Fußball ist unser Leben

Am Freitag startet die Fußball-Bundesliga mit dem Spiel Wolfsburg gegen Stuttgart in die neue Saison. Schlagzeilen schreibt derweil anderes: Muslime sehen sich vom Vereinslied des FC Schalke 04 in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Endlich müssen die Deutschen einsehen, dass Fußball nicht die herrlichste Nebensache der Welt ist, sondern mehr, viel mehr.

Fußball ist beileibe nicht die herrlichste Nebensache der Welt, wie manche Nostalgiker angesichts seiner Kommerzialisierung seufzen und Fußballignoranten angesichts der Aufmerksamkeit, die ihm zuteil wird, gerne abwinken. Fußball ist herrlich. Das stimmt. Aber er ist alles andere als eine Nebensache. Er ist eine durch und durch ernste Hauptsache.

Ökonomisch betrachtet sowieso. Allein 94 Millionen Euro bezahlte in diesem Sommer der spanische Club Real Madrid für den portugiesischen Nationalspieler Christiano Ronaldo an Manchester United. Das ist der bisherige Rekordtransfer in der Geschichte des Profifußballs. Der dreißigköpfige Kader von Real Madrid besitzt aktuell einen Marktwert von rund 565 Millionen Euro. Zum Vergleich: Die rund 8,7 Millionen Einwohner des afrikanischen Landes Burundi stellten vor drei Jahren Güter und Dienstleistungen, das sogenannte Bruttoinlandsprodukt, für knapp 627 Millionen Euro her – eine einzige der teuersten Fußballmannschaften der Welt bringt beinahe soviel Kapital auf die Beine wie eine einzige Nation der ärmeren Länder der Welt. Das lässt sich als dekadent werten, als absurd, als Ausweis der moralischen Verfassung dieser Welt, und diese Wertung besitzt einigermaßen Vernunft und Wahrheit – aber es ist eine Tatsache. Fußball ist nicht die herrlichste Nebensache der Welt.

Fußball ist politisch: Ob 1954 in Bern oder 1974 in der DDR

Und wo das Geschäft so dicke Gewinne abwirft und soviel Geld zu verdienen ist, da lauert auch Menschenhandel und organisierte Kriminalität. Spieler wie Didier Drogba von Chelsea London, der von der Elfenbeinküste stammt, sind Vorbilder für die Kinder in Afrika – und skrupellose Spielervermittler nutzen dies aus, locken die jungen Talente mit großen Versprechungen von den Bolzplätzen nach Europa, kassieren dafür gute Handgelder, und nur ein Bruchteil dieser jungen Spieler setzt sich tatsächlich durch – die meisten fristen bei Dritt- oder Viertligisten irgendwo in Frankreich, Belgien oder Russland ein mehr als kärgliches Dasein. „In Europa angekommen, trainieren die afrikanischen oder südamerikanischen Jugendlichen in meist kleinen Vereinen. Wenn sie es nicht schaffen, einen Vertrag an Land zu ziehen, verlieren sie häufig ihr Visum, ihr Geld und schließlich ihre Agenten. Fern vom Leben eines gefeierten Fußballstars finden sie sich unter Umständen komplett auf sich selbst gestellt wieder.“ So fasste der ehemalige Profifußballer Jean-Claude Mbvoumin aus Kamerun in einer Anhörung vor drei Jahren zum Thema „Sport und Bildung“ im Europa-Parlament das Problem zusammen. Mbvoumin engagiert sich für solche Jugendliche im Rahmen der Nichtregierungsorganisation „Culture Foot Solidaire“. Auch das ist alles andere als nebensächlich.

Aber auch politisch ist Fußball beileibe keine allein herrliche Nebensache. Dass die „Helden von Bern“ beispielsweise 1954 in der Schweiz mit dem legendären 3:2 gegen Ungarn Fußball-Weltmeister wurden, bezeichnen Historiker nach dem Grundgesetz und der Wahl Konrad Adenauers zum ersten Bundeskanzler 1949 als eine Art dritten Akt der Staatsgründung der Bundesrepublik Deutschland – nur weniges hat zur Identität der jungen Republik und dem Selbstbewusstsein ihrer Bewohner so viel beigetragen wie dieser Titel. Der Sieg der DDR 1974 dann in der Vorrunde der Fußball-Weltmeisterschaft gegen eben diese Bundesrepublik mit dem goldenen Tor des Magdeburgers Jürgen Sparwasser – das war alles andere als eine unpolitische Angelegenheit. Für die offizielle DDR bedeutete es einen Sieg des Sozialismus über den Kapitalismus, wie der Sport gerade im deutsch-deutschen Verhältnis vor 1989 immer schon politisch hochgradig aufgeladen war. Diese Politik hat ihre Opfer gefordert, auch im Fußball. Lutz Eigendorf von Dynamo Berlin etwa, dem Club des damaligen Stasi-Chefs Erich Mielke, blieb nach einem Gastspiel seines Vereins in der Bundesrepublik im Westen – aus der Sicht Mielkes „Landesverrat“ und ein „Verbrechen“. Eigendorf, der beim 1. FC Kaiserslautern und Arminia Bielefeld in den achtziger Jahren erfolgreich in der Bundesliga seine Tore schoss, verunglückte noch vor der Wende mit seinem Auto unter mysteriösen Umständen tödlich. Alle Indizien deuten darauf hin, dass es sich um einen Mord der Stasi handelt.

