Gefährdeter Zusammenhalt

Die Polarisierung beim Themenkreis Ehe, Familie und Kinder nimmt zu. Von Jürgen Liminski

Plakat "Love Island"
RTL verspricht irgendwas zwischen heißen Flirts und wahrer Liebe. Ob letztere im polyamorösen Gebagger gefunden wird? Foto: dpa
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RTL verspricht irgendwas zwischen heißen Flirts und wahrer Liebe. Ob letztere im polyamorösen Gebagger gefunden wird? Foto: dpa

Am 20. September ist der Tag des Kindes, der Weltkindertag. In vielen Medien wird man die Rechte des Kindes einfordern, in linksliberalen wird vor allem mit Nachdruck verlangt werden, dass diese Rechte in der Verfassung verankert werden. Grundsätzlich und faktenbasiert wie demnächst auf der Tagung der Görres-Gesellschaft am 28./29.9. in Bamberg wird das Thema nur selten dargestellt und durch Wiederholung werden Fehler nicht besser. In einigen wenigen Medien wird man auch an das Lebensrecht der Kinder erinnern und auf den Marsch fürs Leben am kommenden Samstag in Berlin hinweisen. Dieser Marsch und die zu erwartenden hasserfüllten Schreie am Rande (subventioniert von Grünen und SPD) sind ein Beispiel für die Polarisierung der Gesellschaft in den letzten Jahren beim Thema Familie, Kind, Ehe. Diese Polarisierung findet vor allem in den Köpfen statt und sie geht schleichend vonstatten. Auf der einen Seite wird die natürliche Realität von Familie (Vater, Mutter, Kind-er) verteidigt, auf der anderen wird versucht, diese Realität zu zersetzen oder durch andere Lebensformen zu ersetzen.

Einige wenige Beispiele und Zahlen machen das deutlich: Trotz hoher medialer Aufmerksamkeit stehen den rund 18 Millionen Ehen in Deutschland gerade mal 53 000 eingetragene Partnerschaften gegenüber, das ist noch nicht einmal ein halbes Prozent. Dennoch wird über dieses knappe halbe Prozent unvergleichlich mehr geschrieben und gesendet als über die normale Ehe. Oder: Die Zahl der Scheidungen geht seit 2011 kontinuierlich zurück und liegt für das vergangene Jahr bei 153 000. Niedriger war die Zahl nur 1992 mit 135 000 Scheidungen. Der höheren Stabilität der Ehen entspricht auch die Steigerung der durchschnittlichen Ehedauer, bei den Geschiedenen beträgt sie jetzt 15 Jahre. Auch darüber wird kaum berichtet. Dagegen lebt von den Helden der Nation, den Tatort-Kommissaren, keiner in einer halbwegs intakten Beziehung, geschweige denn normalen Familie.

Auch in den Fernsehfilmen wird die Ehe als obsolet und realitätsfremd dargestellt. Vorige Woche durften die deutschen Fernsehzuschauer in dem Streifen „Urlaub mit Mama“ die ehe- und familienfeindlichen Methoden beobachten. Mit Humor wird die Unmöglichkeit des dauerhaften Ehe-und Familienlebens präsentiert und als „kleines, spießiges Konzept von Vater, Mutter, Kind“ bezeichnet. Schließlich verlangt der eigene Sohn, den die permanent betrogene Mutter emotional schützen möchte, von eben dieser Mutter „Klarheit“. Wer kann schon gegen Klarheit sein? Also macht die Mutter Schluss mit der Ehe und dem angeblich kleinen, spießigen Konzept von Vater, Mutter, Kind. Ähnlich geht es zu bei den TV-Serien. Eine der beliebtesten ist die Ärzteserie „In aller Freundschaft“, die in der Sachsenklinik in Leipzig spielt. Natürlich gibt es auch hier kaum eine dauerhafte Ehe. Es geht immer um das Wohlfühlen, nicht um Lebensprinzipien. So ist Abtreibung eine Option wie das Austragen des Kindes und gleichgeschlechtliche Beziehungen so selbstverständlich und normal wie alle anderen.

Dieses individuelle Wohlfühlen wird in dem Fernsehformat „Frau TV“ auf die Spitze getrieben. Unter dem Titel „Polyamorie – Mama, Papa und die anderen – In der Galaxie der Liebe“ wird erklärt: „Mama ist mit Rainer zusammen und mit Papa. Rainer ist mit Yvonne, Karin und meiner Mutter zusammen. Und Sascha mein Papa ist auch noch zusammen mit der Sandra“ – das erklären die beiden kleinen Geschwistermädchen, während sie den dazugehörigem „Familienstammbaum“ malen. Birgit Kelle schreibt in ihrem Newsletter dazu: „Wir sehen ihre Eltern, die sich zu viert mit anderen im Bett zusammenkuscheln und hören glückliches Kinderlachen. Perfider habe ich schon lange nicht mehr die Instrumentalisierung von Kindern erlebt, um sie für neue Konstellationen von Familienformen und die sexuellen Bedürfnisse ihrer Eltern werben zu lassen.“

