Fünfzig Hauptwerke der Philosophie (31):

David Hume: Eine Untersuchung

über den menschlichen Verstand

: Skeptizismus

„Weiter kann man nicht gehen“ – mit diesen Worten bringt der Philosoph Bertrand Russel die Radikalität des Humeschen Denkens zum Ausdruck. In gewisser Weise wird in Hume jene skeptische Grundtendenz des „englischen Empirismus“ perfektioniert, die einen ihrer Vorläufer bereits in Ockham erblicken kann. Während Ockham jedoch noch aus dem spätmittelalterlichen Kontext heraus philosophiert und mit seinem „Rasiermesser“ die Metaphysik lediglich zurechtstutzt, wird Humes Methode von seinen späteren Interpreten mit einer Gabel symbolisiert, die mittels der beiden Zinken „Sinneswahrnehmung“ und „Reflexion“ dem metaphysischen Weltbild die entscheidenden Löcher zufügt. „Sinneswahrnehmung“ und „Reflexion“ sind dabei – wie von Locke her bekannt – die Grundbegriffe der empiristischen Philosophie, und so wundert es nicht, dass Humes erkenntnistheoretisches Hauptwerk aus dem Jahr 1748 – „Eine Untersuchung über den menschlichen Verstand“ – nahezu denselben Titel wie das entsprechende Werk seines philosophischen Vorgängers trägt.

Bereits 1739/40, nicht einmal dreißigjährig, hatte David Hume (1711–1776) den dreibändigen „Traktat über die menschliche Natur“ veröffentlicht, in dem er anhand der empiristischen Methode die Wirklichkeit der menschlichen Natur untersuchte: Dort solle sich die Philosophie begründen und nicht in abstrakten metaphysischen oder rationalistischen Konstrukten und Prinzipien, denn im konkreten Menschen seien die Antworten auf die wirklich bedeutsamen Fragen zu finden. Doch nicht einmal eine anonyme Selbstrezension konnte diesem Werk den erhofften revolutionären Durchbruch verschaffen und so machte Hume ein Jahrzehnt später dessen erkenntnistheoretischen und moralphilosophischen Teil zum Argument einer jeweils eigenständigen Abhandlung. Die erste dieser Neubearbeitungen ist nun die „Untersuchung“, welche empiristisch mustergültig die Erklärung unseres Verstandes aus jener Basis der „menschlichen Natur“ ermittelt: eben aus dem Zusammenwirken von „Sinneswahrnehmung“ und „Reflexion“.

Die epistemologische Ausgangsbasis dieser Konzeption liegt – wie bei Locke – darin, dass unsere Begriffe auf „Ideen“ beruhen, die nichts anderes sind als die Abbilder wahrgenommener Dinge, die auch nach dem aktuellen Sinneseindruck noch in uns nachschwingen. Mittels „Reflexion“ oder der „Verarbeitung“ solcher Ideen-Eindrücke ist der Verstand zudem in der Lage, auf der Basis einfacher „Ideen“ kompliziertere und zusammengesetzte zu bilden.

Doch während es Locke für möglich hält, dass wir auf diese Weise eine wirkliche Erkenntnis der Realität erwerben, macht Hume mit den im empiristischen Ansatz schlummernden skeptizistischen Konsequenzen Ernst: Eigentlich seien unsere „Ideen“ nur Konglomerate von vielen Einzeleindrücken oder „einfachen Ideen“, womit man keineswegs von der „Idee“ der Dinge auf deren tatsächliches Bestehen in der Realität schließen könne. Vielmehr liege es doch nahe, dass derartige „Einheiten“ der Wirklichkeit nur psychische Konsequenzen unserer Wahrnehmung sind. Wir sind es gewohnt, gewisse immer wiederkehrende Konstellationen in unserer Sinneswahrnehmung zu bemerken. So sind wir es nach Hume, die wir gewohnheitsmäßig verschiedene Sinneseindrücke als Tische identifizieren; deren „Tischhaftigkeit“ liegt aber nicht bereits in den Dingen selbst, sondern in einer Gewohnheit unserer Wahrnehmung, die Ähnlichkeiten erkennt und diesen einen Begriff zuweist.