Auch der Fußballtrainer Jörg Berger erlebte den langen Arm der Stasi, wie er in seinem jüngst erschienenen Buch „Meine zwei Halbzeiten“ schildert. Der frühere Spieler von Lok Leipzig und Trainer der Nachwuchs-Auswahlmannschaft der DDR nutzte 1979 einen Aufenthalt im damaligen Jugoslawien, um in den Westen zu flüchten. Im Westen war er lange Jahre als Trainer erfolgreich. Berger hat seine Stasi-Akte eingesehen. Und er ist sich sicher: Als Trainer Mitte der achtziger Jahre von Hessen Kassel überlebte er einen Giftanschlag des Schutz und Schildes der DDR, der Stasi. Das war keine Nebensächlichkeit.

Ökonomisch, politisch – auch kulturell spielt der Fußball oftmals an der vordersten Front, wobei sich Ökonomie, Politik und Kultur gerne verknäueln. Was der Fußball beispielsweise für die Integration von Migranten und den sogenannten Gastarbeiterkindern in der Bundesrepublik geleistet hat, ist augenscheinlich. Die Mannschaft der unter 23-Jährigen des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) sind in diesem Sommer Europameister geworden: Der Großteil des Teams sind Spieler, von denen entweder ein Elternteil kein Deutscher oder keine Deutsche ist, als Kinder der sogenannten Gastarbeiter in deutschen Städten bolzten und später die deutsche Staatsbürgerschaft angenommen haben, oder die als Kinder von Aussiedlern aus dem Herrschaftsbereich der früheren Sowjetunion und Osteuropa nach Deutschland kamen. Für sie war der Fußball der Weg zum gesellschaftlichen Aufstieg, und sie haben ihn genutzt. Anders als die wohlstandsverwöhnten bürgerlichen Sprösslinge in Deutschland, die schon immer hier lebten und ihre Wurzeln haben – diese legten einen solchen Aufstiegswillen nicht mehr an den Tag, was auch mit zur Krise der deutschen Fußball-Nationalmannschaft in den neunziger Jahren beigetragen hat. Der Fußball ist keine bloße Nebensache, er ist Spiegel gesellschaftlicher Entwicklungen – etwa der, dass sich die größer und zum Einwanderungsland gewordene Bundesrepublik nach 60 Jahren scheinbar wieder neu erfindet.

Einer der Vereine, der für Menschen, die aus dem Ausland nach Deutschland kamen, mit am meisten zur Heimat geworden ist, ist der Ruhrverein und Bundesligist Schalke 04. In den zwanziger und dreißiger Jahren hat er die jungen Männer der Familien aufgenommen, die aus Polen gekommen waren, um in den Kohlegruben zwischen Gelsenkirchen und Dortmund ihr Geld zu verdienen. Sie wurden anfangs von der deutschen Bevölkerung kaum gelitten und als Konkurrenten um Arbeitsplätze und Einkommen wahrgenommen – aber mit ihrem fußballerischen Können dribbelten sich diese jungen Polen in das Herz des Ruhrgebiets. Hans Tibulski, August Sobotka, Ernst Kuzorra oder Fritz Szepan lauteten die Namen der damaligen Heroen mit polnischen Wurzeln, die den sogenannten Schalker Kreisel zum Brummen brachten, wie das Kombinationsspiel der Mannschaft genannt wurde.

Türkische Kritik an Schalkes Hymne macht Schlagzeilen

Heute sind es junge Türken, die das Gesicht von Schalke 04 mitprägen – sowohl unter den Kickern als auch den Fans. Etwa ein Fünftel der Einwohner Gelsenkirchens sind Muslime, und so spielen Muslime auch in den Schalker Mannschaften von der Jugendabteilung an eine gewichtige Rolle. Halil Altintop ist einer prominentesten – der Zwillingsbruder Hamit Altintop der gebürtigen Wattenscheider spielt beim FC Bayern München.

So weit, so schön, so viel Integration, so viel herrliche Nebensache – wenn die Politik und die kulturelle Differenz nicht wären, die den Fußball doch wieder in die Schlagzeilen der täglichen Hauptsachen katapultiert. Türkische Medien und in Deutschland lebende Medien haben sich nämlich jetzt über das 1924 geschriebene Vereinslied von Schalke 04 beschwert, in dem eine Zeile lautet: „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußball nichts versteht. Doch aus all der Farbenpracht, hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht“ – wobei letzteres die Vereinsfarben sind. Die Schalker mussten reagieren: Sie haben einen Islamwissenschaftler beauftragt, den Sachverhalt zu prüfen. Auch weil durch die Skandalisierung des Vereinslieds mittlerweile Drohungen und Protestbriefe aus der muslimischen Welt bei den Schalkern, bei denen Papst Johannes Paul II. Ehrenmitglied war und die in ihrem Stadion eine christliche Kapelle eingerichtet haben, einlaufen.

