Fünf Jahre lang am Krankenbett der Seherin

Ein historischer Roman über Anna Katharina Emmerick gibt einen überzeugenden Einblick in ihr Leben

Christliche Visionen und Privatoffenbarungen werden heute gerne in die missliebige Ecke betulicher Altweiberfrömmigkeit verwiesen. Dieses Schicksal traf auch die Schauungen der begnadeten Mystikerin Anna Katharina Emmerick (so der Name im Taufregister), die vom Dichter Clemens Brentano (er schrieb „Emmerich“) schriftlich festgehalten wurden. Doch auch die Seherin selbst, die 1802 bei den Augustinerinnen eintrat, nach der Säkularisation in einen Pfarrhaushalt übersiedelte, dann zwölf Jahre lang die Stigmata Christi und die Wunden seiner Geißelung trug und ihr Leiden als Sühneleiden begriff, macht es dem heutigen Zeitgenossen nicht gerade leicht. Sogar Bilokation, Kenntnis von Reliquien und jahrelange Nahrungslosigkeit werden ihr zugeschrieben. Hinter solchen nicht alltäglichen Phänomenen wird nur zu schnell Betrug, Einbildung oder religiöser Wahn vermutet. Anna Katharina Emmerick (1774–1824) ist wahrhaftig „eine Erscheinung, die jedem modernitätsbewussten Zeitgenossen unbehaglich sein muss“ (Gerd-Klaus Kaltenbrunner).

Eine neue Wertschätzung erfuhren die Seherin und ihre Visionen vor vier Jahren, als Mel Gibsons „Passion Christi“, der auf ihren Visionen basiert, im Kino große Erfolge feierte. Im selben Jahr 2004 erfolgte auch die Seligsprechung der Emmerick. Zuvor wurden schon aufgrund ihrer Visionen archäologische und sprachliche Entdeckungen gemacht. Und immerhin saß einer der bedeutendsten deutschen Schriftsteller, der ursprünglich nur ein paar Tage bleiben wollte, fünf Jahre lang am Krankenbett der Seherin. Seine Niederschrift der Visionen veranlasste bedeutende Persönlichkeiten, die deutsche Sprache zu erlernen, so zum Beispiel Ernest Hello, Paul Claudel, Joris-Karl Huysmans und Léon Bloy. Letzterer bekannte: „Nach der heiligen Schrift und der Nachfolge Christi schätze ich die Schriften der Anna Katharina Emmerick am höchsten... Ich habe vorzeiten versucht, Dante zu lesen. Die Langeweile war unaussprechlich und hat mich förmlich zu Boden gedrückt. Selbst die berühmtesten Gesänge der Göttlichen Komödie können, neben die unbekannten Gesichte der Emmerick gehalten, kaum mehr als Mitleid erwecken.“

Mit ihren Schauungen gewinnt aber auch die Visionärin selbst an Interesse. Wer es nicht zu trocken mag, kann zu einem neu erschienenen historischen Roman greifen, den der Gymnasiallehrer Georg Veit jetzt vorgelegt hat. Der Autor stammt aus Emmericks Geburtsstadt Coesfeld und geriet durch einen Dachbodenfund im Jahre 1994 an die Notizhefte von Peer Hillgen, eines weiteren deutschen Dichters, der fast siebzig Jahre nach dem Tod der Emmerick sich die Ereignisse von einer Zeitzeugin schildern lässt, die als junges Mädchen im Haushalt der Kranken tätig war. Allerdings sind Hillgens Aufzeichnungen ungeordnet und oftmals unleserlich. In zehnjähriger Arbeit hat Georg Veit eine Rekonstruktion versucht, bei der er soweit möglich die Originaltexte in den Roman eingearbeitet und die vorhandenen Lücken selbst ergänzt hat. Als Münsterländer kann er sehr gut die Mentalität der beteiligten Personen wiedergeben und versteht es, auch der Geschichte gelegentlich ein gewisses Lokalkolorit zu verleihen.

Stellvertretendes Sühneleiden

Im Juli 1821 kommt die elfjährige Maria Katharina Emmerick, genannt Mittin, ins Haus ihrer Tante Anna Katharina, genannt Annthrinken, die schon seit 1912 die Wundmale Christi trägt. Mittins Tante Gertrud, genannt Drüke hält sie jedoch zunächst von der Kranken fern. Für Mittin beginnt eine schwere Zeit, in der sie von tiefen Ängsten geplagt wird. Immer bedeutungsvoller werden für sie ihre Träume. Bevor Mittin die stigmatisierte Nonne zum ersten Mal sieht, wird sie mit den unterschiedlichen Einstellungen gegenüber dieser konfrontiert. Sie hört die Gespräche der Hausbewohner und Angestellten. Sie begegnet Pater Lambert, dem Beichtvater der Kranken, aber auch dem Dechanten, der gemeinsam mit den vornehmen Frauen des Ortes davon überzeugt ist, dass die Nonne „vom Fürsten der Finsternis irregeführt werde“. Und ihre Prophetie könne nur die Folge eines geschickten Kombinierens sein. Andere halten die Visionen der kranken Nonne schlicht für „Spökenkiekerei“.

Die Nichte der Seherin sieht im Haus sowohl den Arzt Dr. Wegener als auch den Dichter Brentano ein- und ausgehen. Während jedermann um die Sympathien des ersteren buhlt, wird über den letzteren oft auch abfällig gesprochen. Den einen ist er zu vornehm und poetisch; die anderen werfen ihm vor, er wolle den Glauben beweisen oder für seine früheren Sünden büßen.

Mittin selbst fühlt sich von Anfang an zu ihrer Tante, der Seherin, hingezogen. Dies intensiviert sich noch, als sie endlich zu ihr vorgelassen und von ihr freundlich aufgenommen wird. Immer mehr wird Mittin dann auch in deren spirituelles Leben hin-eingezogen. Sie beginnt den Sinn des Leidens und den wertvollen Dienst ihrer Tante nach und nach zu begreifen.

Doch neben diesem religiösen Erleben stehen die Beschwernisse des Alltags: der oftmals grobe Umgangston unter den Hausbewohnern sowie verschiedene Rivalitäten und Intrigen, in die Mittin immer wieder hineingezogen wird. Schließlich erfährt Mittin von Plänen, die kranke Tante aus dem Haus zu schaffen – angeblich zu deren eigenem Wohl. Mittin ahnt, dass diese Pläne keiner guten Absicht entspringen und sie versucht, sich mit all ihren Kräften für die Tante einzusetzen.

Georg Veit versteht es, die Personen des Romans so zu beschreiben, dass sie dem Leser lebhaft vor Augen stehen. Die Geschehnisse in Dülmen im frühen 19. Jahrhundert werden plastisch gegenwärtig. Eine Auseinandersetzung mit den übernatürlichen Phänomenen wird unvermeidlich. Das ist das Verdienst dieses Romans, dass er den heutigen Leser mit dem Leben der Anna Katharina Emmerick und der Thematik des stellvertretenden Sühneleidens konfrontiert und ihn herausfordert, einen eigenen Standpunkt zu beziehen.