitte der sechziger Jahre. Ein halbes Jahrhundert später: Der 17-jährige Julien Amblard (Fabien Héraud) hat noch einen Traum: An einem Ironman-Rennen teilzunehmen. Wie soll aber ein von Geburt an körperlich Behinderter, im Rollstuhl Sitzender den aus 3,8 Kilometer Schwimmen, 180 Kilometer Radfahren und 42,195 Kilometer Laufen bestehenden Triathlon schaffen? Einen Präzedenzfall im realen Leben gibt es wohl: Das aus Vater Dick und Sohn Rick bestehende „Team Hoyt“ aus den Vereinigten Staaten hat seit 1977 an unzähligen Rennen, einschließlich Marathonläufen und Ironman-Triathlons, teilgenommen. Videoausschnitte etwa aus einem Hawaii-Ironman können im Internet auf YouTube abgerufen werden.

In Nils Taverniers Spielfilm „Mit ganzer Kraft“ („De toutes nos forces“) steht bei Familie Amblard dem Vorhaben allerdings nicht nur ein physisches, sondern insbesondere auch ein psychisches Hindernis entgegen. Juliens Vater Paul (Jacques Gamblin) ist zwar nicht besonders trainiert, aber er war einmal ein passabler Leichtathlet, wie Julien den Zeitungsausschnitten entnehmen kann, die er eines Tages in der Garage des Hauses findet. Schwieriger zu überwinden ist eine andere Hürde: Paul geht seinem Sohn Julien in beinahe pathologischer Manier aus dem Weg. Offensichtlich hat er sich nie mit Juliens Behinderung abfinden können. Nachdem Paul seinen Job als Wartungsingenieur für Skilifte verloren hat, steigt die Spannung im Hause Amblard ins Unerträgliche. Paul ertrinkt in Selbstmitleid und redet kaum ein Wort. Die Versuche seiner Frau Claire (Alexandra Lamy), mit ihm zu reden, enden immer im Streit. Nicht einmal die älteste Tochter Sophie (Sophie de Fürst), die nicht mehr zu Hause wohnt, schafft es, zwischen den Familienmitgliedern zu vermitteln. Dazu kommt, dass Julien wie jeder andere 17-Jähriger auch gerne einmal gegen die Eltern rebelliert.

Paul weigert sich, überhaupt darüber zu reden, als Julien ihm vorschlägt, an dem nächsten Sommer in Nizza stattfindenden Ironman France teilzunehmen. Julien reagiert auf diese schroffe Absage, indem er im Rollstuhl von zu Hause einfach abhaut. Als er nach einer stundenlangen Suchaktion an einer Autobahntankstelle aufgegriffen wird, begreift Paul endlich, wie wichtig dieses Rennen seinem Sohn ist. Nun muss eine letzte Hürde genommen werden: Die Zulassungskommission verweigert Julien die Teilnahme. Doch sie hat nicht mit dessen Hartnäckigkeit gerechnet: Zusammen mit seinem besten Freund Yohan (Pablo Pauly) macht sich Julien auf den Weg zur Rennleitung.

Regisseur und Mit-Drehbuchautor Nils Tavernier inszeniert „Mit ganzer Kraft“ nicht nur als Sport-, sondern auch als Familiendrama. Im ersten Film-Drittel dreht sich die Handlung vorwiegend um die Probleme innerhalb der Familie, die aus dem Nicht-Akzeptieren von Juliens Behinderung seitens seines Vaters Paul herrühren. Erst im zweiten Akt folgt die Vorbereitung auf das Rennen. Neben dem Training muss sich Paul auch um technische Details kümmern, etwa um ein Fahrrad, an dem er seinen Sohn festschnallen kann. Kameramann Laurent Machuel fängt bei den Trainingseinheiten großartige Landschaftsaufnahmen der französischen Alpen ein. Machuel fotografiert aber auch die Trainings- und später die Wettbewerbssequenzen sehr nah an den Darstellern mit entsprechendem Rhythmus, der Spannung schafft. Neben einem feinen Humor, der sich durch den ganzen Film zieht, trägt auch die insgesamt zurückgenommene Musik von Bardi Johannsson zur leichtfüßigen Inszenierung entscheidend bei.

Im letzten Film-Drittel erlebt der Zuschauer den Triathlon, angefangen beim Sprung der wohl mehreren hundert Teilnehmer ins Wasser. Auf die Wettbewerbssequenzen bezieht sich wohl die Bemerkung der deutschen Film- und Medienbewertung Wiesbaden (FBW) bei der Verleihung des Prädikats „besonders wertvoll“: „Partiell entsteht hier ein Dokudrama mit vielen Szenen, in denen man Realität und Gespieltes, Wahres und Inszeniertes kaum unterscheiden kann.“

Der körperbehinderte Fabien Héraud gestaltet Julian mit großer Glaubwürdigkeit. Der Zuschauer sieht ihm förmlich die Freude und den Spaß nicht nur beim Wettbewerb an. Neben der schauspielerischen imponiert auch die sportliche Leistung von Jacques Gamblin, der inzwischen zu den gefragtesten französischen Darstellern gehört. Zwar folgt „Mit ganzer Kraft“ dem dramaturgischen Aufbau eines Sportlerfilms – augenzwinkernd wird hier auf „Rocky“ verwiesen als sich während der Vorbereitungen Paul und Julien gemeinsam diesen klassischen Film über den Underdog anschauen, der gegen jede Chance beweisen will, was in ihm steckt. Taverniers Film berührt jedoch den Zuschauer, weil er ohne Pathos von der großen Kraft und Hingabe eines Vaters erzählt, der über sich hinauswächst, um die geforderten sportlichen Leistungen zu erbringen.

Das abgegriffene Prinzip des „gemeinsam sind wir stark“ erhält eine neue Sicht durch die Liebe des Vaters zu seinem behinderten Kind, aber auch des Kindes zu seinem entfremdeten Vater. Denn „Mit ganzer Kraft“ handelt nicht nur von sportlichen Leistungen, von den Hürden, die es zu überwinden gilt – zutreffend heißt der Filmuntertitel auf Deutsch „Hürden gibt es nur im Kopf“. Nils Taverniers Film handelt auch von den Hürden, die Vater und Sohn gemeinsam nehmen müssen, um ein gestörtes Vater-Sohn-Verhältnis zu heilen.