„Für die Ewigkeit arbeite ich auch gern mal umsonst“

Figürlich, aber nicht marianisch: Der Stiftungspreis „Bibel und Kultur“ geht an Neo Rauch

Wer sich in Kirchengebäuden auf die Suche nach moderner, religiöser Kunst macht, wird in der Regel von fließenden Valeurs und Strahlenbündeln erschlagen. Nur das Abstrakte scheint noch möglich. Das Figürliche, so heißt es oft von Seiten der Künstler aber auch von Seiten der Kirchenverantwortlichen, sei einfach nicht mehr zeitgemäß. Aus und vorbei. Umso mehr muss man die Entscheidung der ökumenischen Stiftung Bibel und Kultur loben, dem Leipziger Maler Neo Rauch den Stiftungspreis 2010 zu verleihen. Die Stiftung würdigt damit seine figürliche Gestaltung von drei Fenstern in der Elisabeth-Kapelle im Naumburger Dom St. Peter und Paul. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert und wird am Freitag, den 27. August, im Naumburger Dom überreicht.

Rauch entwarf 2007 unentgeltlich die Vorlagen für drei Fenster mit Motiven aus dem Leben der Elisabeth von Thüringen für den Naumburger Dom. „In vorgegebenen kleinen Formaten hat er große künstlerische Gestaltung entfaltet, Legenden aus dem Leben der heiligen Elisabeth ins Zeitlose und Gegenwärtige gehoben“, heißt es in der Begründung der Stiftung Bibel und Kultur für die Preisverleihung. Das Wirken Elisabeths in christlicher Demut werde atmosphärisch eingefangen durch das einfallende Licht in Rot und Weiß. Es verleihe dem Raum eine Empfindsamkeit kontemplativer Verinnerlichung, die der Heiligen gemäß sei. „Neo Rauch hat Elisabeth so ein würdiges Denkmal gesetzt“, betont die Stiftung. Seine Darstellung hebt besonders die soziale Dimension der Gestalt Elisabeths hervor.

Wobei man natürlich fragen könnte, ob es nicht auch Aufgabe der Kunst ist, die Motivation für das soziale Handeln aufzuzeigen. Tatsächlich hatte das Domkapitel Naumburgs zu Beginn des Auftragsprojektes an den deutschen Maler-Weltstar – Werke des 50-Jährigen sind unter anderem im „Metropolitan Museum of Art“ in New York zu sehen – den Wunsch geäußert, eine Allegorie auf die Krönung Elisabeths durch die Heilige Jungfrau Maria zu gestalten.

„Mit dieser Ikonografie säßen mir so viele

klassische Darstellungen im Nacken, dass

die Gefahr des

Ridikülen zu groß war“

Doch dies lehnte der schöpfungsliebende Pantheist Rauch ab. Denn: „Das hätte ich nicht über den Pinsel gebracht. Ich hätte lediglich zwei junge Frauen malen können; die eine setzt der anderen die Krone auf. Mit dieser Ikonografie säßen mir so viele klassische Darstellungen im Nacken, dass die Gefahr des Ridikülen zu groß war.“

Schwellenangst vor der Transzendenz, für die man auf Seiten der Kirche schnell Verständnis hatte. Neo Rauch ist schließlich nicht irgendwer. Der gebürtige Leipziger, der so spricht wie Botho Strauß schreibt, zählt zu den bedeutendsten deutschen Malern der Gegenwart. Kunstexperten sehen ihn als Vertreter einer „Neuen Leipziger Schule“. Seine Bilder zeichnet meist eine große Farbigkeit und ein figurativer Stil aus, wobei die Farbigkeit in jüngster Zeit eher dunklen Grautönen gewichen ist, die Rauch damit erklärt, dass er sich als Hochschulprofessor zu sehr im Gehege der Bürokratie verfangen habe. Das macht schwermütig. Deshalb will Rauch die Wissenschaft, wenn schon nicht an den Nagel hängen, so doch reduzieren.

„Seine Motive kann man der Tradition des

Surrealismus zuordnen. Rauchs zumeist

großformatigen Werke sind surreal erstarrte Alltagsszenen“

Bekannt wurde Neo Rauch mit Gemälden, in denen sich Elemente der Werbegrafik, des Sozialistischen Realismus und des Comics verbinden. Seine Motive kann man der Tradition des Surrealismus zuordnen. Rauchs zumeist großformatigen Werke sind surreal erstarrte Alltagsszenen. Sie sind gekennzeichnet durch verschiedene unverbundene, collageartige Handlungsstränge und zeugen von großer Erzählkraft des Malers. Die motivliche Fülle zwingt den Betrachter zu genauer Wahrnehmung. In seiner gebrochenen Farbigkeit (fahlen, kalkigen Farben) mit schrägen Farbkontrasten sind seine Bilder verführerisch und anregend. Auf das Erstaunen der Kunstwelt über sein unentgeltliches Kirchenengagement hatte Rauch im Jahr 2007 geantwortet: „Für die Ewigkeit arbeite ich auch gern einmal umsonst.“

Die Stiftung Bibel und Kultur wurde 1987 gegründet, um die Bedeutung der Bibel im Kultur- und Geistesleben zu stärken. Vorsitzender ist Präses i.R. Manfred Kock (Köln), ehemaliger Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Die Stiftung vergibt einen Stiftungspreis, einen Förderpreis, spricht Ehrungen aus und veranstaltet jährlich Schülerwettbewerbe in wechselnden Bundesländern. Die Stiftungspreise gingen 2005 an den Architekten Peter Kulka, 2006 an den Maler Gustav Kluge und 2007 an den New Yorker Komponisten John Zorn. 2008 wurde ein Förderpreis an die Hamburger Fotografin Bianca Hobusch vergeben. Der Hamburger Theatermacher Klaus Schumacher und das Schauspielvolk des Einsiedler Welttheaters teilten sich 2009 den Preis.