Führungskräfte brauchen christliche Werte

Elmar Nass legt ein neuartiges Ethik-Handbuch vor: Wie gute Unternehmensführung gelingt. Von Urs Buhlmann

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Von guter Mitarbeiterführung hängt das Wohl des Unternehmens ab. Foto: dpa

Elmar Nass, Aachener Priester und Professor für Wirtschafts- und Sozialethik an der privaten Wilhelm Löhe-Hochschule in Fürth, die von der Diakonie Neuendettelsau ausging, hat gewagt, was noch keiner versucht hat: Gängige Modelle der Führungsethik, darunter dezidiert christliche wie dezidiert nicht-christliche, in einem Handbuch zusammenzufassen, ihre Wertegrundlagen offenzulegen und nach ihrer Praxistauglichkeit zu fragen. Nass legt also keinen der gutgemeinten Ratgeber vor, die Christen zu einem ruhigen Gewissen im wirtschaftlichen Agieren verhelfen sollen. Er untersucht vielmehr wissenschaftlich kühl die zahlreichen, teils sehr divergierenden Ansätze erfolgversprechenden Führungsverhaltens im wirtschaftlichen Handeln und stellt sine ira et studio deren Vor- und Nachteile vor. So etwas gab es noch gar nicht, und es ist schon an sich ermutigend, dass gerade ein katholischer Priester diese Pionierarbeit leistet.

Kohärenz zwischen Wertebasis und gelebter Führungskultur

Nass geht sein Thema selbstbewusst an, wenn er bestreitet, „Fragen der Führung seien ein diffuses Chaos jenseits systematischer Wissenschaft“, vielmehr könne die Wertebasis der verschiedenen Denkrichtungen klar benannt und somit eine fundamentalethische Diskussion ermöglicht werden. Diese sei allerdings auch nötig und gerade für den nach Orientierung suchenden Unternehmer hilfreich, um zu vermeiden, dass man sich „unbemerkt durch die Implementierung eines schön klingenden Führungsethikmodells ein trojanisches Pferd ins Unternehmen“ hole. Bei seinen Überlegungen bestreitet der Professor nicht, dass eine Wertebasis sich ändern kann und dass zudem das eigene Leitbild immer wieder normativ in Frage gestellt werden müsse, damit die Kohärenz zwischen Wertebasis und gelebter Führungskultur gewahrt beziehungsweise ausgebaut werden kann.

Welche Werte sind erforderlich und geeignet?

Die einleitenden, knapp gehaltenen, aber ausreichenden Bemerkungen erlauben einen spannenden Blick in den zeitgenössischen Ethikdiskurs und machen nebenbei noch einmal deutlich, wie wichtig Sozialethik ist, wenn sie sich nicht auf Nebenschauplätzen verliert, sondern ihr Kerngeschäft betreibt. (Es überrascht nicht, dass es dabei ohne Thomas von Aquin nicht geht.) Solchermaßen gestärkt, kann der Autor sich dann der Frage zuwenden, welches ethische Rüstzeug geeignet ist, die grundlegende ökonomische Frage nach der Effizienz – wie also eine Gesellschaft mit knappen Ressourcen wertvolle Güter erzeugt und diese anschließend unter ihre Mitglieder verteilt – am besten zu beantworten.

Die Antworten darauf sind, wie zu erwarten, divers und werden vom Autor sinnvoll nach dem ökonomischen Ansatz – wie kann Ethik begrifflich in die Sprache der Ökonomie einwandern? – dem integrativen – der umgekehrt ökonomische Logik unter den Bedingungen ethischer Rationalität betrachten will – und dem durchaus vorhandenen metaphysischen sortiert – der nicht notwendig, aber in unserem Kulturraum doch sinnvollerweise christlich gedacht werden sollte. Führung im engeren Sinne definiert der Autor als „die auf Werten basierende Beeinflussung von Regeln, Individuen und Beziehungen im Unternehmen“, womit Menschenführung ebenso gemeint ist wie hierarchische Kommunikation auf allen Ebenen einer Firma. Es ist mit dieser Definition auch mitgesagt, dass Werte im Führungsverhalten zwangsläufig eine Rolle spielen, selbst wenn man behaupten sollte, dass jeder Agierende diese Werte für sich selbst festlegt.

