Fromm und lustig

Humor ist in der Kirche zumeist eine traurige Angelegenheit – besonders wenn er als Waffe in innerkirchlichen Richtungskämpfen eingesetzt wird. Von Tobias Klein

Pastor preaching in the Church

Vom Hl. Papst Johannes XXIII. wird berichtet, ihm sei einmal sein Schutzengel im Traum erschienen, um ihn zu ermahnen: „Giovanni, nimm dich nicht so wichtig!“ Diese Anekdote könnte man als Indiz dafür auffassen, dass der „papa buono“ von sich aus eher dazu geneigt war, sich allzu wichtig zu nehmen, aber zitiert wird sie in der Regel in gegenteiliger Absicht, nämlich um die Bescheidenheit und den Humor des Konzilspapstes zu betonen, von dem es heißt, er habe „die Fenster der Kirche weit aufgerissen“, um frische Luft hereinzulassen. Dieses Bild gewinnt natürlich umso mehr an Stimmigkeit, je mehr man sich die „vorkonziliare“ Kirche als miefig, starr, pompös und nicht zuletzt als humorlos vorstellt.

Gleichwohl gilt es weithin als anerkannte Tatsache, dass der Mief, die Starrheit und die Humorlosigkeit auch heute, mehr als fünf Jahrzehnte nach dem II. Vatikanischen Konzil, noch immer in der Kirche lebendig seien. So veröffentlichte das Online-Portal katholisch.de zum Rosenmontag 2016 eine von Redaktionsmitglied Björn Odendahl verfasste Glosse darüber, woran man „einen guten Katholiken erkennen“ könne: nämlich daran, dass dieser überpünktlich, im feinen Anzug und mit einem eigenen Gesangbuch ausgestattet zur Sonntagsmesse erscheine, einen Stammplatz in der Kirche habe, ausgiebig knie und Mundkommunion empfange, und das alles zu dem alleinigen Zweck, vor dem gemeinen Pöbel mit seiner Frömmigkeit anzugeben. Kurz, der „gute Katholik“ erschien in dieser Darstellung wie ein Wiedergänger des Pharisäers aus dem bekannten Gleichnis Jesu im Lukasevangelium. Nicht wenige Leser reagierten ausgesprochen empfindlich auf dieses wenig schmeichelhafte Porträt – und tappten damit prompt in eine Falle, da sie so den impliziten Vorwurf der Humorlosigkeit zu bestätigen schienen.

Dass sich solche boshaften Zerrbilder des kirchlichen „Kernmilieus“, wie man sie eigentlich eher in mehr oder weniger ausgeprägt kirchen- und religionskritischen Kontexten erwarten würde, zunehmend selbst in kirchlichen Publikationen finden – wofür die angesprochene Rosenmontags-Glosse lediglich ein besonders prägnantes Beispiel darstellt –, wirft ein bezeichnendes Licht auf einen erbitterten Richtungsstreit um den nachkonziliaren Kurs der katholischen Kirche, der unter dem gegenwärtigen Pontifikat erneut an Schärfe zugenommen hat. Diesen Richtungsstreit als Konflikt zwischen einem „liberalen“ und einem „konservativen“ Lager zu bezeichnen, ist zwar im Grunde eine grobe Übersimplifizierung, dennoch wird er in der Öffentlichkeit in der Regel so dargestellt und wahrgenommen. Problematisch daran ist nicht zuletzt, dass die Bezeichnungen dieser „Lager“ in der Wahrnehmung der breiteren Öffentlichkeit bereits eine implizite Wertung enthalten: Schon in den späten 1960er Jahren beobachteten etwa Dietrich von Hildebrand („Das trojanische Pferd in der Stadt Gottes“) und Joseph Ratzinger („Einführung in das Christentum“) die Tendenz, dass Positionsbestimmungen wie „konservativ“ oder „traditionell“ angesichts einer dominierenden, oft wenig reflektierten „Fortschritts“-Rhetorik einen zunehmend negativen Beigeschmack erhielten und als rückständig, veraltet, unzeitgemäß konnotiert wurden. Diese Tendenz hat sich seither fortgesetzt. Die im Brustton der Überzeugung vorgetragene Behauptung, bestimmte Positionen könne man im 21. Jahrhundert einfach nicht mehr vertreten, macht jede inhaltliche Auseinandersetzung mit diesen Positionen obsolet.

Dieser Umstand macht es so einfach, Komik und Satire als Waffen gegen zu Recht oder zu Unrecht als „konservativ“ etikettierte Personen oder Standpunkte einzusetzen: Man braucht sich dabei gar keine besondere Mühe zu geben, da nach herrschender Meinung alles Konservative, „Unzeitgemäße“ schon aus sich selbst heraus etwas Lächerliches an sich hat. Deutlich wird dies beispielsweise an den Papst-Karikaturen von Gerhard Mester, die in Buch- und Kalenderform im kircheneigenen St.-Benno-Verlag erscheinen und in denen Papst Franziskus als personifizierter Gegenentwurf zu einem im gleichen Atemzug klischeehaft abgewerteten traditionellen Kirchenbild idealisiert wird. Der Papst erscheint in diesen Cartoons als unkonventioneller, den Außenseitern der Gesellschaft und insbesondere den Armen zugetaner Reformer, dem das einfache Volk zujubelt, zum Argwohn einer Clique missmutig dreinblickender abseits stehender Kurienkardinäle. Eine eigentliche Pointe haben diese Karikaturen kaum; sie beziehen ihre Wirkung allein aus Schwarz-Weiß-Malerei.

