Geheimnisvolle Zeichen und Zirkel

Burkhardt Gorissen nimmt den Leser in „Der Viehhändler von Dülken“ mit auf einen vielschichtigen religiösen Bildungsweg. Von Stefan Meetschen

Schöne Landschaft, rätselhafte Menschen: Kopfweide am Niederrhein. Foto: IN
Schöne Landschaft, rätselhafte Menschen: Kopfweide am Niederrhein. Foto: IN

Als „historischer Kriminalroman vom Niederrhein“ wird Burkhardt Gorissens („Teufels Brüder“) neues Opus, „Der Viehhändler von Dülken“, vom Verlag vorgestellt – und das ist so richtig wie falsch, denn obwohl die Handlung des Romans zweifellos am Niederrhein spielt, nämlich in dem Städtchen Dülken und seiner Umgebung bis hin nach Maastricht und Hamburg, und man als Leser in allerlei rätselhafte kriminelle Geschehnisse am Rand des Dreißigjährigen Krieges hineingezogen wird, welches sich mit der typischen Derrick-Frage, „Wer hat das wie warum getan?“ bündeln lassen, steckt in diesem 284-Seiten-starken Buch doch mehr als nur bloße Spannungs- und Nerven-Unterhaltung – man kann Gorissens Text auch als subtilen Bildungsroman interpretieren.

Erzählt aus der Sicht des mehr oder weniger genialen, bildungsbeflissenen Viehhändler-Sohns Tillmann Swart, der nicht nur von dem Wunsch beseelt wird, eine Flugmaschine zu konstruieren (was ihm lehrreiche Begegnungen mit dem General Jan von Werth beschert), sondern der darüber hinaus auch eine Reihe von Mentoren durchläuft, die ihm wichtige weltanschaulich-spirituelle Impulse geben. Nicht unwichtig, gerade zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges, der bekanntlich keine reine Werbeveranstaltung für den Glauben war – weder für den katholischen, noch für den protestantischen.

So überrascht es nicht, dass der katholische Jugendliche Swart, der bei seinem bodenständig-materialistischen Vater Henricus nur auf wenig Gegenliebe für philosophische Reflexionen stößt („Möge dir der Heilige Geist lieber mehr Verstand geben, als sich etwas völlig Unnützes zu wünschen, Tillmannchen“), zunächst ein aufmerksamer Schüler seines dicken Onkels Job Opgenrijn wird, der in Dülken als Küster, Lehrer und freier Geist fungiert. An Tillmann Swarts Talent hat der Onkel keine Zweifel. Tillmann selbst auch nicht. „Ich konnte nicht nur schöne Gedichte schreiben, ich verstand mich auch aufs Rechnen und konnte außerordentlich gut zeichnen, wobei ich vorwiegend Vögel mit ausgebreiteten Flügeln zeichnete, eine Perspektive, die meinem Onkel teuflisch vorkam.“ Wie überhaupt Onkel Job („Heilige Mutter, bewahre uns vor Teufeleien aller Art“) eine große Sensibilität für dämonische Präsenzen und übersinnliche Aktivitäten besitzt – was ihn aber nicht davon abhält, selbst einem geheimnisvollen Zirkel, der sogenannten Dülkener Narrenakademie, anzugehören. Einer Loge für die honorigen Männer der Stadt: „Schöffen und Zunftmeister, ehemalige Studiosi und betuchte Kaufleute“. Eigentlich der ideale Rotary-Club für den karrierebewussten Swart senior, doch der ist bereits mithilfe seines Kontakts zu einem geheimnisvollen spanischen Hauptmann dabei, seine Schäfchen ins Trockene zu bringen. Wobei es jedoch offensichtlich auch nicht ganz ohne dunkle Machenschaften in der unsichtbaren Welt abläuft. Insgesamt spürt man, dass Gorissen, der 1958 in Dülken zur Welt kam, katholisch erzogen wurde und nach einer Zeit als Freimaurer in leitender Position durch die Begegnung mit Papst Benedikt XVI. beim Weltjugendtag 2005 in Köln zurück zur Katholischen Kirche fand, einige weniger helle (aber vielleicht doch erhellende) autobiographische Erfahrungen im literarischen Rahmen kreativ abgearbeitet hat. Wozu vermutlich auch die Begegnung Tillmann Swarts mit seinem Mentor, dem erfolgreichen Kaufmann Samael Knorr in Maastricht zählt. Denn dieser Knorr behandelt Tillmann, der stets auf seine innere Freiheit Wert legt, nicht nur wie einen Sohn, er lehrt ihn auch wichtige ethische Regeln, die auch heute im Zeitalter des Kapitalismus, der tötet, Beachtung verdienen. „Übervorteile niemanden, denn es fällt auf dich zurück!, zweitens: Habe immer das Ganze im Auge. Der Gewinn ist dazu da, das Glück der Menschen zu mehren. Nur wenn es anderen gut geht, geht es auch dir gut, drittens: Alles, was du besitzt, ist nur geliehen, du nimmst nichts mit ins Grab, sei deshalb mildtätig, wo immer es nötig ist!“