In diesen Serien und Filmen geht es gegen die Ordnung der Natur. Das Wohlfühlen verträgt sich halt nicht immer mit der schlichten Erkenntnis Guardinis: Aus dem Sein erwächst ein Sollen. Das Sollen wird ganz in das Belieben der handelnden Personen gestellt und damit auch das Sein, beziehungsweise die Verneinung des Seins. Das war früher nicht so krass dargestellt. Erschreckend deutlich wird das bei einem Vergleich, den die Süddeutsche Zeitung vor ein paar Wochen mit Bezug auf einen Spiegel-Artikel vor gut einem Jahr und einer dazugehörigen Studie anstellt. Was ist umweltfreundlicher: Ein Auto oder ein Baby? Bei den Möglichkeiten, die Umwelt zu schützen rechnen diese linksliberalen Leitmedien vor: „Eine US-amerikanische Familie, die auf ein Kind verzichtet, spart genauso viel Emissionen ein wie 684 Teenager, die für den Rest ihres Lebens strikt recyceln". Ein Kind weniger, das entspricht in der Studie dem Einsparen von 58,6 Tonnen Kohlendioxid im Jahr. Ohne Auto leben: 2,4 Tonnen jährlich. Recyceln: weniger als 0,2 Tonnen jährlich. Um diese Zahlen besser einzuordnen heißt es weiter: „Ein US-Amerikaner ist laut der Studie im Jahr für rund 16,4 Tonnen CO2-Ausstoß verantwortlich, bei einem EU-Bürger sind es 6,7 Tonnen pro Jahr. Dass man durch den Verzicht auf ein Kind mehr CO2 einsparen kann, als man überhaupt produziert, liegt an der zugrunde liegenden Berechnung in einer älteren Studie: Diese zieht nämlich nicht bloß die Emissionen des Kindes, sondern auch die seiner potenziellen Nachfahren mit ein – und so kommt es, dass eine US-Amerikanerin sich für jedes Kind ein CO2-Vermächtnis anrechnen müsste, das ihren tatsächlichen Ausstoß im Laufe ihres Lebens fast ums Sechsfache übersteigt“. So kann man mit einem Streich zu dem Baby-Bashing auch gleich noch ein wenig Amerika-Bashing betreiben.

Das Kind als Klimasünde in einer Reihe mit Auto, Flugreise und Steak – und gleichzeitig noch viel schlimmer als die anderen drei zusammen – das ist nicht nur modernes Malthus-Denken, es zeigt auch den Grad der menschlich-geistigen Dekadenz. Das erinnert an die Gerichtsurteile, in denen das Kind als Schaden beurteilt wurde oder auch an das Bundessozialgericht, das im Juli 2006 Kindererziehung als schädlich für die Rentenversicherung erklärte. Aber dass Kinder auch schädlich für den Umweltschutz, die neue Ersatzreligion, sind, das ist eine neue Kategorie des Egoismus. Neu ist die Studie, auf die sich die linksliberalen Blätter beziehen, keineswegs und man fragt sich, warum die Süddeutsche dieses Thema neu auflegt. Ist man besorgt, dass es derzeit wieder ein paar tausend Geburten mehr gibt? Befürchtet man, dass ein Mehr an Sozialtransfers den alternden 68ern die Rente schmälern könnte? Will man mit dem Vorschlag des Kinderverzichts seine Wochenend-Flugreisen, die fetten Autokarrossen und Grillparties oder überhaupt den Lebensstil rechtfertigen? Man weiß es nicht. Sicher ist nur: die Polarisierung zwischen gewollt Kinderlosen und Familienmenschen, zwischen Meinwohl und Gemeinwohl schreitet voran. Sie wird durch viele Medien beschleunigt. Die Kluft zeigt sich am Kind. Für den Zusammenhalt der Gesellschaft und die Zukunft der Kinder sind das keine guten Aussichten. Daran werden auch Weltkindertage nichts ändern. Ändern könnte das nur ein Bewusstseinswandel in Politik und Medien, der den Menschen nicht nur als Konsument und Umweltfaktor sieht, sondern auch auf sein geistiges Potenzial und überhaupt auf mehr Geist und Menschlichkeit setzt.

 

 

Veranstaltung: Kongress der Kinderreichen

(DT/lim) Am 29. September findet im Augustinerkloster Erfurt (Augustinerstraße 10, 99084 Erfurt, Tel: 0361 576600) der jährliche Kongress des Verbands kinderreicher Familien in Deutschland statt. Es ist der fünfte Familienkongress des Verbandes und er steht unter dem Motto „Neue Wege der Vereinbarkeit“. Er sieht auch eine Diskussionsrunde vor, bei der unter anderem die Bundestagsabgeordneten Martin Patzelt (CDU) und Thomas L. Kemmerich (FDP) sowie die Unternehmensvertreter Olav Guttzeit (Boehringer Ingelheim Pharma), Adelheid Sailer-Schuster (Santander Consumer Bank) und Dr. Tanja zu Waldeck (Burda Forward) ihre Sicht der Dinge darlegen werden. Den Hauptvortrag halten Diana Schwarz und Hanna Meyerding von „Einfach Eltern“ zum Thema „Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Utopie oder Kinderspiel“.

Der Verband kinderreicher Familien Deutschland e. V. (KRFD) entstand im Jahr 2011 aus der Initiative engagierter kinderreicher Familien, er vertritt 1,2 Millionen kinderreiche Familien in Deutschland und setzt sich in Politik, Wirtschaft und Medien für deren Interessen ein. Der Verband versteht sich als Netzwerk von Mehrkindfamilien, die sich untereinander unterstützen und die Öffentlichkeit für ihre Anliegen erreichen wollen. Er ist konfessionell ungebunden und überparteilich.

Weitere Informationen unter www.kinderreichefamilien.de