Für ihn ist das Christentum Ernstfall des Wirklichen

Der Philosoph Kurt Hübner feiert heute seinen 90. Geburtstag – Nähe zum Denken Josef Ratzingers. Von Johannes Seibel

Rehabilitiert den Mythos in der Religion: Kurt Hübner. Foto: Archiv
Rehabilitiert den Mythos in der Religion: Kurt Hübner. Foto: Archiv

Die täglichen Auseinandersetzungen in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland um den richtigen Kurs der Zukunft ist auch ein Kampf verschiedener theologischer Konzepte. Die reformorientierten Theologen – siehe das sogenannte Memorandum aus dem vergangenen Frühjahr – setzen in institutionellen Fragen auf stärker sozialwissenschaftlich fundierte Problemlösungen für die aus ihrer Sicht diagnostizierte Krise. Und in dogmatischen und moralischen Fragen vertrauen sie ebenfalls nicht der überlieferten Theologie, sondern suchen Antworten, die sie neueren Forschungsrichtungen in den anthropologisch und empirisch ausgerichteten Kulturwissenschaften samt deren Meta-Theoriebildungen entnehmen.

Das Denken der reformorientierten Theologen ist gleichzeitig fundiert von einem aus dem 19. Jahrhundert stammenden Wissenschafts-, Fortschritts- und Geschichtsbegriff, wonach die Theologie immer der Wirklichkeit eines jeweils erreichten Standes des gesellschaftlichen Fortschritts und Geschichtsentwicklung angeschlossen werden muss. Das Heutige ist dann das Maß aller Dinge. Das Frühere gilt als überholt, als Vorstufe des jeweils Heutigen, dessen unaufgeklärten Bestände abgestoßen werden müssen, um einer heutigen Wirklichkeit gerecht werden zu können – ein ständiger Prozess der Entmythologisierung, um einen Begriff Rudolf Bultmanns zu gebrauchen. Diese Theologen verstehen so beispielsweise das Zweite Vatikanische Konzil vor allem unter dem Schlagwort „aggiornamento“ – dem Anpassen der Kirche an das Heutige. Sie denken in Brüchen des Historischen.

Die andere, lehramtstreue Denkrichtung des Katholischen denkt in der Kontinuität des Historischen und der Tradition. Sie hat einen anderen Zeit-, Fortschritts- und Geschichtsbegriff als die reformorientierten Theologen – indem sie beispielsweise wie Papst Benedikt XVI. die Traditionsbestände nicht in ihrer linearen Zeitlichkeit und damit prinzipiellen Unabgeschlossenheit, sondern in ihrer unmittelbaren Bedeutung für die Wirklichkeit aller Zeiten lesen. Das Ewige, Gott, ist in der Welt schon anwesend. So sind für diese Interpretation des Lehramtes die Kirchenväter und ihre Reflexionen beispielsweise über die Natur Jesu Christi als Gott und Mensch, über Erbsünde oder über Jungfrauengeburt, mittelalterliche scholastische Überlegungen zu Hölle, Paradies oder Erlösung keine damaligen Zeitumständen geschuldeten, zufälligen, überholten Gedanken, die mit dem Untergang der damaligen Kulturen ebenfalls untergegangen sind, sondern Orientierungs- und Verstehensmaßstäbe auch für das Heute, weil sie sich letztlich der göttlichen Offenbarung verdanken und diese gültig präzisiert haben. Um nun die Konflikte zwischen diesen theologischen Richtungen zu durchschauen und auf den Begriff zu bringen, braucht es helle, philosophische Klarsicht.

Die besitzt in höchstem Maße der Philosoph Kurt Hübner. Der frühere Präsident der Allgemeinen Gesellschaft für Philosophie in Deutschland (1969–1975) und bis 1988 amtierende Direktor des Philosophischen Seminars an der Universität Kiel wird am heutigen Donnerstag, 1. September, 90 Jahre alt. Seine Bücher wie „Kritik der wissenschaftlichen Vernunft“ (1978), „Die Wahrheit des Mythos“ (1986), „Glaube und Denken“ (2001), „Das Christentum im Wettstreit der Religionen“ (2003) und zuletzt „Irrwege und Wege der Theologie in die Moderne“ (2006) liefern das Rüstzeug, um die Krise der römisch-katholischen Kirche in Deutschland, die Lage der Theologie in der westlichen Welt heute denkerisch wesentlich besser zu durchdringen, als das aktuell der Fall ist.

Der mit allen wissenschaftstheoretischen, kantischen und kulturwissenschaftlichen Wassern gewaschene Hübner zeigt nämlich, dass die Reformtheologie in ihrer Kritik an Lehramt und Tradition und deren angeblicher Wirklichkeitsfremdheit unterschlägt, auf der Grundlage einer völlig anderen Ontologie zu argumentieren. Ontologie bedeutet für Hübner ein Koordinatensystem, „innerhalb welchem sich die Wirklichkeit unter einem bestimmten Aspekt“ zeigt. Und hier sind für Hübner beispielsweise das Koordinatensystem, mit dem der Mythos die Wirklichkeit erfasst, und dasjenige, mit der die moderne Wissenschaft dies tut, „erkenntnistheoretisch gleichberechtigt“, weil die Wirklichkeit eben mehrere Dimensionen hat, wobei es keine Art Meta-Ontologie gibt, die zwischen der Ontologie der Wissenschaft und der Ontologie des Mythos richten kann. Das Engstirnige der Reformtheologie besteht demnach darin, allein eine wissenschaftliche Ontologie, für die alle Wirklichkeit nur Ergebnis der Produktivität der menschlichen Subjektivität ist, unkritisch als alleinige Bedingung der Möglichkeit wahrer Aussagen anzuerkennen – und damit alle anderen Arten von Glaubensrede, etwa die am Mythos geschulte oder die der Offenbarung, als unwahr zu bezeichnen.

Genau an dieser Stelle der Überschätzung der menschlichen Subjektivität in den Arm zu fallen, ihre für den Begriff der Vernunft beanspruchte Exklusivität zu widersprechen und mit der erkenntnistheoretischen Gleichberechtigung unterschiedlicher Ontologien, die die verschiedenen Aspekte der Wirklichkeit in verschiedener Weise erkennen, ernst zu machen, rechnet Hübner dem heutigen Papst Benedikt XVI. als große denkerische Leistung an. Hübner unterstützt ebenso Benedikts Kritik an der „radikalen Geschichtlichkeit“, mit der die moderne Theologie operiert – also ihren Fortschrittsbegriff, der die Möglichkeit des überzeitlich gültigen göttlichen Eingreifens und seiner anderen Sprache als die der wissenschaftlichen Ontologie leugnet. Denn damit wird, so markiert Hübner auch die existenzielle Dimension des heutigen Streits der reformorientierten und der lehramtstreuen Theologie exakt, das „für das Christentum so entscheidende Phänomen der Metanoia verfehlt, der radikalen Umkehr des Menschen“. Kurt Hübner sind noch sehr viel mehr Leser zu wünschen, die abseits allem kirchenpolitischen Gedröhne die Lage der römisch-katholischen Kirche in Deutschland wirklich begreifen wollen.