Beim Eremiten blitzt der wahre christliche Geist auf

Da Tillmann Swart seine Sache gut macht, steigt er nicht nur zum Vorsteher des Knorrschen Kontors auf, er erhält auch Zutritt zum inneren Kreis derjenigen Wissenschaftler und Weltbürger, die sich regelmäßig an Knorrs Kamin wärmen: So lernt Tillmann Swart, das Genie vom Niederrhein, ganz unverkrampft René Descartes kennen, der sich von Leiden aus nicht zu schade für einen Abstecher nach Maastricht ist. Swarts Theorien zum Fliegen gefallen ihm und auch das meditative Rosenkreuzer-Handwerk, das Swart bei Knorr gelernt hat: die Konzentration auf einen Punkt, die Erforschung des Goldenen Schnitts. Zeigt sich in diesen Exerzitien doch der Wille, Religion und Wissenschaft in Harmonie zu verbinden. Zum Wohle des Menschen, beseelt vom Geist der Toleranz. Werte, die auch in der Gegenwart, im Gegensatz zu dem unkontrollierten religiösen Fanatismus des 17. Jahrhunderts, immer mehr Gültigkeit besitzen. Doch man ahnt: die wesentliche Bildung, nämlich die des Herzens, erfährt der heranwachsende Tillmann Swart bei seinem dritten Mentor, Jacobus, dem Eremiten von Dülken, in das er am Ende des Romans zurückkehrt. Jacobus will, typisch Eremit, nicht lehren und predigen, sondern sich lediglich „schweigend der Stimme Gottes“ öffnen. Ein paar Ratschläge hat er für Tillmann aber doch. Nämlich, sich vor der Gier zu hüten, die das Leben vieler Menschen versklavt, und ruhig zu werden in der Einsicht, dass Gott „tiefer und wahrer als wir“ ist. „Die Übungen, die er mich lehrte, fingen beim Atmen an. Ich lernte hinzuhören und merkte, wie langsam durch das Schweigen ein Raum für innere Stille geschaffen wurde, und ich meinem inneren Wesen näherkam, das von vielen Schalen, die aus Angst und Gleichgültigkeit bestanden, verborgen lag. (…) Als Nächstes lehrte der Eremit mich das Jesusgebet.“ Verbunden mit dem Hinweis „Achte deinen Nächsten als dich selbst.“

Es ist dieses „Allos ego“ (Du bist ich), das Burkhardt Gorissens Kriminalroman, der mehr ist als ein historischer Kriminalroman vom Niederrhein, wie ein metaphysisches Leitmotiv durchzieht. Begleitet von geheimnisvollen Skorpion-Stichen und anderen rätselhaften Erscheinungen, die das Buch zu einem packenden Lesestoff machen und den Niederrhein, dessen Atmosphäre Gorissen gekonnt einfängt, auf subtile Weise in Literatur verwandeln. Ein Buch, das anregt, tiefer über das Leben nachzudenken. Über alles, was zwischen Himmel und Erde, Himmel und Hölle geschieht. Auch heute noch – und nicht nur am Niederrhein.

Burkhardt Gorissen: Der Viehhändler von Dülken. KBV Verlag, 2014, 284 Seiten, ISBN 978-3-95441-189-4, EUR 9, 50