„Für mich ist das eine Unterwerfungsgeste“

Der Linguist Peter Eisenberg über die Veränderung der Sprache durch politisch einflussreiche Gruppen. Von Katrin Krips-Schmidt

Professor Peter Eisenberg. Foto: KKS
Professor Peter Eisenberg. Foto: KKS
Herr Professor Eisenberg – machen Sie sich Sorgen um den Erhalt der deutschen Sprache?

Ich mache mir seit einiger Zeit tatsächlich Sorgen um den Erhalt der deutschen Sprache, weil sie einfach schlecht behandelt wird. Womit ich nicht meine, dass zu wenig junge Deutsche zu wenig gut Deutsch können. Sondern ich meine, dass die Sprache missachtet und missbraucht wird, und dass diejenigen, die das aus gruppenegoistischen Zwecken tun, so wenig von der Sache verstehen, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, dass sie der deutschen Sprache damit Schaden zufügen.

Sie haben sich ja mehrfach auch öffentlich in die Debatte eingeschaltet – zum Beispiel, als es um die Rechtschreibreform ging und zuletzt bei der Diskussion um die sogenannte „gendergerechte“ Sprache. Was stört Sie denn daran?

Daran stört mich vor allem, dass die Gruppe von Sprechern und Sprecherinnen, die politischen Einfluss hat, diesen Einfluss geltend macht, um der deutschen Sprache Dinge aufzuzwingen, die man ihr nicht aufzwingen sollte, die man ihr unter normalen Bedingungen auch nicht aufzwingen kann. Das geht bis weit in die Grammatik hinein, das geht aber auch weit in den Wortschatz hinein, wobei das weniger Bedenkliche Vorschriften und Empfehlungen sind, die den Wortschatz betreffen – viel gefährlicher sind Eingriffe in die Sprache, die ihre Grammatik betreffen.

Zum Beispiel?

Das schlagende Beispiel ist für mich die Orthographiereform, die tief in die Grammatik des Deutschen eingegriffen hat. Und die deshalb nicht nur scheitern musste, sondern die zu nachlassender Kompetenz in der Rechtschreibung bei der jungen Generation beigetragen hat. Die Leute, die so etwas betrieben haben, die haben eine Verantwortung auf sich geladen, die niemand tragen kann. Ich habe die Befürchtung, dass das bei der geschlechtergerechten Sprache so ähnlich ist, wobei man sagen muss, dass die Orthographiereform immerhin von (kritikwürdigen) Sprachwissenschaftlern gemacht worden ist, während das, was jetzt passiert, mit Sprachwissenschaft gar nichts zu tun hat. Das sind Gruppen, die politisch vernetzt sind und ihre politische Macht missbrauchen, um etwas zu manipulieren, von dem sie nichts wissen, über das sie aber weitreichende Behauptungen aufstellen – etwa die Behauptung, dass man durch Veränderung am grammatischen Geschlecht etwas am Status der Frauen in unserer Gesellschaft ändern könne.

Ein Argument lautet ja immer: die Dominanz der Männer in der Gesellschaft abzuschaffen und stattdessen den Frauen mehr „Sichtbarkeit“ auch in der Sprache zukommen zu lassen…

Der Begriff „Sichtbarkeit“ ist schwierig, über ihn müsste man sich genauer unterhalten – wobei ich im Prinzip nichts dagegen habe, dass Frauen in der Sprache sichtbarer werden. Die Frage ist nur, wie man das erreicht. Die entscheidende Frage aber ist, ob man durch Sichtbarmachung von Frauen in der Sprache etwas in Bezug von Gleichstellung von Frauen und Männern in der Gesellschaft erreichen kann. Und da lautet die Antwort: im Prinzip nein.

Wenn es wirklich um „Geschlechtergerechtigkeit“ in der Gesellschaft ginge, müssten ja dann auch die Stellen bei den Genderprofessuren paritätisch besetzt sein, oder?

Ja, das ist natürlich so ein Punkt. Wenn Sie den thematisieren und sagen, von den 226 Professuren an deutschsprachigen Universitäten sind fünf mit Männern besetzt – es müssten aber 110 mit Männern besetzt sein: dann werden Sie ausgelacht. Das ist eine Provokation, das wird überhaupt nicht ernst genommen. Und wenn Sie dann fragen: Warum soll denn das ausgeschlossen sein, dass auch Männer Geschlechterforschung betreiben können, dass sie überhaupt kognitiv-psychologisch dazu in der Lage sind? Dann kriegen Sie wieder, wie in all diesen Fragen, keine Antwort.