Damit hat Hume skeptizistisch den klassisch-metaphysischen Begriff der „Substanz“ zu Fall gebracht: Für einen radikal-empiristischen Ansatz kann es keine „Substanzen“ geben, also geistige Prinzipien der Wirklichkeit, welche „Träger“ derjenigen Eigenschaften sind, die Hume als „einfache Ideen“ bezeichnet. Die objektive Regelhaftigkeit der Realität beruht für Hume nicht in einer Substanzstruktur, sondern ist alleiniges Resultat der Gewohnheit unserer Wahrnehmung. Seine heute noch aktuelle Brisanz entfaltet dieser skeptizistische Einwand Humes, wenn er auf das Ich-Bewusstsein bezogen wird: Ist dieses nur eine Illusion, ein „Theater“ von aufeinanderfolgenden Selbstwahrnehmungen, dem allein unser Einbildungsvermögen eine objektive „Ich“-Einheit zuweist? In der Tat, so Hume, besitzen wir keine konstante Selbstwahrnehmung, welche unser gesamtes Leben lang konstant wäre. Die Ich-Identität ist demnach genauso scheinhaft wie die Identität der realen Dinge.

Ein weiteres tragendes Prinzip metaphysischer Überlegung fällt der „Hume-schen Gabel“ zum Opfer: das Kausalitätsprinzip, welches dazu dient, zu einem jetzigen Zustand die vorhergehende Ursache oder von diesem aus die zukünftige Folge zu erschließen. Damit werden Verknüpfungen und Zusammenhänge in der Realität behauptet, die selbst nicht der reinen Sinneswahrnehmung zugänglich sind. In der Vorhersage, dass auch morgen die Sonne aufgehen wird, oder in der Tatsache, dass beim Auftreffen einer Billardkugel auf eine andere diese letztere in Bewegung versetzt wird, liegt keinerlei Notwendigkeit, die sich aus der „Idee“ der Sonne oder der Billardkugel von selbst ergäbe. Es ist also eine Verknüpfung, welche dieser äußerlich zukommt, gleichwohl aber als notwendig behauptet wird. Was berechtigt uns also zu solchen scheinbar selbstverständlichen Annahmen?

Was wir rein mit den Sinnen wahrnehmen können, so Hume, ist lediglich das Ankommen und Zur-Ruhe-Kommen einer Kugel in unmittelbarer räumlicher Nähe zu einer anderen oder das gleichzeitige Starten dieser anderen Kugel. Was uns davon ausgehen lässt, dass dieser Zusammenhang kausalnotwendig sei, sei keine objektive Tatsache, welche in den Dingen selbst läge, sondern lediglich unsere Gewohnheit aus vergangenen Beobachtungen. Der erste Mensch, Adam, hätte beispielsweise aus der Flüssigkeit des Wassers nicht ableiten können, dass dieses in der Lage sei, ihn zu ertränken.

Humes Skeptizismus ist mithin nicht nur metaphysikkritisch, sondern zerstört auch die empiristische Strategie, mittels des Induktionsschlusses ausgehend von der reinen Empirie („Sinneserfahrung“ und „Reflexion“) auf notwendige Gesetzmäßigkeiten zu schließen: Aus der Beobachtung einer begrenzten Anzahl weißer Schwäne kann man nicht schließen, dass alle Schwäne weiß seien; ebensowenig taugt die Tatsache, dass bislang ein Gegenstand beim Loslassen auf den Boden fiel, zum Schluss, dass er dies auch beim nächsten Mal tun werde.

„Substanz“, „Ich“ und „Kausalität“ helfen uns, mit unserer Alltagserfahrung fertigzuwerden, in welcher der Mensch durchaus davon ausgehen müsse, dass es Kausalabläufe und Induktionsschlüsse gibt. Diese besagen jedoch, so Hume, keine verstandesmäßige Einsicht in Letztere, sondern nur einen subjektiven „Glauben“ (belief). In diesem Sinn sind Kausalität und Induktion der „Mörtel des Universums“, ohne welchen uns die gesamte Wirklichkeit desintegriert und unbegreiflich würde, derentwegen wir aber auf keine objektiv-metaphysische Strukturiertheit der Wirklichkeit selbst schließen dürfen.

Hume gilt damit als der „Skeptiker“ par excellance der Neuzeit, auch wenn er sich selbst nicht zur Gänze als ein solcher betrachtete: Sei es auch nicht der „Verstand“, der uns vor dem Verzweifeln an einem totalen Skeptizismus rette, so doch „Natur“ und „Glaube“. Bekanntlich gab sich Kant, der sich vom Skeptizismus Humes herausgefordert fühlte, mit dieser Antwort nicht zufrieden und zog die entgegengesetzte Konsequenz: dass gerade um „Ich“, „Substanz“ und „Kausalität“ erklären zu können, dem menschlichen Verstand und seinen Prinzipien über die reine Natur hinaus eine konstitutive Bedeutung zukommen müsse.