Für kritischen Journalismus

Die russische Zeitung „Novaja Gazeta“ erhielt den Lew-Kopelew Preis. Von Reinhard Nixdorf

Gedenken vor einem Plakat der Journalistin Anna Politkowskaja, die früher für die „Novaja Gazeta“ tätig war. Foto: dpa
Gedenken vor einem Plakat der Journalistin Anna Politkowskaja, die früher für die „Novaja Gazeta“ tätig war. Foto: dpa

Die Redaktion der Moskauer Zeitung „Novaja Gazeta“ ist am Sonntag mit dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2010 ausgezeichnet worden. Das russische Blatt stehe für unabhängigen, aufklärerischen, mutigen und unbeirrbaren Journalismus, teilte das Lew Kopelew Forum mit. Trotz heftiger Einschüchterungsversuche und konkreter persönlicher Bedrohungen kämpften die Mitarbeiter der Zeitung gegen den Machtmissbrauch der Herrschenden.

Sechs Schwarz-Weiß-Fotos hängen über dem Konferenztisch, an dem die Redakteure der „Novaja Gazeta“ regelmäßig letzte Vorbereitungen für die nächste Ausgabe ihrer Zeitung treffen. Es sind Porträts ehemaliger Mitarbeiter und Freunde der Zeitung, die für ihre Arbeit getötet wurden, darunter die Journalistin Anna Politkowskaja, die vor vier Jahren in der Eingangshalle ihres Wohnhauses erschossen wurde. Anna Politkowskaja schrieb über Korruption und Seilschaften, vor allem aber über den Tschetschenien-Krieg. In ihren Reportagen schrieb sie von Folterungen und Morden der russischen Sicherheitskräfte, während offizielle russische Medien das Geschehen in Tschetschenien als heroischen Kampf gegen den Terrorismus darstellten. Bis heute wurde ihr Mörder nicht gefunden. Anfang 2009 sprach ein Moskauer Gericht im ersten Politkowskaja-Prozess vier Angeklagte frei, Drahtzieher blieben im Dunkeln.

Heute gilt Russland als einer der gefährlichsten Arbeitsorte für Journalisten. Nach Informationen von Amnesty International kamen zwischen 1990 und 2009 über zweihundert Medienvertreter gewaltsam ums Leben. Denn über Korruption, Sicherheitsdienste, Neonazis und die Ereignisse im Nordkaukasus sei es in Russland gefährlich zu schreiben, sagte Dimitri Muratow, der Chefredakteur der „Novaja Gazeta“ gegenüber der Deutschen Welle. Doch trotz des massiven Drucks von Seiten der Staatsmacht, die mittlerweile fast alle elektronischen Medien gleichgeschaltet hat, behauptet sich die „Novaja Gazeta“ als kritische Stimme. 1993 wurde das Blatt gegründet. Es berichtete über Themen, die Leser anderswo vergebens suchten: über Korruption, Menschenrechtsverletzungen und die Kriegsgräuel in Tschetschenien. 2000 gab es das erste Todesopfer: Der Journalist Igor Domnikow, der zahlreiche Korruptionsfälle aufgedeckt hatte, wurde von Unbekannten mit einem Hammer attackiert, zwei Monate später starb er. 2007 wurden sieben Mitglieder einer kriminellen Bande wegen des Mordes verurteilt, Hintermänner blieben im Dunkeln.

Im Juli 2003 verlor die „Novaja Gazeta“ ihren stellvertretenden Chefredakteur Juri Schtschekotschichin. Der Journalist, der über Verbindungen zwischen Steuerbetrügern und dem Inlandsgeheimdienst FSB recherchiert hatte, starb nach offiziellen Angaben an einer allergischen Reaktion. Einen Autopsiebericht bekamen seine Angehörigen nie zu sehen. In der Redaktion geht man davon aus, dass Juri Schtschekotschichin vergiftet wurde.

Am 7. Oktober 2006 wurde mit Anna Politkowskaja die bekannteste Mitarbeiterin der „Novaja Gazeta“ umgebracht. Und am 21. Januar 2009 brachte die „Nowaja Gazeta“ ein ganzseitiges Foto, das den Menschenrechtsanwalt Stanislaw Markelow in einer Blutlache zeigte. Zwei Tage zuvor war Markelow am helllichten Tag in Moskau auf offener Straße erschossen worden. Beim Versuch, dem Täter nachzusetzen, wurde die freie Mitarbeiterin der „Novaja Gazeta“, Anastasia Baburowa, von mehreren Schüssen getroffen. Kurz darauf erlag die fünfundzwanzigjährige, die vor allem zum Thema Rechtsextremismus in Russland gearbeitet hatte, im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Nach dem Mord an Anna Politkowskaja 2009 dachte Dimitri Muratow daran, die „Nowaja Gazeta“ einzustellen. Doch die Redaktion wollte nicht aufgeben: Muratow und seine rund dreißig Mitstreiter stellten sich auf die Situation ein, absolvierten Kurse zur Selbstverteidigung und verstecken ihre Aufzeichnungen und Informationen an sicher geglaubten Orten. Einige Journalisten veröffentlichen ihre Beiträge nur unter Pseudonym. Ein Redakteur steht nach wiederholten Todesdrohungen unter Personenschutz. Derzeit hat die „Novaja Gazeta“ eine Auflage von 270 000 Exemplaren. Das Überleben der Zeitung, die regelmäßig mit Verleumdungsklagen überzogen wird, sichern der letzte Präsident der Sowjetunion Michail Gorbatschow und der Bankier und Duma-Abgeordnete Alexander Lebedew.

Zwar hatte Präsident Medwedjew noch vor seinem Amtsantritt angekündigt, den Rechtsstaat zu stärken und bezeichnete dabei die Pressefreiheit als schützenswertes Gut. Doch die jüngsten Überfälle auf Journalisten und die Art, wie ermittelt wird, zeigen, wie wenig sich geändert hat: So betraute man mit der Aufklärung des Mordanschlags auf den Korrespondenten der Zeitung „Kommersant“ Oleg Kaschin vor einigen Wochen mit dem Cheffahnder der Generalstaatsanwaltschaft Pawel Barkowski ausgerechnet einen Mann, der den Mord an Anna Politkowskaja so „gelöst“ hatte, dass Verdächtige vor Gericht kamen, die dann freigelassen wurden. Zudem landete die Videoaufzeichnung einer Sicherheitskamera vom Überfall auf Kaschin im Internet, sodass sich die Verbrecher davon überzeugen konnten, dass ihre Gesichter im Film nicht zu erkennen waren.

Der Weg durch die Redaktionsräume der „Novaja Gazeta“ ist wie ein Rundgang durch ein Museum für bedrohte Journalisten. In Zimmer 307 hat Anna Politkowskaja früher gearbeitet. Neben der Ausgabe der „Novaja Gazeta“, die ihren Tod meldet, ist hier die Ausgabe zu sehen, die von ihrer Beisetzung berichtet. Parallel zur Preisverleihung nahmen in Moskau Menschen an einer Solidaritätskundgebung zur Unterstützung kritischer Journalisten teil, die in den vergangenen Wochen von Unbekannten angegriffen und schwer verletzt wurden. Die Protestierenden warfen den Behörden vor, nicht alles in ihrer Macht Stehende zur Ergreifung der Täter zu tun.