Eng verknüpft mit der Forderung nach Geschlechtergerechtigkeit ist ja auch die Forderung, sich politisch korrekt auszudrücken. Davon halten Sie nichts?

Nein. Politische Korrektheit ist etwas völlig anderes als sprachliche Aufmerksamkeit. Selbstverständlich muss man sich überlegen, wen man wie anredet. Und es gibt Wörter, deren Status sich geändert hat. Aber es ist etwas anderes, wenn man versucht, die Leute dazu zu bringen, über ihr Sprachverhalten nachzudenken, als wenn man ihnen Vorschriften macht. Die politische Korrektheit enthält so viel Unsinn – sprachwissenschaftlich und von der sprachlichen Emotionalität her, und so viel Vorschriftsdenken und so viel kleinkarierte Rechthaberei –, dass man sie eigentlich nur bekämpfen kann.

Wie unterscheidet sich der Sprachwandel von einer Änderung, wie ihn etwa grüne Parteitage durch Setzung von Gendersternchen oder Abschaffung des generischen Maskulinums bewirken wollen?

Sprachliche Veränderungen vollziehen sich, was die Grammatik betrifft, an Stellen, an denen das grammatische System Schwächen, Auffälligkeiten oder Brüche hat. Diese Entwicklungen vollziehen sich langsam durch die sogenannte „unsichtbare Hand“. Es ist so eindrucksvoll, wie sich beispielsweise das ganze Substantivflexionssystem des Deutschen im Laufe der Zeit verschoben hat: Das macht die Sprachgemeinschaft mit ihrem entwickelten Sprachgefühl.

Das geschieht dann quasi unbemerkt…

Ja, wir sprechen von der „unsichtbaren Hand“ oder von den „Dingen der dritten Art“, die wir nicht kontrollieren, die wir aber aus der Vogelperspektive nach einiger Zeit sehen und dann meistens auch verstehen können. Und wenn wir sie nicht verstehen, dann sind wir gut beraten, zu sagen: Warten wir mal ab. Wir werden sie schon verstehen.

Wie bewerten Sie dann dieses unbekümmerte Vorgehen, willkürliche Eingriffe in die Sprache vorzunehmen?

Sprachlich bewerte ich es als leichtfertig und gefährlich, politisch als Opportunismus. Bestimmte Parteien haben Dinge getan, die man nicht vertreten kann, die sie aber auch nicht aufarbeiten. Die Grünen haben in den achtziger Jahren versucht – das ist der berüchtigste, aber nicht der einzige Fall dieser Art – Sex mit Kindern zu legalisieren. Das war ein brutaler Egoismus bestimmter Leute, die dort Einfluss hatten. Das hat sich nicht durchgesetzt, und sie haben später öffentlich erklären müssen, dass das falsch war. Aber der Grund, warum es so laufen konnte, nämlich das Anlegen von Scheuklappen und die totale Ideologisierung bestimmter Gruppen – das haben sie nicht aufgearbeitet. Das gibt es immer noch. Sie können über viele andere Dinge mit denen ebenfalls streiten – angefangen von ihrer Familienpolitik, ihrer Erziehungspolitik bis zu ihrem Verhältnis zu Drogen können Sie das verfolgen. Die Grünen haben ja auf ihrem Parteitag 2015 das normale Gendern – also Bäckerin und Bäcker oder großes I oder so etwas – als unzureichend bezeichnet. Und haben sich ganz bewusst auf die Seite derer gestellt, die das Geschlecht letzten Endes abschaffen oder beliebig machen wollen. Das ist diese Transrichtung, die von uns verlangt, dass wir bei der Verwendung des Gendersternchens jedem auch noch so absurden subjektiv fundierten Anspruch nach Bestätigung des Geschlechts zustimmen müssen – auch jeder Kombination der 53 Geschlechter, die augenblicklich gefordert werden. Es hat also keine sprachliche Bedeutung, sondern es ist eine Geste. Es wird von einem verlangt, dass man mit diesem Sternchen jedes Mal erklärt: Ich bin mit all dem einverstanden. Für mich ist das ganz klar eine Unterwerfungsgeste. Schon deshalb lehne ich so etwas ab.

Peter Eisenberg lehrte bis 2005 als Professor für Deutsche Sprache der Gegenwart an der Universität Potsdam. Der für seine Verdienste um die deutsche Grammatik vielfach ausgezeichnete Kritiker der Rechtschreibreform war Mitautor des „Duden“.