Menschenbild hat Einfluss auf Führungsverhalten

Das von der Firmenleitung faktisch vertretene Menschenbild kann Führungskräfte und Geführte als opportunistisch-rationale Egoisten in einem gegenseitigen Kontraktverhältnis deuten (als „Theorie X“ bekannt) oder, nach der „Theorie Y“, die Mitarbeiter grundsätzlich als loyal, arbeitsbereit und motiviert einstufen, so dass es hier weniger um Kontrolle und mehr um die Befähigung zur Übernahme von Verantwortung geht. Während die eine Theorie dem Mitarbeiter generell nicht traut und überzeugt ist, dass er das Unternehmen schädigen wird („moral hazard“), will die andere die Beschäftigen quasi als Treuhänder der Firma („Stewardship-Modell“) ansehen und einsetzen. Welches Menschenbild der Big Boss hat, beeinflusst also erheblich die Art und Weise, wie er seine Mitarbeiter sieht und motiviert. Man erfährt auch, dass es eine „Theorie Z“ gibt, die in Japan entwickelt wurde und sich aus gutem Grund außerhalb des Reiches der aufgehenden Sonne nicht durchsetzen konnte: Die dort übliche Höflichkeits-Kultur, die demnach auch im Unternehmen vorausgesetzt wird, hat keine Entsprechung im Westen gefunden.

„Die Berücksichtigung der Sehnsüchte der Mitarbeiter bringt Wertschöpfung durch Wertschätzung.“

Zwar hat sich, findet Nass heraus, bei vielen dieser Führungsmodelle die Erkenntnis durchgesetzt, dass „Menschendienlichkeit“ in der Formulierung und Durchsetzung der Unternehmensziele Vorteile hat, doch ist zu fragen, wie ernstgemeint und alltagstauglich die guten Vorsätze sind. Nass zitiert den Schweizer Ökonom Bruno Frey: „Die Berücksichtigung der Sehnsüchte der Mitarbeiter bringt Wertschöpfung durch Wertschätzung.“ Es gäbe aber, meint der Autor warnend, nicht nur diese „helle“, sondern auch eine „dunkle“ Seite der Macht, die fundamentalethische Festlegungen allenfalls in Schönwetter-Perioden kennt und sich ansonsten „jenseits aller humanen Aspekte allein an der Effizienz orientiert“.

Besonders informativ ist das Werk von Elmar Nass, wenn es abschließend über die im 21. Jahrhundert relevanten Modelle der Führungsethik informiert. Es wird ein weiter Bogen geschlagen, der von darwinistischen Ansätzen – da klingt manches so, als habe sich Scientology daraus bedient – über kantische Modelle und die „Leadership the Army Way“-Methode (die tatsächlich dem Führungshandbuch der US-Armee entstammt) hin zu metaphysisch-offenen, anthroposophischen und explizit-christlichen Herangehensweisen führt.

Wichtigste Erkenntnis: Eine christlich fundierte Führungsethik muss sich keineswegs verstecken oder ihre Wurzeln schamhaft verschweigen. Jede ethische Stellungnahme, und gerade auch eine solche, die behauptet, ohne Voreinstellungen auszukommen, hat tatsächlich eine Herkunft und basiert auf einem Fundament. Dann darf auch das Christentum, darf die katholische Sozialethik mit ihrer bedeutsamen Tradition sich zu Wort melden und ihren unverzichtbaren Beitrag einbringen. Das in wissenschaftlich gültiger Form angemahnt zu haben, ist das Verdienst von Elmar Nass' griffigem Buch.

Elmar Nass, Handbuch Führungsethik, Teil I: Systematik und maßgebliche Denkrichtungen.
Verlag W. Kohlhammer, Stuttgart 2018, 255 Seiten, ISBN 978-3-17-032204-2, EUR 25,–