Der Fußball ist keine Nebensache, auf seiner Projektionsfläche werden stellvertretend Auseinandersetzungen in der Bundesrepublik ausgetragen. Der in der großen Weltpolitik so gerne apostrophierte „Krieg der Kulturen“ zwischen der islamischen und westlichen Welt findet hier seinen Nachhall. Alle Schlagworte, die etwa beim sogenannten Karikaturenstreit um Mohammed-Zeichungen in einer dänischen Zeitung vor zwei Jahren den globalen Diskurs bestimmten, tauchen auch hier wieder auf – es ist von mangelndem Respekt die Rede, von „Verhöhnung“ der Religion und so weiter. Die Identitätssuche der türkischstämmigen Menschen in Deutschland findet in diesem Vorfall ebenfalls seinen Nachhall. Wenn die Tageszeitung „Die Welt“ beispielsweise den Schalker Jugendspieler Volkan Yigit mit den Worten zitiert; „Ich bin mit Schalke groß geworden. Was soll mich an so einem Text stören?“, dann zeigt das nur, wie der von türkischen Medien provozierte Streit in der türkischen Gemeinschaft in Deutschland die Widersprüche, in der ihre Mitglieder leben müssen, zum Thema macht und es weniger um die Hymne an sich geht. Der Fußball wird zum Katalysator für die anstehenden Klärungen der verschiedenen Ansichten innerhalb der türkischen Gemeinschaft gemacht darüber, welche Identität man leben soll, weil die Protagonisten glauben, dass der Fußball eben keine herrliche Nebensache, sondern eine Hauptsache für die meisten Menschen in Deutschland ist.

Der Generalsekretär des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, musste gestern in die Debatte eingreifen: Er kann die Proteste einiger Muslime gegen den Text der Schalke-Hymne nicht nachvollziehen. Die Aufregung sei übertrieben. Das Lied sei nicht zu beanstanden, es könne bleiben, wie es ist, sagte Mazyek dem TV-Sender N24. „Das Lied ist nach unserer Ansicht weder Blasphemie, noch stellt es eine Verhöhnung des Propheten dar“, fügte er hinzu. „Diese Fußballhymne gibt eigentlich alles richtig wieder. Sie nennt den muslimischen Propheten. Und sie gibt zu verstehen, dass er keine Ahnung hat von Fußball. Ist ja auch klar, weil er nämlich vor der Erfindung des Fußballs gelebt hat. Also, lassen wir doch die Moschee im Dorf.“ Die aktuelle Diskussion erklärte der Generalsekretär mit dem Mord an einer Ägypterin in einem Dresdner Gerichtssaal. „Bei einigen Muslimen liegen die Nerven blank. Und da gibt es dann Heißsporne, die versuchen, diese Geschichte zu instrumentalisieren.“

Für die Wissenschaften ist das Runde das Entscheidende

Ist es Zufall, dass der Fußball nicht bloß Hobby bleibt, sondern die Menschen ökonomisch, politisch und kulturell so sehr bewegt, dass diese Emotionen befriedet werden müssen? Auch hier gibt es Denker, die sagen: Nein, das ist kein Zufall, der Fußball greift in tiefere Schichten des Menschseins. Sie verweisen auf durchaus religiöse Momente, die dem Fußball zu eigen sind. Theologen beispielsweise erkennen Ähnlichkeiten zwischen den Ritualen rund um den Fußball heute mit kirchlichen Liturgien. Theaterwissenschaftler vergleichen die antiken dramatischen Aufführungsformen und deren religiöse Funktionen mit der Choreografie und dem Gesang der Fans heute während der Spiele. Auch in der Alltagssprache der aktuellen Fußballfans und des Sportjournalismus wimmelt es von Fußballgöttern. Soziologen sprechen von quasi-religiösen Dimensionen des Fußballs heute, vom Sport als einer Art Ersatzreligion überhaupt. Und Ethnologen und Archäologen haben etwa in Lateinamerika Funde gemacht, die vermuten lassen, dass das Spiel mit einem runden Ball zweier Mannschaften schon sehr früh zu Ritualen und Kulten dortiger Kulturen gehört hat – und deuten dies mit dem Symbol des Runden überhaupt, das für die Sonne oder für die Vollkommenheit stehen könnte, und über die die Menschen durch das Spiel Macht gewinnen wollten.

„Fußball ist unser Leben, denn König Fußball regiert die Welt“ – so schmetterten einst die deutschen Fußball-Weltmeister von 1974 um Franz Beckenbauer. Die Gebildeten unter den Verächtern der zweiundzwanzig Männer in kurzen Hosen, die einem Ball nachlaufen, sollten sich das hinter die Ohren schreiben.