Ohne echte Pointe kommen oft auch die im wöchentlichen Wechsel von verschiedenen Autoren verfassten „satirischen Wochenrückblicke“ auf katholisch.de aus. In einer der jüngsten Folgen dieser Artikelreihe spottete Felix Neumann über eine Stellungnahme der Glaubenskongregation zur Frage der moralischen Legitimität von Gebärmutterentfernungen; ins Lächerliche gezogen wurde dabei weniger der Inhalt des Schreibens als vielmehr der Umstand, dass die Glaubenskongregation sich überhaupt berufen fühlt, sich zu solchen Fragen zu äußern: „Nicht auszudenken, wenn Katholikinnen hier ohne Rat aus Rom zur Gewissensbildung schreiten müssten.“ Ähnlich leichthändig urteilte derselbe Autor in einer früheren Ausgabe über „die Lehre der Kirche über die Frauenweihe (,ist nicht weil war nie und wo kämen wir da hin!‘) und über Segnungsfeiern für gleichgeschlechtliche Paare (,ist nicht weil nicht natürlich und wo kämen wir da hin!‘)“, und insbesondere der emeritierte Papst Benedikt XVI. ist in dieser wöchentlichen Rubrik immer mal wieder für einen wohlfeilen Lacher gut. Aber auch Papst Franziskus wird zuweilen zur Zielscheibe des Spotts, wenn er sich – etwa mit Äußerungen zum Thema Abtreibung – als „konservativer“ erweist, als etwa die erwähnten Mester-Cartoons es glauben machen wollen.

Gewiss: Es liegt im Wesen von Satire, dass sie das Ziel hat, bestimmte Personen, Institutionen, Meinungen oder Verhaltensweisen zu attackieren, indem sie diese lächerlich macht. Wird die Lächerlichkeit des betreffenden Gegenstandes jedoch bloß behauptet, dann liegt es auf der Hand, dass dies nur noch der Festigung bereits bestehender Überzeugungen dienen kann. Andersdenkende sind mithin von vornherein nicht Adressaten dieser Botschaften, sondern Sender und Empfänger zwinkern einander über die Köpfe ihrer Gegner hinweg zu und versichern sich gegenseitig ihrer korrekten Gesinnung und intellektuell-moralischen Überlegenheit.

Es mag an dieser Stelle naheliegen, die Frage aufzuwerfen, ob die Kirche es sich eigentlich leisten könne, ausgerechnet ihr eigenes Kernmilieu derart aus dem Diskurs auszuschließen und vor den Kopf zu stoßen. Tatsächlich muss man aber wohl davon ausgehen, dass hinter dieser medialen Selbstrepräsentationsstrategie der Kirche ein ganz pragmatisches Kalkül steckt. Seit Jahrzehnten weisen religionssoziologische Studien darauf hin, dass die Großkirchen in Deutschland zur Erhaltung ihrer institutionellen Stabilität gerade auf die große Zahl ihrer „distanzierten Mitglieder“ angewiesen seien. Inzwischen findet sich in pastoralen Strategiepapieren ganz offen die Empfehlung, gar nicht den Versuch zu machen, die „Kirchenfernen“ für eine stärkere Beteiligung am kirchlichen Leben zu gewinnen – das Risiko, sie durch solche Versuche gänzlich zu vergraulen, sei größer als die Aussicht auf Erfolg –, sondern sie lieber in der Rolle der „stillen Teilhaber“ zu belassen. Um eventuelle Austrittsneigungen distanzierter Mitglieder zu hemmen, sei es allerdings – wie etwa der von beiden Großkirchen in Deutschland als Berater geschätzte Soziologe Detlef Pollack meint – wichtig, dass die Kirche sich „so aufgeklärt und liberal wie vertretbar“ darstelle. Dieser Strategie entspricht es offenbar, wenn humoristische oder satirische Beiträge in kirchlichen Medien ihrem Zielpublikum augenzwinkernd zu verstehen geben, als rückständig und autoritär empfundene Lehren und Strukturen der Kirche seien ohnehin nicht ernst zu nehmen – und das „erzkonservative“ kirchliche Kernmilieu, das dennoch am Althergebrachten festhalte, erst recht nicht.

Verschleiert wird dabei indes der von Kirchenmitgliedschaftsstudien aufgezeigte Umstand, dass es keinesfalls nur ein kirchliches Kernmilieu gibt, sondern mehrere – und dass diese zum Teil durchaus gegenläufige Anschauungen und Interessen aufweisen. So stellt eine Forschungsarbeit des Humangeographen Johannes Mahne-Bieder der Gruppe der „volksfrommen Traditionalisten“ jene der „frommen Modernisierer“ gegenüber, für die etwa Forderungen nach Priesterweihe für Frauen, Aufhebung des Zölibats und Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften fester Bestandteil ihres „Glaubensstils“ seien – und zeigt auf, dass gerade diese Gruppe in kirchlichen Gremien und Ehrenämtern vielfach eine dominante Stellung einnimmt. Indem bevorzugt der als konservativ eingeordnete Teil der kirchlichen Mitgliederbasis satirisch aufs Korn genommen wird, wird gleichzeitig dessen tatsächlicher Einfluss überbetont – mit dem Ergebnis, dass die „Modernisierer“ sich trotz ihrer erheblichen innerkirchlichen Machtposition als Opposition darstellen können.

So ähnlich wie die SPD, könnte man sagen. Aber das fänden die betreffenden Personenkreise vermutlich nicht besonders lustig.

„Giovanni, nimm dich

nicht so wichtig!“